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Auf Schlittschuhen durch die Koalitionskriege

Binationale Studentengruppe testet die Kraft des Kollektivs an der Übersetzung eines Jules-Verne-Romans - 02.09.2013 17:44 Uhr

...dann glühen die Finger der Seminarteilnehmer beim Übersetzen... © PR


Eine große 21 prangt auf dem digitalen Zifferblatt an der Decke, ziemlich spät für eine Uni-Veranstaltung. Ob man zu einer solchen Zeit überhaupt noch etwas lernen kann?

Es ist außerdem recht kalt. Musik schwappt aus überdimensionalen Lautsprechern über das weite Oval der Sitzplatzreihen. In der Eislauf-Arena zieht eine Gruppe von Studenten mit dicken Wollmützen und Winterhandschuhen ihre Kreise. Wenn jemand stürzt, wird geflucht – auf Deutsch oder Französisch.

Es ist ein ungewöhnliches Szenario für ein literaturwissenschaftliches Hauptseminar. Zumal das Ganze wenig mit dem Lehrinhalt zu tun hat. „Teambuilding“ nennt Prof. Ralf Junkerjürgen diese Veranstaltung. „Wir treffen uns zu Beginn des Semesters, um den Gruppenzusammenhalt zu stärken. Eislaufen ist dafür bestens geeignet.“

Aufregende Flucht

Soweit der Rückblick. Mittlerweile ist es Spätsommer – und das Projekt abgeschlossen: Eine Gruppe von 25 Studenten aus Regensburg und Clermont-Ferrand wagte sich an die Erstübersetzung des Romans „Le Chemin de France“ („Der Weg nach Frankreich“) von Jules Verne. Das Buch war im Oktober 1887 im Verlag von Pierre-Jules Hetzel in Paris erschienen. Und es war das bis dahin letzte in Deutschland noch unberührte Werk des französischen Literaturriesen.

Der historische Roman erzählt von einem Urlaub in Deutschland im Jahre 1792, der von dem Ausbruch des ersten Koalitionskrieges gegen Frankreich unterbrochen wird und die französischen Hauptfiguren dazu zwingt, auf einer aufregenden Flucht quer durch die deutschen Länder in die Heimat zurückzukehren. Eine unmögliche Heirat, ein drohendes Duell zwischen erbitterten Rivalen, Kopfgeldjäger, unberechenbare Truppenbewegungen und ein drängendes Ausreise-Ultimatum machen den Weg zur französischen Grenze zu einem abenteuerlichen Rennen gegen die Zeit.

Die wenig schmeichelhaften Aussagen über Deutsche und Preußen waren sicherlich ein Grund dafür, dass der Text Ende des 19. Jahrhunderts nicht in die deutschsprachigen Verne-Reihen aufgenommen wurde. Und sie machten ihn zum idealen Anlass, das 50. Jubiläum des Elysée-Vertrags – der 1963 die Versöhnung der beiden Länder besiegelte – zu feiern.

Das Buch ist inzwischen erschienen und hat dabei gleich doppelten Symbolcharakter, weil sich die Übersetzergruppe aus deutschen und französischen Studierenden zusammensetzte. „Das hat die Sache viel leichter gemacht, da Muttersprachler einem bei Übersetzungsproblemen helfen und gleichzeitig ihr Deutsch verbessern“, erklärt Junkerjürgen.

Vom aktuellen Anlass einmal abgesehen, liegt das Besondere dieses Projekts aber ganz woanders: nämlich in der Erprobung kollektiver Seminarformen in den Sprachwissenschaften. Die tun sich damit bisher schwer und pflegen weiterhin eher den Frontalunterricht – oder Referate, bei denen jeder letztlich nur für sich arbeitet.

Dozent muss umdenken

„Die Vorstellung vom Einzelkämpfer, der sich zuerst allein durch das Examen, danach durch die Promotion und sogar noch Habilitation schlägt, hat die philologischen Fächer tief geprägt“, sagt Junkerjürgen. „Und es hat bisher eher verhindert, dass sich kollektive Arbeitsformen etablieren konnten.“

Als erstes müsse der Dozent akzeptieren, dass er eine ganz andere Rolle zu spielen habe: „Die Entscheidungsfindung erfolgte bei unserem Projekt horizontal. Ich war letztlich nur für Planung, Abläufe und Qualitätskontrolle zuständig“.

Bei solchen Kollektivprojekten werden aus Studierenden und Dozenten Partner mit demselben Ziel. „Natürlich muss man klare Vorgaben machen“, sagt Junkerjürgen. „Aber das Entscheidende ist, den Studierenden zu vertrauen. Dann nehmen sie die Verantwortung auch an und werden zu Leistungen motiviert, die ich in einem gewöhnlichen Hauptseminar nie erlebt habe.“

Die Rohfassung der Übersetzung war bereits nach zwei Wochen fertig, anschließend arbeitete die Gruppe an den Details. Neben den kollektiven sind es vor allem die praxisbezogenen Elemente, die den Kurs so wertvoll machten.

Denn neben der eigentlichen Übersetzung wurde das Werk anschließend noch in Lektoratsgruppen korrigiert. Auch Öffentlichkeitsarbeit und Vermarktung gingen in die Benotung mit ein. Für viele Teilnehmer eröffneten sich erste Einblicke in mögliche Berufsfelder. Andere dagegen genossen nur die angenehme Atmosphäre: „In unserem Kurs kannte jeder jeden, und man arbeitete nicht nur für sich, sondern auch für die anderen. Die Motivation war größer als in anderen Hauptseminaren“, meint einer der Kursteilnehmer. „Denn anstelle einer Hausarbeit, die später im Ordner vergilbt, haben wir gemeinsam an einem Buch geschrieben, das jetzt jeder Interessierte lesen kann.“

Dass es bei einem solchen Projekt auch Rückschläge gibt, ist ebenfalls eine Erkenntnis, die die Studenten mitnehmen konnten: Ein anderer Verlag kam dem Uni-Kurs mit der Erstübersetzung des Romans zuvor. Kein Grund zur Panik, meinen die Studenten: „Wir hatten 25 Übersetzer, die nur einen einzigen. Wer am Ende die bessere Arbeit gemacht hat, wird sich zeigen“. 

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