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In zwei Lehrjahren zum Lebensretter

Charlotte und Alexander trainieren an der Berufsfachschule für Rettungsassistenten jeden Tag den Notfall - 18.07.2012 09:00 Uhr

Charlotte und Alexander demonstrieren an unserer Autorin Lisa, wie sie Menschen retten. © Eduard Weigert


In der ASB-Schule in Lauf beginnt der Tag um acht Uhr. Die Klasse wird heute in zwei Gruppen aufgeteilt. Die Gruppe von Alexander Albrecht (20) und Charlotte Graf (20) muss zum Praxisunterricht in die SanArena im Keller. Das ist so etwas wie die große Spielwiese der angehenden Rettungskräfte: ein Nachbau einer Wohnung mit Bad, Küche, Wohn- und Schlafzimmer, daneben eine Baustelle samt Straße. Sogar ein Rettungswagensimulator ist eingebaut.

Die erste Übungssituation: Ein alkoholisierter junger Mann ist gestürzt. Per Funk werden die vor der Tür wartenden künftigen Rettungsassistenten zum „Unfallort“ gerufen. Mit Rettungsjacke, Notfallkoffer, Absaugpumpe und EKG-Gerät treffen Charlotte und ein Mitschüler, der von den anderen Dr. Behrchen genannt wird, ein.

Mit Dr. Behrchen zum Unfall

Charlotte und Dr. Behrchen verschaffen sich einen Überblick über die Situation und den Patienten. „Der Gesamteindruck kann einem schon viel über den Patienten sagen“, verrät Mitschüler Alex. Ist der Patient dick oder dünn? Blass oder knallrot? Bewegt er sich oder nicht? Schaut er einen direkt an oder reagiert er erst, wenn man ihn anspricht? Das alles läuft innerhalb von Sekunden ab.

Charlotte spricht den Patienten an und erklärt ihm, was sie jetzt tut. Dann beginnt ihr Check: Sind die Atemwege frei? Wie ist die Atemfrequenz? Wie der Puls, Blutdruck und Zucker? Sind die Pupillen geweitet? „Die wichtigste Aufgabe des Rettungssanitäters ist es, die Vitalfunktionen der Person aufrechtzuerhalten, ihn also am Leben zu erhalten“, sagt Schulleiter Stefan Leibinger. (weitere Infos zur Ausbildung siehe Info-Kasten am Ende)

Dahinter verbirgt sich hochgradiges Multitasking: den Patienten behandeln und ihn beruhigen, erfahren, was passiert ist, nervige Nachbarn des Opfers zähmen, eventuell noch den Notarzt dazurufen und am besten dabei auch noch das Einsatzprotokoll ausfüllen. Für Charlotte und ihre Mitschüler ist es zum Glück nur eine Trockenübung gewesen.

Alexander war schon in der 6. Klasse Schulsanitäter, und spätestens nach seiner Ausbildung zum Sanitätshelfer bei den Johannitern mit 16 war für ihn klar: Ich will Medizin studieren! „Als Rettungsassistent kann ich schon mal praktische Erfahrung sammeln“, sagt Alex.

Auch Charlotte möchte Ärtzin werden. „Am meisten Angst macht es mir, einmal vor einem Patienten zu stehen und nicht mehr weiterzuwissen oder etwas Wichtiges zu vergessen. Das darf einfach nicht passieren“, meint die 20-Jährige. Nachdem vier vermeintliche Patienten behandelt wurden und keiner davon gestorben ist, geht es weiter zum Theorieunterricht.

Wie geht man mit einem Notfallopfer um, das taub ist? Um in jeder Situation helfen zu können, lernen die angehenden Rettungsassistenten an der Berufsfachschule in Lauf mit Hilfe von Judit Nothdurft auch Gebärdensprache. © Eduard Weigert


Gebärdensprache steht auf dem Plan. Kursleiterin Judit Nothdurft und ihre gehörlose Assistentin Laura Polster zeigen den Schülern, wie man einen hörgeschädigten Patienten anspricht: Erst ins Blickfeld treten, das Licht an- und ausschalten oder mit dem Fuß auf den Boden stampfen. Schließlich soll sich das Notfallopfer nicht erschrecken.

Brüllen bringt nichts

„Es ist wichtig, Blickkontakt zu halten, sehr deutlich, aber nicht lauter zu sprechen als sonst“, erklärt Judit Nothdurft. „Die Person ist taub. Da könnte man mit dem Megafon kommen und sie hört trotzdem nichts.“

Dann lernen die Schüler das Fingeralphabet und einzelne Gebärden. Nach einer halben Stunde können die zukünftigen Rettungsassistenten zumindest eine kleine, einfache Unterhaltung führen.

„Wichtig ist, dass ihr eure Mimik mitsprechen lasst“, sagt die Gebärdenlehrerin. „Bei einer Frage zieht ihr die Augenbrauen nach oben. Und wenn ihr ausdrückt, dass es euch schlecht geht, dann lächelt nicht dabei.“

Anschließend sollen die Schüler die gehörlose Laura behandeln. Mit Händen und Füßen versuchen sie herauszubekommen, was ihr fehlt und ihr zu vermitteln, was sie zur Rettung mit ihr vorhaben. „Das ist viel schwerer, als ich es mir vorgestellt habe“, stöhnt Alex. Helfen ist leicht? Hat keiner behauptet!

 

 


 


Extra-Info: Ausbildung zum Rettungsassistenten

Zwei Jahre dauert die Ausbildung zum Rettungsassistenten in der ASB-Berufsfachschule. Im ersten Jahr haben die Schüler Unterricht in Fächern wie Physik, medizinische Grundlagen oder Notfallmedizin. Unterbrochen ist der Unterricht von insgesamt 14 Wochen Praktika in Krankenhäusern – zum Beispiel in der Notaufnahme, auf der Intensivstation und im OP. Dazu kommen weitere vier Wochen Praktika auf Rettungswachen. Nach der Abschlussprüfung stehen im zweiten Ausbildungsjahr 1600 Stunden Praktikum auf einer Rettungswache an.

Die Ausbildung müssen die Schüler selbst bezahlen: Zu 199 Euro Schulgeld im Monat kommen Kosten für Schutzkleidung, Lehrbücher und Prüfungen von gut 500 Euro. Macht etwa 3000 Euro für das erste Schuljahr. Im zweiten, praktischen Ausbildungsjahr auf der Wache gibt es eine Praktikumsvergütung, die in Einrichtungen des öffentlichen Dienstes 1229 Euro beträgt. Das Einstiegsgehalt eines fertig ausgebildeten Rettungsassistenten liegt bei knapp 1900 Euro.

 

  

LISA SOLLFRANK E-Mail

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