Sonntag, 18.11.2018

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Dehnübungen, bis der Muskelkater kommt

Erlanger Studentin der Theater- und Medienwissenschaft berichtet von einem Schauspielworkshop - 21.08.2018 17:11 Uhr

Die Aufgabenstellung für diese spontane Improvisationsübung lautet „beim Zahnarzt“. Unsere Autorin Helke ist übrigens die „Patientin“. © privat


Zehn Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sitzen am Freitagabend in der Tanzzentrale Fürth. Dabei sind unter anderem die 72-jährige Ingrid, pensionierte Lehrerin für Deutsch und Geschichte, die 15-jährige Schülerin Laura aus Gießen, die 22-jährige Selli, Soldatin bei der Bundeswehr, der 20-jährige Henrik, der jetzt in Nürnberg sein Abitur machen will – und ich, Studentin der Theater- und Medienwissenschaft und Germanistik in Erlangen.

Was wir gemeinsam haben? Die Liebe und die Begeisterung zum Schauspielen. Die Schule für Schauspiel Hamburg (SFSH) ist im vergangenen Jahr 30 Jahre alt geworden und feiert das Jubiläum mit einem kostenlosen Orientierungsworkshop in Nürnberg.

An drei Tagen dürfen wir uns ausprobieren, improvisieren und zeigen, was wir können und wollen. Denn der Workshop kann die Aufnahmeprüfung für eine Ausbildung an der SFSH ersetzen.

Druck entsteht dabei jedoch nicht, die Atmosphäre ist von Beginn an entspannt, die Prüfungssituation schnell vergessen. Ich hätte es kaum für möglich gehalten, das eine Gruppe von so verschiedenen Menschen und Charakteren so schnell eine Einheit wird. Scham oder Konkurrenz haben keine Chance, wir werden in Rekordzeit zu Teamplayern.

Das sei wichtig für Schauspieler, da man später im Ensemble agieren müsse, erklärt uns Julián Tejeda, der den Kurs leitet. Er selbst hat seinen Kindheitstraum wahr gemacht und die Ausbildung zum Schauspieler 2002 an der SFSH abgeschlossen.

Neugierde und Spielfreude

Anschließend arbeitete er als Schauspieler unter anderem am Jungen Theater Bonn. Seit etwa fünf Jahren ist er Schauspieldozent und theaterpädagogisch an Grundschulen tätig.

"Zum selbst Spielen bleibt für mich zwischen Workshops und Unterricht kaum Zeit, aber mir macht diese Arbeit auch unglaublich viel Spaß", erklärt er. Die Leidenschaft und das Herzblut, die in seinem Beruf stecken, merkt man ihm deutlich an. Und auch uns erklärt er, wie wichtig der Biss, die Neugierde und vor allem die Spielfreude sind.

Wir starten mit Aufwärmspielen, wir zählen bis zehn und wieder rückwärts bis eins, während wir Impulse weitergeben – leichter gesagt als getan! Wir üben Zungenbrecher mit Potsdamer und Cottbuser Postkutschern und machen Dehn- und Lockerungsübungen bis der Muskelkater kommt. Schauspielern ist nun mal ein Knochenjob.

Danach geht es mit Improvisationsübungen weiter, in Paaren oder kleinen Gruppen entstehen kurze Szenen, mal realistisch und mal vollkommen absurd. So treffen an einer imaginären Bushaltestelle eine Außerirdische, eine Prostituierte, ein Kind, eine Busfahrerin und ein Steinzeitmensch aufeinander – nur, dass niemand weiß, wer von denen er selbst eigentlich ist und das erst im Spiel mit den anderen herausfinden soll.

In den verschiedenen Spielen wird immer wieder unsere Wachsamkeit auf die Probe gestellt. Aus dem Nichts eine Geschichte zu erzählen, ist für manche schon so nicht einfach.

Aber dabei gleichzeitig zu versuchen – ähnlich wie bei der Reise nach Jerusalem – einen freien Stuhl zu ergattern, während die anderen heimlich versuchen, die Plätze zu tauschen, ist schwierig. Multitasking wird genauso zur Grundvoraussetzung wie nonverbale Kommunikation.

Diese findet ihren Höhepunkt, als wir uns zu zweit zu Puppenspieler-Marionetten-Teams zusammentun. Während die Puppen eine Szene improvisieren, bestimmen wir Puppenspieler, welche Bewegungen dazu passen – und kommunizieren diese ganz ohne Fäden und (fast) ohne Berührungen an unseren Puppen-Partner weiter.

Am Sonntagnachmittag ist der Kurs schon wieder vorbei, die Stunden sind nur so vorbeigeflogen. Es folgt ein individuelles Abschlussfeedback. Selli und Henrik bekommen direkt einen Ausbildungsvertrag angeboten. Ingrid hat mit ihren 72 Jahren keinen Ausbildungsvertrag erwartet, aber auch ihr gefiel der Kurs sehr gut. Könnte man doch bloß die Zeit zurückdrehen, meint sie.

Für uns Jüngere war es toll, sie in der Gruppe zu haben: Spätestens nach den ersten Spielen war klar, dass wir eine Menge von ihr lernen können.

Laura muss noch ein paar Jahre warten, die SFSH nimmt erst Schüler ab 17 auf, und erst mal will die Schule geschafft werden. Mir und einigen anderen wird zunächst ein Vorsemester empfohlen. Aber auch wenn mir der Kurs unglaublich viel Spaß gemacht hat, bleibe ich beruflich wohl lieber hinter den Kulissen.

  

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