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Frieden – zumindest im Klassenzimmer

In einer besonderen Schule in Jerusalem lernen arabische und jüdische Schüler gemeinsam - 04.09.2017 10:00 Uhr

Ayelet (links) und Tulip sind beste Freundinnen. Das ist in Israel zwischen Moslems und Juden nicht die Regel. © Foto: Kathrin Harms/Kindermissionswerk


Tulip und Ayelet sind beste Freundinnen. Die beiden Elfjährigen kennen sich schon seit dem Kindergarten und sitzen in allen Schulstunden nebeneinander. Oft kichert die eine los, sobald die andere was sagt. Tulip möchte gerne Regisseurin werden und Ayelet am liebsten Schauspielerin. Kein Wunder also, dass sie beide kein Mathe mögen, aber dafür umso lieber Kunst.

Ein kleines Wunder dagegen ist es, dass sie so gute Freunde sind und dass sie sich überhaupt kennen: Tulip mit den langen, dunklen Locken ist nämlich Araberin – und die sportliche Ayelet ist Jüdin. Dazu muss man wissen: In Israel haben viele Juden Angst vor den Arabern, und viele Araber haben Angst vor den Juden.

Weil die meisten jüdischen Kinder in Israel auf jüdische Schulen gehen, und die meisten palästinensischen Kinder auf arabische Schulen, gewöhnen sie sich daran, dass man unter sich bleibt. Denn sie kennen es nicht anders. Und wenn man sich nicht kennenlernt, hat man manchmal sogar noch mehr Angst voreinander.

Aber Ayelet und Tulip gehen auf eine besondere Schule in Jerusalem: die Hand-in-Hand-Schule. Seit zweieinhalb Jahren wird die Schule vom Kindermissionswerk "Die Sternsinger" aus Deutschland unterstützt. Fünf solcher Schulen gibt es bereits in Israel, und sie sind ein echter Hoffnungsschimmer.

Hier lernen arabische und jüdische Kinder vom Kindergarten an gemeinsam. Es wird abwechselnd Hebräisch oder Arabisch gesprochen. Normalerweise lernen jüdische Kinder fast gar kein Arabisch in der Schule, weil ihre Muttersprache, das Hebräische, die israelische Amtssprache ist. Arabische Kinder dagegen müssen Hebräisch lernen, um in Israel zurechtzukommen, zum Beispiel wenn sie dort studieren wollen.

Es braucht aber auch Mut, die Hand-in-Hand-Schule zu besuchen. Das haben die beiden Mädchen schon selbst erlebt. "Es ist schwierig, meinen anderen Freunden zu erklären, was wir hier machen", sagt Ayelet. "Was, du lernst wirklich mit Arabern?", fragen die dann. Und Ayelet antwortet: "Natürlich! Meine beste Freundin heißt Tulip!"

Weil nicht nur Moslems und Juden zu den 700 Schulkindern gehören, sondern auch Christen und ein paar Kinder, deren Familien zur winzigen Religionsgemeinschaft der Drusen gehören, gibt es neben Mathe, Kunst und Englisch viel zu lernen. Denn um einander kennenzulernen, ist es wichtig, zu verstehen, welche Feste der andere feiert und welche Traditionen sein Leben bestimmen. Und da kommt bei vier Religionen ganz schön was zusammen.

Ayelet und Tulip werden noch bis zur 12. Klasse gemeinsam zur Schule gehen. Dann wird Ayelet wie alle jüdischen Israelis als Soldatin zum Militär gehen müssen – und dann vielleicht sogar einmal gegen Verwandte von Tulip in den Krieg ziehen. Dagegen kann auch die Schule nichts unternehmen. Aber immerhin wissen Ayelet und Tulip längst, dass man befreundet sein kann, auch wenn es die eigenen Völker vielleicht nicht sind. 

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