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Häuptling Jonathan Mumena XI. fällt auf. Mit Schnäuzer, grellbunter Krawatte und schwarzer Melone auf dem Kopf läuft der 48-Jährige aus Sambia im Süden Afrikas in diesen Tagen kreuz und quer über die Welt-Aids-Konferenz in Washington. Sein Anliegen: Beschneidung.
So viele afrikanische Männer wie möglich sollten sich die Vorhaut an ihrem Penis entfernen lassen, fordert Mumena immer und immer wieder. Auf freiwilliger Basis natürlich. „Das ist der Weg, HIV in Afrika endlich zu stoppen.“ Noch vor wenigen Jahren sah Mumena das ganz anders. Für viele Stämme in Afrika gehört Beschneidung als Männlichkeitsritual fest zu ihrer Kultur – aber in Mumenas Stamm der Kaonde, der mit rund 600 000 Menschen im Nordwesten Sambias lebt, werden Männer traditionell nicht beschnitten.
Als Häuptling ist Mumena für die Bewahrung von Kultur und Riten seines Stammes verantwortlich. „Beschneidung war für uns immer eine barbarische Sache und wir haben auf die Stämme um uns herum, die ihre Männer beschnitten haben, herabgeschaut“, erzählt der kleine, rundliche Mann. „Aber dann kam eines Tages mein 18 Jahre alter Sohn Benjamin zu mir und sagte “Papa, ich werde mich beschneiden lassen“. Da musste ich erstmal tief durchatmen und dann habe ich mich informiert.“
Über das HIV/Aids-Programm der Vereinten Nationen (UNAIDS) erfuhr Mumena von Studien, die gezeigt haben, dass mit einer Beschneidung das Risiko einer HIV-Übertragung von Mann zu Frau und umgekehrt um mehr als 60 Prozent gesenkt werden kann. Hauptsächlich liege das daran, dass die innere Seite der Vorhaut sehr anfällig für eine Infektion mit HIV sei, erklärt Emmanuel Njeuhmeli vom US-Aids-Programm PEPFAR.
In Häuptling Mumenas Heimat Sambia, einem der ärmsten Länder der Welt, leben UNAIDS-Schätzungen zufolge mehr als 14 Prozent der Menschen mit HIV. „Ich habe dann überlegt, ob Beschneidung ein Leugnen meiner Kultur wäre. Aber meine Kultur zu schützen heißt doch in erster Linie, das Leben zu beschützen. Wenn niemand in meinem Stamm mehr lebt, kann auch niemand mehr unsere Kultur genießen.“
Mumena ließ sich beschneiden und mit ihm viele andere Mitglieder seines Stammes. Alleine im September vergangenen Jahres seien es 400 gewesen, sagt der 48-Jährige. „In meiner Provinz sind jetzt 71 Prozent der Männer beschnitten und wir haben die geringste Infektionszahl in Sambia.“
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), UNAIDS und PEPFAR empfehlen die freiwillige Beschneidung von Männern in Afrika südlich der Sahara. Weil die Prozedur besonders das Risiko einer Übertragung von Mann zu Frau und umgekehrt senken kann, die in Afrika immer noch vorherrscht. Und weil sie günstig ist: Die Kosten liegen der WHO zufolge unter 100 Dollar (rund 80 Euro). Gemeinsam wollen Hilfsorganisationen und Nichtregierungsorganisationen erreichen, dass bis 2015 rund 80 Prozent der Männer und neugeborenen männlichen Babys in 14 afrikanischen Ländern – darunter Sambia, Simbabwe, Malawi und Südafrika – beschneiden lassen.
Geschätzt 3,4 Millionen HIV-Neuinfektionen könnten so bis 2025 verhindert werden. Allerdings mahnen die Organisationen auch, dass eine Beschneidung allein noch keine Lösung ist. Kondome sollten dringend zusätzlich benutzt werden. Außerdem sollten die Länder neben der Beschneidung auch Tests, Beratung und Medikamente bereitstellen.
Wissenschaftler warnen außerdem, dass noch weitere Studien durchgeführt werden müssten, um die Effekte genauer verstehen zu können. Und es gibt Risiken: Wenn die Beschneidung nicht professionell durchgeführt wird, kann das zu schweren Verletzungen führen. „Nach der Beschneidung muss die Wunde außerdem mindestens sechs Wochen heilen“, sagt Njeuhmeli von PEPFAR.
„Wenn ein Mann in dieser Zeit trotzdem Sex hat, ist das Risiko einer Ansteckung viel höher als sonst.“ In Simbabwe im Südosten Afrikas ließen sich im Juni gleich 120 Parlamentsabgeordnete öffentlichwirksam gleichzeitig beschneiden. „Wir wollten andere inspirieren, es uns gleichzutun“, sagt der Abgeordnete Blessing Chebundo. „Nur wenn wir Männer in Afrika uns beschneiden lassen, können wir das Ziel von null HIV-Neuinfektionen und null Aids-Toten in der Zukunft erreichen.“