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Yoga – was ist das eigentlich?

Im Interview erklärt die Erlanger Yogalehrerin Laura Casu ein paar Hintergründe zu Philosophie und Praxis - 10.11.2017 11:34 Uhr

Foto: Harald Sippel


Frau Casu, als Beobachter könnte man den Eindruck gewinnen, beim Yoga verrenken Menschen ihren Körper, um elastischer und flexibler zu werden, sich aber irgendwie auch selbst dabei zu finden. Was hat es denn eigentlich mit Yoga auf sich?

Yoga besteht aus Philosphie und Praxis. Es gibt den Menschen die Möglichkeit, sich auf allen Ebenen ihrer Existenz zu erfahren, also sowohl körperlich als auch energetisch, geistig und im zwischenmenschlichen Bereich. In der Philosophie des Yoga ist es das Ziel, frei zu werden von allen äußeren Einflüssen und Zwängen, die unser Leben schwer machen. Yoga hilft uns dabei, glücklich und zufrieden zu werden.

Lässt sich der Begriff Yoga übersetzen?

Das Wort hat seine Wurzel im Sanskrit. "Yuj" steht dort für zusammenbinden, anspannen, oder anschirren. Auch unser deutscher Begriff Joch kommt übrigens aus diesem Wortstamm. Sanskrit und Deutsch gehören zur Familie der indogermanischen Sprachen. Dieses "Zusammenbinden" soll in der Praxis bedeuten, dass wir durch den Atem unseren Körper und unseren Geist miteinander verbinden. Das heißt: Wir bestehen eben nicht nur allein aus unserem Körper. Unsere Seele steht für das Göttliche, die Essenz von allem. Wer erkennt, das er, aber auch jeder andere Mensch und jedes Tier diese Göttlichkeit in sich trägt, darf sich glücklich schätzen.

Ein bisschen flapsig gefragt: Wer hat Yoga erfunden?

Die ersten Wurzeln gehen wahrscheinlich auf die alten Hindu-Skripten, die Veden, zurück und sind auf die Zeit etwa um 1200 vor Christus datiert. Der wichtigste und grundlegendste überlieferte Text über Yoga ist allerdings das Yogasutra des indischen Gelehrten Patanjali, der aus der Zeit zwischen 200 vor Christus und 200 nach Christus stammt. Patanjali hat darin in kurzen Lehrsätzen, den Sutras, die ganze Yoga-Philosphie erklärt, also was ist Yoga, wie sollten wir es praktizieren und was ist das Ziel.

Was ist denn der Unterschied zwischen Gymnastik und Yoga?

Ein indischer Lehrer sagte mal: Gymnastik nutzt den Geist, um den Körper zu erreichen. Yoga nutzt den Körper, um den Geist zu erreichen. Im Yoga geht es nicht um körperliche Leistung, sondern darum, wie ich mich nach der Stunde fühle. Also: Bin ich ruhiger und zufriedener? Oder bin ich immer noch gestresst oder unzufrieden, weil ich nicht erreicht habe, was ich wollte? Dann war es kein Yoga, sondern nur Arbeit. Die gleiche Stunde mit den gleichen Asanas, also Übungen, kann Gymnastik oder Yoga sein, je nach geistiger Einstellung. Am Ende einer Yogastunde sollte man sich wohl fühlen und eine Sehnsucht danach verspüren, das zu wiederholen.

Könnte ich mir nicht einfach ein Buch über Yoga-Asanas kaufen und diejenigen, die mir am besten gefallen, willkürlich aneinanderreihen?

Eine oder zwei Übungen alleine geben gar keinen Sinn. Alles muss im Zusammenhang stehen, im Fluss. Ganz wichtig ist es, die Asanas vorzubereiten und zwar geistig und körperlich. Ich würde niemals gleich mit dem Krieger anfangen, also einer asymmetrischen Übung, die viele sehr gerne machen. Zunächst zentriere ich mich mit dem Gedanken: Ich bin hier bei mir. Dieser Satz begleitet mich durch den ganzen Kurs. Ich konzentriere mich nicht auf den Endpunkt einer Asana, also auf das Ergebnis, sondern auf den Weg. Ganz zentral ist beim Yoga der Atem, der uns in die Bewegung hinein- und wieder herausführt. Atmung und Körperbewegung bilden ein harmonisches Zusammenspiel, das uns hilft, geistig anwesend und konzentriert zu bleiben. Im Yoga arbeiten wir sowieso sehr viel mit dem Atemrhythmus. Außerdem sollten viele Positionen, also Asanas, sowohl vorbereitet als auch ausgeglichen werden. Zum Beispiel sollte man einen Kurs nicht mit einem asymmetrischen Asana beginnen oder beenden.

Was heißt das?

Nach einer asymmetrischen Rückbeuge wie dem Krieger sollte zum Beispiel immer eine symmetrische Vorbeuge folgen. Diese Ausgleichsübungen dienen dazu, die möglichen Nebenwirkungen einer Position, also zum Beispiel Muskelverspannungen oder Überlastungen, zu vermeiden. In unserem Beispiel wird im Krieger die Rückenmuskulatur stark angespannt, in der Ausgleichsübung sollte sie dann gedehnt werden.

Wird man nicht unzufrieden, wenn man sieht, dass alle anderen die Asanas besser können als man selbst?

Darum geht es nicht. Nochmal: Der Leistungsgedanke ist beim Yoga völlig fehl am Platz. Nicht der Mensch muss sich ans Yoga anpassen, sondern Yoga an den Menschen. Manchmal habe ich 18- und 80-Jährige gemeinsam in einer Gruppe. Da muss ich für alle die Asanas individuell gestalten, damit jeder sich wohlfühlt.

In den Kursen finden sich vor allem Frauen. Man könnte denken, Männer sehen sich beim Yoga nicht genug gefordert, vermuten darin vielleicht sogar eine esoterische Besinnungsstunde?

Yoga kann sehr anspruchsvoll sein, genauso intensiv wie Kraftsport. Die Atmung, die ich dafür brauche, ist übrigens auch für viele andere Sportarten nützlich. Die meisten Männer, die ich kenne, die Yoga ausprobiert haben, sind dabei geblieben, haben sowohl ihren Körper trainiert als auch oft Interesse an der Philosophie entwickelt. Es hat sie wirklich sehr bereichert.

Die Asanas haben oft so klangvolle Namen wie Baum, Sonnengruß, Hund, Fisch, Krieger oder Skorpion. Wie viele Übungen gibt es denn?

Tausende. Im Yoga kennen wir die Geschichte über eine hinduistische Gottheit, die so viele Asanas gelehrt hat, wie es Lebewesen auf der Welt gibt. Und je nach Tradition werden auch die berühmten Asanas ganz unterschiedlich ausgeführt. Sogar den Sonnengruß gibt es in Variationen.

Man hat manchmal den Eindruck, Yogalehrerinnen und -lehrer sprießen wie Gänseblümchen aus dem Boden. An jeder Ecke wird ein Kurs angeboten. Wie finde ich denn einen guten Lehrer?

Ein guter Yogalehrer muss nicht nur die Asanas ausführen können, sondern auch Wissen haben über die Philosophie, die dahintersteckt. Außerdem sollte er eine gewisse persönliche Entwicklung und Reife im Zusammenhang mit Yoga auch jenseits der Übungen auf den Matten besitzen. In den letzten Jahren wurde in vielen Studios vor allem Asanapraxis betrieben und manche haben die Grundlagen vernachlässigt. Heutzutage nennen sich einige Leute Yogalehrer, die gerade mal zwei Wochenend-Intensivkurse hinter sich haben. Beim Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland (BDY) läuft die Ausbildung über vier Jahre und mehr als 800 Unterrichtseinheiten. Das ist eine gewisse Garantie für Qualität, auch wenn nicht alle, die weniger Ausbildungsstunden haben, zwangsläufig schlecht sein müssen. Übrigens arbeiten bei vielen Volkshochschulen hervorragende Yogalehrer. Aber: Wichtig ist natürlich, dass einem derjenige sympathisch ist.

 

Laura Casu.....

. . . . 49 Jahre, geboren in Rom, verheiratet, Softwareentwicklerin, Shiatsu-Praktikerin, Studium der Kommunikationswissenschaft und Anthropologie, Studium der Indogermanistik an der Uni Erlangen, vierjährige Ausbildung als Yogalehrerin beim Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland, BDY, in München, Weiterbildungen in Indien, leitet das Zentrum "Prakasha Kendram" in Erlangen. 

Von Birgit Heinrich

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