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Kultur statt Kohle: Mons setzt auf Kunst und Architektur

Brücke schlagen zwischen Technologie und Kultur - 16.01.2015 19:42 Uhr

Auftakt mit Hindernissen: Noch vor der Eröffnung der offiziellen Feierlichkeiten krachte das Open-Air-Kunstwerk „The Passenger“ von Arne Quinz in der Kulturhauptstadt Mons zusammen und musste abgebaut werden. © dpa


Den Auftakt hatte man sich wahrlich anders vorgestellt. Glänzen wollte die belgische Kleinstadt Mons, eine Brücke schlagen zwischen „Technologie und Kultur“, wie das offizielle Motto der Kulturhauptstadt 2015 lautet. Doch dann krachte schon vor der Eröffnung ausgerechnet das zentrale Kunstwerk „The Passenger“ von Arne Quinz in sich zusammen.

Inzwischen wurde es abgeräumt. Von einem Fehlstart will man in dem gut 90.000 Einwohner großen Städtchen rund 40 Zugminuten von Brüssel entfernt dennoch nichts wissen. Wenn am 24. Januar das offizielle Jahr als Kultur-Metropole 2015 (zusammen mit dem tschechischen Pilsen) beginnt, soll die Hauptstadt der belgischen Provinz Hennegau zeigen, dass man nicht nur eines von zwei europäischen Datenzentren des US-Konzerns Google beherbergt.

Auch das Mundaneum, das älteste Schlagwortarchiv der Welt aus dem Jahre 1895, wird zu sehen sein. „Sechs Kilometer Archivdokumente mit zwölf Millionen Karteikarten“, erklärt Sprecherin Delphine Jenart. Ab September kann man diesen Vorläufer moderner Suchmaschinen in einem neuen Gebäude besichtigen.

Dass die Kleinstadt, die bislang nur Eingeweihten als Kleinod bekannt war, den Zuschlag als Kulturhauptstadt bekam, ist vor allem ein Verdienst des Mannes, der seit 2001 hier als Bürgermeister regiert: Elio di Rupo, der Chef der wallonischen Sozialisten, bis 2014 auch Premierminister Belgiens.

Der Mann weiß, womit seine Stadt beeindrucken kann: Die Zahl der Bauwerke und folkloristischen Darstellungen, die als Weltkulturerbe den Sprung auf die Liste der Unesco geschafft haben, ist groß. Zum Beispiel der 87 Meter hohe, alles überragende Belfried, über den der französische Schriftsteller Victor Hugo 1837 sagte: „Man stelle sich eine riesige Kaffeekanne vor, umgeben von vier kleineren Teekannen. Er wäre hässlich, wenn er nicht so groß wäre.“

Der Grand Place, jener typisch belgische Marktplatz mit seinem ungeordneten Nebeneinander von barocken und spätgotischen Bauten, gehört zu den Attraktionen der Stadt.

Ein Spaziergang durch die kleinen Straßen und Gassen der City fällt erholsam aus: Die meisten kleinen Sträßchen sind für den Autoverkehr gesperrt – für Belgien fast so etwas wie eine Kulturrevolution.

In den Cafés hängen Plakate mit Hinweisen auf Créativité, auf Les Artists, Spectacle, das Carré des Arts. Die „Nacht der Poeten“ macht von sich reden, das „Internationale Liebesfilmfestival“ fand international Beachtung.

Kaum vorstellbar, dass Mons lange Zeit als Kohle-Revier verschrien war. Im 19. Jahrhundert wurde in der Umgebung mehr schwarzes Gold gefördert als in Deutschland und Frankreich zusammen. Dann kamen Tuchmacher, Spinnereien, Zucker-, Seifen-, Tabak-, Spitzen-, Fayence- und Tonpfeifenfabriken.

Erst vor wenigen Jahren gelang der Sprung in die Moderne, als man zuerst Google und anschließend den Software-Giganten Microsoft gewinnen konnte. Das Publikum von Mons (auf Flämisch heißt die Stadt „Bergen“) kommt aus aller Welt. Schließlich beherbergt die Stadt vor den Toren auch Shape, das militärische Hauptquartier der Nato. Von hier aus werden die Operationen der Allianz in aller Welt geleitet.

Fünf Museen, ein Konzerthaus

Als Kulturhauptstadt 2015 hat Mons sich fünf Museen und ein Konzerthaus zugelegt. Das neue Kongresszentrum direkt hinter dem Bahnhof wurde von dem amerikanischen Stararchitekten Daniel Libeskind nach dem Vorbild einer blühenden Rose entworfen – während er zeitgleich in New York den Bau des neuen One-World-Towers leitete. In der Wallonie verbaute er Glas und Holz, das Ergebnis erinnert an eine Wüstenblume. Doch noch prägen Baustellen das Bild. Wer von Brüssel aus mit dem Zug ankommt, muss sich durch eine Großbaustelle quälen: Der Spanier Santiago Calatrava wird das neue Bahnhofsgebäude erst 2016 vollenden. „Ich habe nie gesagt, wir wären mit allen Projekten rechtzeitig fertig“, sagt Yves Vasseur, der Präsident der Kulturhauptstadt-Initiative. 75 Millionen Euro standen ihm als Etat zur Verfügung. Das ist nicht viel, aber in dem ohnehin verarmten und von Arbeitslosigkeit geplagten frankophonen Landesteil Belgiens kann man sich keine großen Sprünge leisten. Zu sehr lasten die Folgen des notwendigen Umbruchs in der wirtschaftlichen Infrastruktur auf der Region. Erst zerbrach die Kohle-Industrie, dann endete das Hoch der Stahl-Branche, schließlich wanderten durch die Globalisierung auch die Aufträge für Tuchmacher ab.

Zwar lobt man in Mons nur allzu gerne die beiden Internet-Giganten und spricht schon vom „Creative Valley“. Doch das ist – zumindest bisher – wie alles hier noch eher bescheiden ausgefallen. In diesem Jahr aber will man bekannt werden. Rund 300 Veranstaltungen sind geplant, als Höhepunkt gilt eine Vincent-Van-Gogh-Ausstellung. Der niederländische Maler lebte ein paar Monate in der Borinage, einem Gebiet vor den Toren der Stadt.

Fast alles, was man sich für dieses Jahr hat einfallen lassen, dreht sich um Mons und seine Umgebung. Schon am Bahnhof beginnt ein Satz, dessen einzelne Buchstaben sich an den Häuserfassaden, über Fenster, durch Parks und rund um Straßenecken strecken. Je nach Standort erzählen die Worte von den Künstlern dieser Stadt: von Verlaine, der hier im Gefängnis saß, von van Gogh oder von dem Renaissance-Komponisten Roland de Lassus. Dass auch der lange Jahre bekannte Schlagerstar Salvatore Adamo in Mons aufgewachsen ist, erwähnt man ebenfalls stolz.

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Detlef Drewes

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