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Warnung vor rechtem Lafontaine

Integrationskonferenz in Nürnberg - 20.05.2011 20:33 Uhr

Die Leiter der Integrationskurse demonstrierten gestern fantasievoll für ein besseres Gehalt. Auch auf der Integrationskonferenz war ihre Situation ein Thema.

Die Leiter der Integrationskurse demonstrierten gestern fantasievoll für ein besseres Gehalt. Auch auf der Integrationskonferenz war ihre Situation ein Thema. © Hagen Gerullis


Noch fehle dem rechten Rand des Wählerspektrums eine solche charismatische Figur; wenn diese aber gefunden ist, könnte Deutschland eine ähnliche Entwicklung drohen wie anderen europäischen Ländern, fürchtet Bade, der in seiner Funktion als Vorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration zu der von der Stadt veranstalteten Konferenz eingeladen war. Die Debatte um Thilo Sarrazins provokanten Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ habe „enorme Folgeschäden“ hinterlassen.

Dabei stehe es um die Integration gar nicht so schlecht, sagte Bade und verwies auf den vor Sarrazins Buch erschienenen Bericht des Sachverständigenrats zur „Einwanderungsgesellschaft 2010“. Der Bericht habe gezeigt, dass das Zusammenleben der Mehrheitsgesellschaft mit den Zuwanderern durchaus funktioniert. Zudem sei der Begriff „Integration“ nicht unbedingt nur auf das nationale Miteinander anwendbar: „Es gibt den gut integrierten Ausländer und den schlecht integrierten Deutschen.“ Daher gehe es bei dieser Begrifflichkeit nicht um nationale, sondern um soziale Fragen: „Soziale Integration definiere ich als chancengleiche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.“ Oft werde er wegen dieser Thesen und Forschungsergebnisse von seinen Kritikern als „Gutmensch“ belächelt, was Bade aber nicht anficht: „Das sind geistige Tiefflieger, die im argumentativen Landeanflug aufpassen müssen, dass sie mit ihrem Brett vorm Kopf nicht den Boden streifen.“

Aber: Durch Sarrazins Buch und die folgende Debatte habe sich das Bild verdüstert, wie der Nachfolgebericht des Sachverständigenrates beweise: „Die Einwanderer blicken mit weit weniger Zuversicht auf das Zusammenleben als vor einem Jahr.“ Im Herbst 2009 hatten den Studien zufolge 22 Prozent das Zusammenleben mit der Mehrheitsgesellschaft als „problemlos“ bezeichnet, im Herbst 2010 waren es nur noch neun Prozent.

Auf beiden Seiten sei der Integrationsoptimismus einem -pessimismus gewichen, führte Bade aus. Der Alarmismus einiger Publizisten wie Necla Kelek („Die Lady Gaga der Migrations-Szene“) oder der „Frauenwärterin“ Alice Schwarzer, die vor Kreuzzügen der Muslime warne, trage hier seinen Teil bei. Hochproblematisch findet es Bade, dass sich Politiker von dieser Stimmung anstecken ließen. Als Beispiel nannte der Migrationsexperte Familienministerin Kristina Schröder und ihre These von der Deutschenfeindlichkeit der Muslime. „Sie hat schnell zwei teure Studien anfertigen lassen, aber auch die konnten keine Belege für den Zusammenhang von Islam und Gewaltbereitschaft erbringen.“ Bade lobte Bundeskanzlerin Angela Merkel für ihren Hinweis, dass Sarrazins Buch nicht hilfreich sei und die Gesellschaft spalte. Ihr Satz „Multikulti ist tot“ sei aber angesichts der Realitäten Unsinn. Jürgen Markwirth, Leiter des Amts für Kultur und Freizeit und Moderator der Konferenz, hatte eingangs darauf hingewiesen, dass in Nürnberg Menschen aus 165 Nationen leben.

Die Politik hat Bade zufolge zu lange in „defensiver Erkenntnisverweigerung“ und „mental verklemmt“ darauf beharrt, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei, die Aufnahme von Menschen aus anderen Ländern sei stets als „Gnadenakt“ dargestellt worden. Es fehle eine Willkommenskultur – daher dürfe man sich über „widerwillige Einwanderer“ nicht wundern. Einwanderung aber sei dringend nötig angesichts des Fachkräftemangels. Deutschland brauche hochqualifizierte Kräfte.

Für Nürnberg hatte der emeritierte Geschichtsprofessor ein Lob parat, die Stadt sei in ihrer Integrationspolitik sehr weit. Die städtische Konferenz zur Integration stand diesmal unter dem Motto „Vielfalt schätzen. Teilhabe stärken. Zukunft gestalten.“ Die Veranstaltung soll jährlich stattfinden, sagte Markwirth. Wie wichtig das Thema ist, verdeutlicht eine bemerkenswerte Terminkollision: Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hatte zeitgleich zu einer Tagung zur Migration geladen. 

Marco Puschner E-Mail

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