Donnerstag, 17.01.2019

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Wenn in New York deutsche Geschichte lebendig wird

Software-Programmierer visualisiert via „Augmented Reality“ die Vergangenheit auf dem Smartphone — Warten auf die Google-Brille - 04.09.2012 21:00 Uhr

Blick auf die Lower East Side im Stadtteil Manhattan der amerikanischen Metropole New York: Das Viertel galt einst als „Kleindeutschland“. © rtr


Im Erdgeschoss gibt es Tattoos, Yoga und Tofu, aber keine Deutschen. Anthony Cocciolo steht vor einem Gebäude im Osten Manhattans und schwenkt sein iPhone über dem Kopf. Mehrere Meter über dem Eingang sind Adler und Zielscheiben in die Fassade gemeißelt. Der Slogan im Wappen ist deutsch: „Einigkeit macht stark.“ Auf Cocciolos iPhone-Display schwebt wie ein Ufo ein Schwarz-Weiß-Foto von 1893: die „Deutsch-Amerikanische Schützengesellschaft“. So sah das Haus aus, als hier in der Lower East Side Hunderttausende deutsche Einwanderer lebten, in der größten deutschen Enklave außerhalb Europas.

Die Fußgänger wissen nichts davon, sie gehen achtlos vorbei. Nur eine New Yorker Lady bleibt stehen und fragt Cocciolo: „Sind Sie Reiseführer? Erzählen Sie von den Deutschen, die hier mal gelebt haben?“ Dabei ist

der 31-Jährige Programmierer. Er hat die mobile Website „German Traces NYC“ für das Goethe-Institut programmiert. Die läuft im Handy-Browser, funktioniert ähnlich wie eine App und macht die deutsche Vergangenheit der Lower East Side lebendig. Touristen und amerikanische Nachfahren der Auswanderer sollen auf einem Rundgang durch „Kleindeutschland“ der Geschichte dieser Orte nachspüren — in Videos, Bildern und Texten. Auf Wunsch folgt der Spaziergang einer Route auf Google Maps.

Wenn Spiderman klettert

Augmented Reality (AR): Unter dem Schlagwort versteht man ein Bündel von Technologien, auf die Marketingmenschen, Ingenieure und die Tourismusbranche hoffen: Reale Bilder auf Smartphones und Tablets werden mit virtuellen Inhalten angereichert.

AR fehlt nach Meinung von Kennern allerdings noch die Substanz, sprich: es gibt noch zu wenige praktische Anwendungen für den Alltag. Simon Adler, der am Fraunhofer-Institut in Magdeburg die Arbeitsgruppe Augmented Reality leitet, sagt: „Es gibt einen Boom im Marketing. Der lebt unserer Meinung nach vom Aha-Effekt.“ So können Kunden im Geschäft ihr Handy auf verschlossene Lego-Packungen richten und sich so das zusammengebaute Spielzeug einblenden lassen. Adler erzählt auch von einer App, die Spiderman in animierter Form an Fassaden hochklettern lässt, auf die man sein Handy richtet.

Cocciolo glaubt, dass der Marketing-Hype an seinem Ende angelangt sei: In den kommenden Jahren dürften mit AR produktive Geschäftsmodelle entstehen. In der Industrieproduktion gibt es mittlerweile tatsächlich vielversprechende Ansätze. Arbeiter können auf Tablets oder Head-Mounted-Displays (HMD) — also Brillen mit Bildschirmen — abgleichen, ob sie Teile richtig zusammengebaut haben.

Wer sich mit AR beschäftigt, wartet auf die Google-Brille, von der bereits ein Prototyp präsentiert wurde: Das HMD Project Glass ist aus Aluminium und Kunststoff, auf den Brillengläsern erscheinen Informationen aus dem Web. Über Sprachbefehle wird der Computer auf der Nase gesteuert.

Zurück nach New York, die Stadt, die stets ihre Vergangenheit einreißt und durch Zukunftsbauten ersetzt — auch hier in der Lower East Side: Nach den Deutschen wurde das Viertel multikulturell, Juden, Puertoricaner, Asiaten kamen. Seit einigen Jahren verändert sich die Nachbarschaft radikal: Gut verdienende Weiße ziehen ein, es wird gebaut und spekuliert, Immobilienpreise steigen.

„Aschenbroedel“ lässt grüßen

„Viele Leute wurden vertrieben, weil es so teuer geworden ist“, sagt Cocciolo vor einem Gebäude aus altem Terracotta. „Freie Bibliothek und Lesehalle“ steht an der Fassade. Deutsche Sozialprogressive hatten

sie im 19. Jahrhundert gegründet.

Die interaktive Karte auf Cocciolos Handy führt weiter, zum „New York Turnverein“ und der „Aschenbroedel Hall“, in der die Deutschen einst musizierten. Cocciolo muss mehrere Male ein paar Meter nach rechts und links gehen und dabei Fußgängern ausweichen, um die richtigen Bilder und Infos auf seinem Telefon zu empfangen. Denn die Ortung ist das größte Probleme bei AR. Programmierer müssen Software basteln, die zuverlässig und stabil den Standort und den Blickwinkel ermittelt.

Dazu nutzen die Experten GPS — doch das ist nur auf zehn Meter genau. Auch WLAN-Hotspots in der Nähe können bei der Orientierung helfen — aber nur, wenn der Programmierer sie von Anfang an in die Software eingespeist hat. Wolken, Bäume, schlechtes Wetter können die Erkennungssoftware verwirren, sagt Adler: „Dann stürzt Spiderman plötzlich ab und fällt auf den Boden.“ Wer AR kreieren will, stößt außerdem schnell auf ein Dilemma, das auch das Aufkommen schneller Verbindungen nicht auflösen kann: je exakter die Ortsbestimmung, desto schneller leert sich der Akku.

In dramatischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen eines Feuers erzählt Cocciolos mobile Website auch das Ende von Kleindeutschland. 1904 brannte der Dampfer General Slocum und versank im East River vor New York. Trotz aller Löschversuche starben mehr als 1000 Deutsche an Bord. Die Gemeinde begann daraufhin langsam zu zerfallen.

Die Geschichte haben viele New Yorker vergessen. Nur wer sich von German Traces durch den Tompkins Square Park leiten lässt, vorbei an Joggern und Obdachlosen — Vertretern des neuen New York — findet zwischen Büschen ein kleines Denkmal, das an die Toten erinnert. Cocciolo sagt: „Die Spuren sind klein. Deshalb braucht man die mobile Website.“

Vor lauter Augmented Reality sollte man nur nicht die echte Realität aus den Augen verlieren. Cocciolo ruft durch Manhattans Lärm von Baustellen und hupenden gelben Autos: „Du musst dabei aufpassen, dass du nicht von einem Taxi überfahren wirst.“
  

JANNIS BRÜHL

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