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Student und Schüler sind zwei Jahre ein Paar

Die Initiative „Rock your life“ kümmert sich um benachteiligte Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen - 27.05.2014

Für diese Story waren TH-Studenten von Jörg Dommel im Fach Illustration aufgefordert, eine möglichst passende Bebilderung vorzuschlagen. Das obige „Siegerbild“ hat Julia Reil gezeichnet.

Für diese Story waren TH-Studenten von Jörg Dommel im Fach Illustration aufgefordert, eine möglichst passende Bebilderung vorzuschlagen. Das obige „Siegerbild“ hat Julia Reil gezeichnet.


„Es gibt zu viele Schüler, die wir nicht mehr erreichen. Die haben keinen Bock und verlassen die Schule ohne Abschluss.“ Dieses traurige Fazit auf einer Podiumsdiskussion über Bildungsgerechtigkeit im Jahr 2009 in Friedrichshafen war der Startschuss für die Initiative „Rock your life“, abgekürzt RYL.

Sie wurde direkt nach der Veranstaltung vor Ort an der Zeppelin-Universität von ein paar Studenten gegründet. Ihr Programm: Wir begleiten Schüler aus sozial, wirtschaftlich oder familiär benachteiligten Verhältnissen auf dem Weg in den Beruf oder an eine weiterführende Schule.

Mittlerweile ist aus dem damaligen Pilotprojekt in Friedrichshafen eine bundesweite Bildungsinitiative geworden. Heute gibt es in 39 Universitätsstädten RYL-Gruppen unter dem Dach einer gemeinnützigen GmbH.

Ihr Ziel ist das gleiche geblieben: Während einer zweijährigen Coaching-Beziehung unterstützen Studenten Schüler dabei, ihr individuelles Potenzial zu entdecken und zu entfalten. Die Schüler sollen in ihren Fähigkeiten, Talenten und Visionen gestärkt werden und so ihre Perspektiven erweitern.

„Mit klassischer Nachhilfe hat das nichts zu tun, allenfalls mal in besonderen Ausnahmesituationen“, sagt Anna Dicker (22). Sie studiert auf berufliches Lehramt in Bamberg und hat „Rock your life“ in Passau kennengelernt, wo sie nach dem Abi zunächst mit dem Studium begonnen hatte.

Passau war einer der ersten Standorte für das Programm. Schon im 1. Semester stieß Anna dort auf einen Info-Stand von RYL, ließ sich informieren – und war dabei.

Der erste Schritt für Studenten, die mitmachen wollen, besteht aus mehreren Coaching-Seminaren an Wochenenden. Dabei lernen sie, wie sie ihre künftigen Schützlinge betreuen sollen.

Parallel dazu gehen Rock-your-life-Mitglieder an ausgewählte Schulen, werben für ihr Programm und suchen interessierte Schüler aus. Bei einer Art Speed Dating finden dann Studenten und Schüler zu Coaching-Pärchen zusammen.

„Kino, schwimmen gehen, zusammen Rad fahren, Plätzchen backen, Bewerbungen schreiben – und vor allem über private Probleme quatschen“, beschreibt Anna anhand von ein paar Beispielen die Aufgaben eines Coaches. Etwa jede zweite Woche traf sie mit ihrem „Coachie“ zusammen, wie sie ihren Schützling nannte. Studenten betreuten Jungs, Studentinnen kümmern sich um Mädels – das ist eine der ungeschriebenen Regeln von Rock your life. Sie hilft dabei, zumindest einige spezifische Probleme im Umgang mit pubertierenden Jugendlichen zu vermeiden – da ist sich Anna sicher.

„Motivation“ nennt Anna den entscheidenden Faktor: dem Schüler klarzumachen, dass Unterricht keine verlorene Zeit ist, dass er seine Zukunft selbst in der Hand hat – aber dass er sich auch selbst darum kümmern muss. „Wir glauben an das Potenzial jedes einzelnen, seinen Weg eigenverantwortlich mit Freude und Mut zu gehen“, lautet das Credo von Rock your life.

Umgekehrt stärkt das Programm auch den Coach. „Man lernt an einem ganz konkreten Beispiel eine Lebenswirklichkeit kennen, die doch sehr von der eigenen abweicht“, sagt Lehramtsstudentin Anna. „Das ist im Hinblick auf spätere Konfliktsituationen im Unterricht an der Schule eine unersetzliche Erfahrung. Sie hilft einem, auf den einzelnen Schüler individuell besser einzugehen.“

Der Weg, wie sich eine lokale Gruppe gründet, ist immer sehr ähnlich. „Man kennt jemanden, der jemanden kennt, der woanders mitmacht – und dann probiert man es selbst“, erklärt Pascal Wengerter (21), der im vergangenen Herbst eine RYL-Gruppe für die Metropolregion Nürnberg gegründet hat.

Start mit drei Schulen

Er selbst hat das Programm auf einer Veranstaltung der BMW-Stiftung kennengelernt, wo er Flyer verteilte und mit den Leuten am Nachbarstand ins Gespräch kam. Die waren von Rock your life. Pascal studiert Wirtschaftswissenschaften im 4. Semester an der Uni in Nürnberg. Das zeigt: RYL ist zwar ganz besonders, aber keineswegs ausschließlich für Lehramtsstudenten geeignet.

„Es ist ideal für Leute, die sich sozial engagieren und der Gesellschaft etwas zurückgeben möchten“, meint Jan Boskamp, der in der hiesigen Gruppe als Netzwerkkoordinator fungiert. Er kümmert sich dabei vor allem um Kontakte zu Unternehmen, die in der Initiative eine wichtige Rolle spielen.

In diesem Sommersemester will Rock your life in der Metropolregion richtig loslegen. Dann werden die ersten Coaches ausgebildet und mit Schülern von der Eichendorff-Mittelschule in Erlangen, der Hanns-Böckler-Realschule in Fürth und der Berufsschule 3 in Nürnberg zusammengebracht.

Anna Dicker hat das Programm hinter sich. Zwei Jahre lang hat sie ihren „Coachie“ betreut. Zuletzt ist die dabei mehrmals von ihren neuen Studienort Bamberg nach Passau gefahren. Der Erfolg: Ihr Schützling lernt gerade für den qualifizierenden Hauptschulabschluss und fängt im nächsten Schuljahr eine Ausbildung an der Hauswirtschaftsschule an.

 

VON LOTHAR HOJA

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