Der Holocaust ermahne dazu, dass in Deutschland alle Menschen frei und ohne Angst leben können müssten, sagte Lammert. „Die vergangenen Wochen und Monate mit der Aufdeckung einer beispiellosen Mordserie haben uns allerdings wieder vor Augen geführt, dass wir dieses Ziel noch nicht erreicht haben.“
Reich-Ranicki schilderte in seiner bewegenden Rede, wie er als Protokollant einer Sitzung im Warschauer Ghetto beiwohnte, mit der die Deportation tausender Juden ins Vernichtungslager Treblinka eingeleitet wurde. „An den beiden zum Konferenzraum führenden Türen waren Wachtposten aufgestellt“, berichtete der 91-Jährige. „Sie hatten, glaube ich, nur eine einzige Aufgabe: Furcht und Schrecken zu verbreiten.“
Die in den Vormittagsstunden des 22. Juli 1942 begonnene Deportation der Juden aus Warschau nach Treblinka habe bis Mitte September gedauert, schilderte Reich-Ranicki. Der damalige SS-Sturmbannführer habe die sogenannte Umsiedlung der Juden aus dem Ghetto heraus mit den Worten begründet: „Es ist euch ja bekannt, dass es hier zuviel Juden gibt.“ Was die „Umsiedlung“ der Juden genannt worden sei, sei in Wirklichkeit die Aussiedlung aus Warschau gewesen, fügte Reich-Ranicki hinzu. „Sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck: den Tod.“
Auch Reich-Ranickis Eltern waren in Treblinka ermordet worden. An der Veranstaltung nehmen auch Bundespräsident Christian Wulff, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle und weitere Repräsentanten von Staatsorganen sowie von Opferverbänden teil. Der Gedenktag erinnert an die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945.
Der Generalsekretär des Zentralrates der Juden, Stephan Kramer, warnte davor, das Gedenken an den Holocaust zu einem „kalten Ritual“ verkümmern zu lassen. Vielmehr müssten „die Herzen der Menschen und der zukünftigen Generationen erreicht werden“, sagte er dem Sender NDR Info. Es gehe nicht darum, einen Schuldkomplex weiterzutragen, sondern Verantwortung zu transportieren, so Kramer. Der Holocaust-Gedenktag ermahne dazu, dass sich ein derartiges Verbrechen niemals wiederholen dürfe, erklärte Bundesaußenminister Guido Westerwelle.
„Dass Deutschland wieder ein anerkanntes Mitglied der Völkergemeinschaft geworden ist, empfinde ich als ein großes Glück.“ Die Grünen forderten mehr Engagement gegen den heutigen Rechtsextremismus. „Jahrelang konnte eine rechtsradikale Terrorzelle eine Blutspur durch Deutschland ziehen, ohne dass rechtsextreme Ideologien als Motiv für diese Morde ernsthaft geprüft wurden“, erklärten die Parteichefs Claudia Roth und Cem Özdemir.