Donnerstag, 15.11.2018

|

"Wie der wilden Tiere Grimm gesteuert werden möge"

Wolfsgruben in Franken - 21.12.2013 13:30 Uhr

Auf seinem Kupferstich des Dorfes Thalheim aus dem Jahr 1702 hat Johann Alexander Boener am Waldrand oben rechts und links je eine Wolfsgrube eingetragen. © Stadtbibliothek Nürnberg


Wolfsrudel aus dem Osten drangen weit nach Mitteleuropa vor, sie verbreiteten Furcht und Schrecken. Ihren Niederschlag haben diese Ereignisse in den Grimmschen Märchen gefunden, von denen einige in dieser Zeit entstanden sein mögen. Immer wieder ist in diesen Märchen vom bitterkalten Winter und vom „bösen Wolf“ die Rede.

Kinder statt Rinder?

Schauergeschichten machten seinerzeit die Runde. So ist beispielsweise überliefert, das 1628 zwischen Hahnhof und Weiherhaus bei Feucht „ein toter Weibskopf“ gefunden wurde. Der Körper war allem Anschein nach „von den Wölfen gefressen“ worden. 1685 trieb sich ein Wolf, wohl ein gefährlicher Einzelgänger, der „lieber Kinder als fette Rinder“ fraß, in der Ansbacher Gegend herum. Als man seiner endlich habhaft wurde, steckte man den Kadaver in Männerkleidung, um ihn unter lebhafter Anteilnahme der Bevölkerung am Nürnberger Galgen aufzuhängen.

Die Furcht vor Wölfen war einstmals riesig, bedrohten die Raubtiere doch den wertvollsten Besitz der Bauern, das Vieh. Und in der Tat fiel manches Schaf, Kalb oder Rind den ausgehungerten Rudeln zum Opfer. Groß war auch die Angst, Wölfe könnten Kinder anfallen. So baten 1647 die Arbeiter des Fabrikgutes Hammer der Rat der Stadt Nürnberg um Genehmigung einer Schule für ihre Kinder. Voll Sorge brachten sie vor, dass der dreiviertelstündige Schulweg nach Mögeldorf zu gefährlich sei, weil „zu harter Winterzeit das Ungezieffer der Wölff“ die Kinder bedrohe. Wölfe hätten sich sogar im Sommer sehen lassen.

Die Wolfsgrube bei Ittelshofen ist gut erhalten. Schade nur, dass die Waldbesitzerin die Anbringung eines Wegweisers dorthin ablehnt. © Hermann Rusam


Tiere des Teufels

Weil er weiß, wie gefährlich sie ihm werden können, flieht ein Wolf, sobald er Menschen auch nur riecht – und er riecht sie kilometerweit. Ein erwachsener Mann mit einem Knüppel kann sich eines Wolfes, auch eines ganzen Rudels durchaus erwehren. So gesehen müssen Menschen den Rudeljäger nicht wirklich fürchten. Die panische Angst vor Wölfen hatte letztlich irrationale Gründe, galt doch für die damals oft recht abergläubischen Menschen der Wolf als ein Geschöpf des Teufels.

Es lag im Interesse der Landesherren, die „Wolfsplage“ zu beenden, durfte doch die Ernährungsgrundlage der Landbevölkerung, das Vieh, nicht gefährdet werden. Zudem war Sicherheit auf Straßen und Wegen zu gewährleisten. Auch im Landgebiet der Reichsstadt Nürnberg galt es, der „Wolfsplage“ Herr zu werden. Entsprechende Maßnahmen oblagen den Pflegern und ihren Fortstleuten. So hieß es beispielsweise in einem Erlass des Rates vom 10. Januar 1637: „Und weil die Wölfe auf dem Land sich häufiger erzeigen und grossen Schaden anrichten, also soll man den Pflegern in allen Ämtern schreiben, dass sie sich untereinander, wie auch mit den benachbarten Beamten vergleichen und Fleiss anwenden, wie der wilden Tiere Grimm gesteuert werden möge.“

Den Wölfen stellte man nach mit Tellereisen, sprich Schlagfallen, mit „Wolfsangeln“, sprich raffinierten Fallen nach dem Prinzip des Angelhakens, mit Gift. Oder man versuchte, sie mit Hetzjagden in das sogenannte Wolfsgarn zu treiben, wo sie sich verfingen. Ein wichtige Rolle spielten die Wolfsgruben, auch wenn wahrscheinlich mehr Wölfe geschossen wurden als man in Fallgruben erlegte. Nach dem „Jagdmanual“ (Handbuch) des Hans Geuder aus dem 16. Jahrhundert waren diese Wolfsfallen Gruben von etwa vier Metern Länge, drei Metern Breite und vor allem drei Metern Tiefe.

Die Kosten für den Bau einer Wolfsgrube betrugen nach damaliger Währung ein Pfund oder 70 Pfennig. Die Ränder der Gruben waren steil, so dass der Wolf nicht herausspringen konnte. Die Grube war mit Reisig überdeckt, oder sie besaß einen vertikal drehbaren Deckel, der beim Betreten umkippte und den Wolf in die Tiefe stürzen ließ. In den Boden eingerammte spitze Pfähle sollten den herabstürzenden Wolf töten oder zumindest schwer verletzen.

Nur zwei Wolfsfallen sind in Franken erhalten. Die Wolfsgrube bei Waldhütte ist zwar beschildert, befindet sich aber leider in einem wenig gepflegten Zustand.


Gans als Lockvogel

Aus der Mitte der Wolfsgrube ragte ein kräftiger Pfosten empor, auf dem ein kleines Podest angebracht war. Auf diesem hatte man ein lebendes oder totes Lamm niedergelegt. Vielleicht war auch eine schnatternde Gans als Lockvogel festgebunden. Die Todesangst, die das als Köder dienende Tier empfand, war den damaligen Menschen völlig gleichgültig. Sie dachten nicht einmal daran.

So nahe der vermeintlich leichten Beute verlor der Wolf seine sonst übliche Vorsicht – und stürzte beim Sprung in die Tiefe. Da die gefürchteten Wölfe meist aus den Wäldern kamen, legte man die Wolfsgruben ein gutes Stück vom Dorf entfernt nahe am Waldrand an. Manche Flurstücke tragen noch heute den Namen „Wolfsgrube“ oder „Bei der Wolfsgrube“.

Erstaunlich groß war die Zahl der Wolfsgruben, die sich in unserer unmittelbaren Umgebung nachweisen lassen. In einer Quelle über den Moritzberg von 1791 heißt es: „Ehehin gab es auch Wölfe, die erst zu Anfang dieses Jahrhunderts vollends ausgerottet worden sind. Ihr Andenken wird noch durch die Benennung einiger Plätze, wie zum Beispiel der Wolfsgarten bey Leinburg erhalten. Auch sind noch einige Wolfsgruben sichtbar.“

Wo man heute noch Wolfsgruben findet

Eine von ihnen mag die in einer alten Karte eingetragene Wolfsgrube an der Straße von Diepersdorf nach Lauf nahe bei Rockenbrunn gewesen sein. Weitere Wolfsgruben gab es nordöstlich von Großbellhofen, am Bühler Berg bei Simmelsdorf, östlich der Wehrkiche von Kraftshof, am Hohenstein, In Winkelhaid bei Altdorf, bei Neunhof/Lauf, bei Beerbach, etwa 450 Meter südlich der Ortsmitte von Ödenberg, nördlich der alten Straße nach Böhmen nahe dem Fabrikgut Hammer. Bei Ernhofen lagen westlich der Straße von Weißenbrunn nach Altdorf gleich zwei Wolfsgruben. 1637 wurde bei Thalheim, bei Hinterhaslach und bei Oberdorf je eine, bei Schupf sogar zwei Wolfsgruben angelegt.

Gut erhalten ist die in den Räthsandstein gehauene Wolfsgrube bei Ittelshofen nördlich des Keilberges. Sie gehört neben der ebenfalls in den Sandstein gehauenen Grube bei Waldhütte am ehemaligen Forsthaus nördlich von Oberwaiz vermutlich zu den einzigen Wolfsgruben in Franken, welche die Stürme der Zeiten überdauert haben.

Die am Berghang aus dem anstehenden Sandstein ausgeschlagene Wolfsgrube von Ittelshofen wurde 1637 angelegt. Ihr Durchmesser beträgt drei Meter, und sie ist noch heute fast drei Meter tief. Man gelangt zu ihr, wenn man dort, wo nach etwa fünfzig Metern der Wald an die von Ittelshofen nach Klingenhof führende Straße heranreicht, links am Waldrand den Berghang hoch läuft. Fälschlicherweise wird diese Wolfsfalle bisweilen auch als „Bärenloch“ bezeichnet, obwohl dort nie Bären gefangen wurden.

Die östlich von Bayreuth bei Waldhütte gelegene Wolfsgrube ist dreieinhalb Meter breit und noch etwa zweieinhalb Meter tief. Entstanden ist sie vermutlich im 18. Jahrhundert, als die Markgrafen für jeden getöteten Wolf eine Prämie aussetzten, sollte das Wild doch der fürstlichen Jagd vorbehalten bleiben und nicht etwa die Wölfe ernähren. Zu dieser Wolfsfalle gelangt man, wenn man von Süden kommend bei Waldhütte rechts etwa 500 Meter den Waldweg bis zu der mit der Jahreszahl 1822 versehenen Steinbank fährt oder geht. Fünfzig Meter entfernt im Wald liegt die Grube, insofern leicht zu finden, als sie mit einer Tafel markiert ist.

Die letzten Wolfsgruben in Franken wurden bisher nur wenig beachtet, obwohl sie doch einzigartige Kulturdenkmäler der Jagdgeschichte sind. Ihre Erhaltung ist eine kulturhistorische Verpflichtung, der wir uns bei allem Vorbehalt gegenüber der Naturferne und Tierfeindlichkeit vergangener Zeiten nicht entziehen dürfen. 

Hermann Rusam

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Ressorts