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Ein 60er-Fan und Biker im lauwarmen Wasser

Der Kanzler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg spricht über seinen Job und seine Hobbys - 20.04.2017 16:46 Uhr

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x © Harald Sippel


Herr Zens, die provokanteste Frage natürlich zuerst: Was hat Sie dazu bewogen, einen Job anzunehmen, von dem Ihre Vorgängerin offenbar so genervt war, dass sie ihn freiwillig aufgegeben hat?

Zens: Ich bin Jurist und kein Historiker. Die ganze Vorgeschichte dieser Angelegenheit interessiert mich also nicht. Ich habe Lust auf Arbeit, und ich möchte zeigen, was ich kann. Kanzler der FAU zu werden, war ja für mich auch kein Sprung ins eiskalte, sondern ins lauwarme Wasser. Denn ich war schon Kanzler der Viadrina-Universität, daher kenne ich die Probleme, die es innerhalb einer Universität gibt. Natürlich ist die Dimension hier eine ganz andere. Und davor hab ich Respekt.

 

Ein Problem ist zum Beispiel, dass die Expansion der FAU auf dem früheren AEG-Gelände in Nürnberg geplatzt ist. Die Debatte, wie es jetzt weitergeht, führen derzeit vor allem die Politiker. Die FAU hält sich dagegen ganz auffällig zurück mit Wünschen oder Lösungsvorschlägen. Warum?

Zens: Weil wir keine Kirchturmpolitik betreiben. Klar ist, dass wir bei den bestehenden Gebäuden einen ganz erheblichen Sanierungsbedarf haben und zudem die Zersplitterung der Standorte beseitigen möchten. Aber darüber hinaus haben wir einen zusätzlichen Bedarf von 45 Hektar angemeldet. Unser Angebot soll studierbar sein, für die Studierenden soll ein vernünftiges Umfeld vorhanden sein. Aus alldem ergibt sich: Wir stellen nicht die Forderung, dass wir da oder da hinwollen. Sondern wir warten, was man uns anbietet, und entscheiden dann: Das passt oder das passt nicht.

 

Haben Sie denn als Kanzler auch Erfahrungen im Gebäudemanagement sammeln können, die Ihnen jetzt zu Gute kommen?

Zens: Als Kanzler der Viadrina-Universität sicher nicht so viel. Aber davor umso mehr. Ich war 15 Jahre für einen Immobiliendienstleiter des Bundes tätig. In dieser Zeit haben wir mehr als 9000 Wohnungen verkauft, sechs Flugplätze abgewickelt und uns um die Umwandlung von zahlreichen Kasernengeländen in zivile Flächen gekümmert. Ich glaube sagen zu können: Ich kann Immobilien.

 

Das alles geschah in der damals gerade nicht mehr real existierenden DDR. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Zens: Die DDR selbst kannte ich gar nicht, lediglich von Transitfahrten auf der Autobahn nach West-Berlin. Als ich dann 1991 nach dem Studium nach Brandenburg kam, war das Ausland für mich. Und das nicht nur wegen der Sprache, auch die Menschen dort waren ganz anders sozialisiert, als ich das kannte. Da habe ich mich an den Spruch meiner Oma gehalten: Augen auf, Ohren auf – und Mund zu! Niemand wusste, wie das geht, was wir machen sollten. Also haben wir alle zusammen den gesunden Menschenverstand eingeschaltet und gemacht, was uns sinnvoll und nötig erschienen ist. Es gab dabei praktisch keine Regeln, die haben wir uns selbst gemacht. Zum Teil wurden sogar Verwaltungsvorschriften außer Kraft gesetzt, damit es vorwärtsgehen konnte.

Ein anderer Aspekt ist der europäische. Als ich in Frankfurt/Oder anfing, verlief dort eine Außengrenze der Europäischen Union. Nachdem Polen 2004 Mitglied der EU wurde und 2007 dem Schengener Abkommen beigetreten ist, hat sich enorm viel dort verändert. Die zuvor von der Bundespolizei bewachte Grenze hat sich vor unseren Augen praktisch aufgelöst. Früher war es für Studenten der Viadrina jedesmal eine Riesenaktion, zu Lehrveranstaltungen an die Partner-Universität in Słubice auf der anderen Seite zu kommen. Heute gehen die jungen Leute abends einfach so zum Pizzaessen da hin.

 

Sie haben in Ihrer Antrittsrede folgendes Zitat benutzt: "Im absolutistischen Staat hatte der Kanzler sowohl universitätspolitisch als auch gesellschaftlich Vorrang vor dem Rektor der Universität". Ist das ein geheimer Wunsch von Ihnen?

Zens: Nein, sicher nicht. Das war scherzhaft gemeint, und ich habe auch sofort hinzugefügt, dass das weder eine Regierungserklärung von mir noch eine Kampfansage an unseren Präsidenten sein soll.

 

Zu guter Letzt: Unter welches Motto stellen Sie Ihre Aufgabe als Verwaltungschef der FAU?

Zens: Es muss Spaß dabei sein, Probleme haben wir so oder so genügend. Und mir ist wichtig, dass die Mitarbeiter in der Verwaltung gut voneinander trennen können, wann etwas ihrer besonderen Aufmerksamkeit bedarf und wann sie auch mal wegschauen können.

 

Zur Person: Christian Zens (Jahrgang 1961) hat Jura an der Ludwig-Maximilians-Universität in München studiert und das Referendariat bei der Bundesfinanzverwaltung absolviert. Anschließend war er Leiter des Bundesvermögensamtes in Frankfurt/Oder sowie Referent im Bundesministerium der Finanzen. 2007 wurde er Kanzler der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/ Oder. Seit 2014 leitet er den Arbeitskreis Hochschul-IT im Bundesarbeitskreis der Uni-Kanzler(innen). Laut Bayerischem Hochschulgesetz leitet der Kanzler die Verwaltung der Universität und ist Beauftragter für den Haushalt sowie Dienstvorgesetzter der nichtwissenschaftlichen Beamten und Beschäftigten.

 

Zens und die Kunst, ein Motorrad zu fahren: „Ich hatte als Schüler mein erstes Motorrad, als Student hatte ich kein Geld mehr dafür. Später nach dem Studium auch nicht, da kamen Kinder und Hausbau. Also war ich mit etwa 40 ein klassischer Wiedereinsteiger. Ich habe mir eine Honda Shadow mit 1100 Kubikzentimetern gekauft, mit der war ich – zusammen mit einem Kumpel – am Nordkapp und in Gibraltar. Hier, in direkter Nähe zur Fränkischen Schweiz, will ich damit möglichst oft fahren.“

 

Zens zum Thema Fußball: „Als gebürtiger Oberbayer hat man nur die Wahl: Bayern oder 1860 München. Bayern-Fan war ich nie, sondern immer ein 60er, vor allem damals als Student. Zusammen mit Kumpels bin ich öfters zum Pokal-Finale nach Berlin gefahren. Nicht nur wegen des Fußballs, auch wegen der Stadt: Im Vergleich zu Berlin war München damals tiefste Provinz. Nach dem Umzug nach Frankfurt/Oder habe ich natürlich ein wenig den Kontakt verloren. Heute bin ich kein Fan im eigentlichen Sinne mehr. Ich mag Fußball gerne, aber ich muss nicht mehr in der Kurve stehen. Was den Club betrifft: Ich glaube, meine Leidensfähigkeit wird schon im Hinblick auf 1860 genügend geprüft.“

 

Zens über die Radfahrer in Erlangen: „In diesem Leben werden wir sicher keine Freunde mehr. Und im nächsten auch nicht. Mich stört vor allem die Aggressivität, mit der hier Rad gefahren wird, die mangelnde Rücksichtnahme. Als Fußgänger brauchst du permanent einen Rundum-Radar wenn du nicht über den Haufen gefahren werden willst.“ 

Interview: LOTHAR HOJA

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