20°

Mittwoch, 28.06. - 22:49 Uhr

|

Hitze gegen Krebs

Ein Interview mit dem Direktor der Erlanger Strahlenklinik zur Hyperthermie - 08.01.2016 11:50 Uhr

Professor Rainer Fietkau Foto: Bernd Böhner


Herr Professor Fietkau, was ist Hyperthermie?

Das ist eine Behandlung, bei der Tumorgewebe für meist ein bis zwei Stunden von außen auf 40 bis 44 Grad erhitzt wird. Die Erwärmung kann verschiedene Effekte haben. Zum Beispiel bilden sich Hitzeschockproteine, die die Immunabwehr dazu anregen, entartete Zellen abzubauen. Außerdem werden die Zellwände destabilisiert und die Reparaturmechanismen der Tumorzellen versagen. Das Gewebe wird zudem besser durchblutet und mit Sauerstoff versorgt.

 

Warum hilft das bei der Tumorbekämpfung?

Vor allem weil es andere Anti-Tumor-Behandlungen, wie Chemo- oder Strahlentherapie wirksamer macht. So wird das Tumorgewebe beispielsweise empfindlicher für Bestrahlung, weil mehr Sauerstoff vorhanden ist und die Krebszellen so nicht mehr im Stande sind, entstehende Schäden zu reparieren. Und Chemotherapeutika werden verstärkt aufgenommen und gelangen auch in zuvor schlecht durchblutete Tumorbezirke.

 

Wie wird das Gewebe erwärmt?

Meist durch elektromagnetische Strahlung oder Ultraschall. Dabei kommen speziell für diesen Zweck vorgesehene Apparaturen zum Einsatz. Die genaue Vorgehensweise hängt von der Methode ab.

 

Welche Methoden gibt es?

Am etabliertesten sind die so genannte Oberflächenhyperthermie und die regionale Hyperthermie, bei denen Tumoren über spezielle Applikatoren von außen erwärmt werden. Daneben gibt es die interstitielle Hyperthermie, bei der Antennen an oder in das Tumorgewebe angesetzt werden, um es zu erwärmen. Oder die Ganzkörperhyperthermie, bei der der gesamte Körper durch ein Wärmebett erhitzt wird. Letztere wird kaum noch angewandt, da sie sehr belastend für den Organismus sein kann.

 

Ist Hyperthermie bei allen Tumoren hilfreich?

Wirksamkeitsnachweise gibt es nur für gewisse Tumoren, beispielsweise für Weichteilsarkome, Gebärmutterhalskarzinome, schwarzen Hautkrebs und Brustkrebs-Rückfälle. Für sie hat sich in Studien gezeigt, dass sich die Wirkung von Strahlen- oder Chemotherapie durch Hyperthermie verstärkt. Auch für Blasenkarzinome liegen erste Erfolg versprechende Studienergebnisse vor. Außerdem gibt es weitere aussichtsreiche Anwendungsgebiete, wie beispielsweise Bauchspeicheldrüsen-, Prostata-, Anal- und Enddarmkarzinome, die erforscht werden.

 

Welche Effekte kann man erzielen wenn man die Standard-Tumortherapie mit Hyperthermie ergänzt?

In Studien ergaben sich längere rückfallfreie Phasen. Die Erkrankung schritt langsamer fort. Das Tumorwachstum wurde gebremst. Bei einigen Anwendungsgebieten, wie Gebärmutterhalskrebs und Weichteilsarkomen, erhöhte sich die Überlebensrate deutlich.

 

Gibt es Nebenwirkungen?

Wenn man sie korrekt durchführt, ist Hyperthermie gut verträglich. Bei schweren Herzerkrankungen oder Metallimplantaten darf sie allerdings nicht angewendet werden. Mögliche Nebenwirkungen sind örtliche Überhitzungen, die Schmerzen, Schwellungen oder kleinere Verbrennungen auslösen können. Die Wärme führt außerdem manchmal zu Herz-Kreislauf-Beschwerden, die aber meist ungefährlich sind. In sehr seltenen Fällen kann es zu Schäden am gesunden Gewebe kommen, das den Tumor umgibt.

 

Hyperthermie ist keine Standardbehandlung. Warum?

Jenseits der klassischen Anwendungsgebiete ist die Studienlage dünn. Wir vom Atzelsberger Kreis hoffen, dass sich das bald ändert.

 

Was sollten Hyperthermie-Interessierte beachten?

Es ist ratsam, sich unter wissenschaftlich kontrollierten Bedingungen behandeln zu lassen, also beispielsweise an einem Kompetenzzentrum, wie der Uni Erlangen. Abseits davon ist die Therapie-Qualität teils fraglich. Das hat etwas mit oft unzureichender technischer Ausrüstung zu tun. Darüber hinaus bieten einige Anbieter Hyperthermie zu unkritisch bei Tumorerkrankungen an, für die es keinen Wirkungsnachweis gibt.

 

Wie sieht das Hyperthermie-Angebot der Uniklinik Erlangen aus?

Wir arbeiten mit so genannter Oberflächenhyperthermie, interstitieller Hyperthermie und regionaler Hyperthermie und wenden sie vor allem bei jenen Tumoren an, für die es bereits einen Wirksamkeitsnachweis gibt. Außerdem führen wir klinische Studien durch. Wir untersuchen beispielsweise, ob sich eine Kombination von Hyperthermie und Radiochemotherapie positiv auf die Therapie von Enddarmtumoren und Harnblasenkarzinomen auswirkt. Daneben erproben wir die Hyperthermie bei Prostata- und Analkarzinomen. 

Von Nicola Menke

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Name:

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Ressorts