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Henoks Hoffnung auf eine neue Heimat

Ein junger Flüchtling kämpft um sein Aufenthaltsrecht - 07.12.2007

Henok Tamerat möchte in Deutschland bleiben – und hat viele Fürsprecher. Ulrike Kliem von der Wohngemeinschaft für unbegleitete Flüchtlingskinder hält große Stücke auf ihn. © Fengler


Davon weiß der Junge mit den freundlichen Segelohren noch nichts, als die Freunde seiner Mutter ihn aus Addis Abeba wegschicken. Der 17-Jährige wohnt bei ihnen, seit sie starb und der Vater auf Nimmerwiedersehen verschwand. Bruder und Schwester leben nicht mehr in Äthiopien, sondern in den Vereinigten Staaten. Und da muss Henok auch hin, beschließen die Freunde. Sie bezahlen einem Mann viel, viel Geld, er soll den Teenager auf seiner Flucht begleiten.

Als das Flugzeug in Frankfurt am Main landet, schleust ihn dieser in ein Hotel. Dort sitzen beide und warten darauf, dass Henok ein Visum für die Einreise in die USA bekommt. Nach zwei Tagen macht sich der nervöse Mann aus dem Staub. Vorher setzt er den Jungen in einen Zug nach München. Das dortige Asylantenheim ist das erste von vielen Flüchtlingsunterkünften: Es folgen die Zentrale Aufnahmestelle in Zirndorf und ein Heim in Nürnberg.

Egal, wo Henok Tamerat wohnt, zwei Dinge sind immer gleich: Er ist der Jüngste von allen und er darf - wie alle Asylbewerber - nicht arbeiten. Arbeit bringt im besten Fall Lohn, Sozialversicherung und Integration. Dies soll bei Flüchtlingen, die sich in einem schwebenden Verfahren befinden, verhindert werden. Dabei nimmt man in Kauf, dass fehlende Arbeit dem Menschen Selbstbewusstsein und den Tagen einen Sinn raubt. Frustration und Nichtstun werden staatlich verordnet und meist Jahre lang finanziert. Dass ein Mensch erst einer Erlaubnis bedarf, um zu arbeiten, ist menschenunwürdig.

In einer der insgesamt 168 Gemeinschaftsunterkünfte in Bayern bekommt Henok Depressionen. Im Raum essen und schlafen und langweilen sich sechs Männer, der Umgangston ist «unangenehm», erinnert er sich. Der 17-Jährige möchte unbedingt zur Schule gehen, aber laut Gesetz hat er seine Schulpflicht schon erfüllt.

Da erfährt das Jugendamt in Nürnberg zufällig, dass ein Minderjähriger in einem Asylbewerberheim wohnt. Henok darf daraufhin in ein Kinderheim ziehen und dort bei Deutschstunden mitmachen. Mit den Sprachkenntnissen kommt das Glück: Eine Frau wird sein Vormund, erkämpft zusammen mit dem Bildungszentrum (BZ) die Teilnahme an Intensiv-Sprachkursen und Lehrgängen, die zum qualifizierten Hauptschulabschluss führen. Er darf in der Wohngemeinschaft für unbegleitete Flüchtlingskinder leben.

In den Ferien arbeitet er in unbezahlten Praktika: bei einem Schreiner, einem Bäcker, einem Koch. Henok Tamerat ist «unbegrenzt lernfähig», sagt Ulrike Kliem von der Wohngemeinschaft anerkennend, «er hat einen unbedingten Leistungswillen». Alle Meister bieten ihm nach dem Praktikum eine Lehrstelle an. Umsonst, denn er darf keine Arbeit annehmen. «Vorbildhaft sind seine Pünktlichkeit, seine Zuverlässigkeit, seine Bereitschaft ganz selbstverständlich Mehrarbeit zu leisten, wenn es gefordert ist», schreibt Rudolf Feeß vom französischen Restaurant «Le Virage» an das Innenministerium.

Im Geldbeutel das Foto seiner Freundin

So wie viele andere bemüht er sich, Henok Tamerats Fall vor die Härtefallkommission zu bringen. Denn sein Asylantrag ist abgelehnt worden. Als letztes Bundesland hat Bayern seit Ende 2006 eine solche Institution, die ausreisepflichtigen Ausländern aus humanitären oder persönlichen Gründen zu einem Aufenthalt verhelfen kann. Der inzwischen 21-Jährige hat alles, was die Entscheidung begünstigt: einen Pass, die Zusagen für eine Lehrstelle, viele Menschen, die sich für ihn einsetzen. Im Juli erteilte der damalige Innenminister Günther Beckstein Henok Tamerat das befristete Bleiberecht. Nach drei Jahren wird die Aufenthaltserlaubnis nochmals überprüft.

Seit September lernt Henok Tamerat im «Le Virage». Im Geldbeutel trägt er das Foto seiner Freundin, am liebsten kocht er Kalbsrücken in Morchelsoße. Die Zukunft malt er sich in Deutschland aus, von den USA hat er sich verabschiedet. Seine Geschwister hat er immer noch nicht gesehen.

Die Wohngemeinschaft für Flüchtlingskinder sucht Ehrenamtliche, die eine Vormundschaft übernehmen. Dabei muss man keine finanziellen Verpflichtungen eingehen oder das Mündel in die eigene Wohnung aufnehmen. Informationen im Internet unter www.fluechtlingskinder-nuernberg.de oder 2 72 63 17 (Ulrike Kliem). 

Ngoc Nguyen

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