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"Nicht gerecht": Lehrer aus Franken will Noten abschaffen

Nicolas Schmidt aus Erlangen erklärt im Interview, warum Noten schaden - 11.02.2019 15:12 Uhr

Lehrer Nicolas Schmidt findet, dass Noten in der Schule abgeschafft werden sollten, da sie nicht gerecht sind. © colourbox.de


Was sind aus Ihrer Sicht die größten Probleme der Notengebung an Schulen in Bayern?

Nicolas Schmidt: Kurz gesagt sind Noten ein unzulässiger Mix aus Rückmeldung und Druckmittel und in einem gewissen Rahmen willkürlich, also nicht gerecht. Sie ziehen den überwiegenden Fokus der Schüler auf sich, da sie alleine über das Fortkommen in der Schule entscheiden. Sie lenken somit von wichtigeren Inhalten und Auseinandersetzungen an der Schule ab.

Aber wie soll man ohne Noten im späteren (beruflichen) Leben mal mit Druck- und Bewertungssituationen umgehen?

Nicolas Schmidt ist Lehrer am Emmy-Noether-Gymnasium in Erlangen. © Archivfoto: Harald Sippel


Nicolas Schmidt: Man kann ja auch ohne Noten bewertet werden und Drucksituationen ohne Noten üben, zum Beispiel bei Referaten. Und wenn man stark, selbstbewusst und gut in der Sache ist, kann man auch im Erwachsenenleben viel besser mit Druck umgehen, als wenn man in jungen Jahren dauernd mit Angst, Stress und Noten gepeinigt worden ist.

Und was ist mit Schülern, denen gerade ein Fach oder Thema nicht gefällt? Wie könnte man sie ohne Noten dazu motivieren, etwas für die Schule zu tun?

Nicolas Schmidt: Nur weil wir im staatlichen Schulsystem nichts anderes gewohnt sind, als dass Lernen über Noten, die Sympathie für den Lehrer oder eigene Motivation funktioniert, heißt das nicht, dass es nicht andere Möglichkeiten gibt. Man müsste sich Gedanken machen, wie man Schüler zum Lernen anregt und vor allem, wie man Schülern, die vom Notendruck geprägt sind, hilft, sich umzustellen. Das kann über Gespräche, Abmachungen, "Verträge", aber auch Druck oder einfach einen interessanten Unterricht laufen. Es gibt da sicher keinen Masterplan.

Soll man den Schülern dann einfach nur Feedback geben, ohne sie überhaupt zu bewerten und Druck auszuüben?

Nicolas Schmidt: Bewertung und Druck sind zwei völlig verschiedene Kategorien. Eine Rückmeldung beziehungsweise Bewertung gibt man nicht einfach so. Man schaut sich genau an: Wie läuft es allgemein? Wie schauen die Leistungen aus? Wie schaut der Aufwand aus? Wie schaut es mit Begabungen aus? Wo hakt es? Dann überlegt man: Wo kann man ansetzen und was kann man verbessern? Muss mehr Druck her? Muss mehr Freiheit her?

 

Welche Alternativen gibt es zu Noten im Zeugnis?

Druck ist nur eine Art Feature im Bereich Feedback. Im besten Fall fühlt sich der Schüler ernst genommen und nimmt auch den Lehrer ernst und ist ehrlich. In einem System mit Noten muss der Schüler nichts ernst nehmen außer dem Ergebnis.

Wie man zu diesem Ergebnis kommt, ist da völlig egal. Ob man jetzt kontinuierlich lernt, Nachhilfe nimmt oder vom Nachbarn abschreibt. Im besten Fall ist man ehrlich, im Normalfall taktiert man. Das ist, was die Schüler fürs Erwachsenenleben lernen.

Was sind für Sie denn die besten Alternativen zur momentanen Notengebung?

Nicolas Schmidt: Es gibt Schulsysteme wie Waldorf, Jenaplan oder die Laborschule Bielefeld, die anders arbeiten und funktionieren – aber auch hier gibt es keinen Masterplan. Noten machen die Schüler sicher unabhängiger von der Willkür der Lehrkraft.

Und bei Bewerbungen für Jobs oder die Uni muss es sicherlich so etwas wie eine nachvollziehbare Einschätzung geben. Aber meiner Meinung nach auch wirklich nur da. Dieser Fetisch "Noten" killt alles, was Lernen, Bildung, Auseinandersetzung mit der Welt und Entwicklung ausmacht.

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Interview: Yannik Ambrusits E-Mail

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