Sonntag, 09.12.2018

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Richard Strauss schimpfte, was das Zeug hielt

Einst ein Nürnberger Skandal: «Der Rosenkavalier“ kommt wieder - 19.10.2006

Die Ruhe dieser Postkartenansicht trügt: „Der Rosenkavalier“ machte 1911 im Opernhaus viel Wirbel. Foto: Stadtarchiv


Der Nürnberger Intendant Richard Balder hatte ganze Arbeit geleistet und den Hoftheatern in Wien und München sowie der Königlichen Oper in Berlin den Rang abgelaufen, die mit ihren Premieren — des neben Alban Bergs «Wozzeck“ letztem Welterfolg einer deutschen Oper — alle ein bisschen später dran waren.

Doch das Nürnberger Opernglück wurde getrübt durch die harsche Kritik des Gastdirigenten Richard Strauss, der eine der folgenden Vorstellungen dirigierte. Bereits in den Proben rief der Komponist Intendant Balder zu: «Herr Hofrat, müssen Sie denn den ,Rosenkavalier‘ geben! Es gibt doch so schöne Operetten!“

Es kam noch schlimmer. Strauss ließ in einem öffentlichen, in der Presse verbreiteten Brief an «den Oberbürgermeister einer großen Stadt“ seinen Ärger über die künstlerischen Verhältnisse in Nürnberg freien Lauf: Das Niveau der Vorstellung sei «ein derart tiefes“ gewesen, «dass ich nicht umhin konnte, meine Verwunderung laut zu äußern.“

Strauss’ Kritik am Orchester und den Mitwirkenden war vernichtend: «Wie schon angedeutet, habe ich bei Ihnen seinerzeit ein Orchester vorgefunden, das derart schlecht war, wie ich in meinem ganzen Leben — und ich habe die Orchester fast der ganzen zivilisierten Welt dirigiert — nur einmal eins in Lemberg in Galizien vorgefunden habe. In vielen kleineren Städten . . . habe ich Orchester von weit besserer Qualität und Schulung vorgefunden als in Ihrer großen Stadt.“ Die Sänger seien zum Teil «mittelmäßig“, zum Teil «ganz ungenügend“, schrieb Strauss, «der Chor in einer Verfassung, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass Werke wie ,Tannhäuser‘, ,Lohengrin‘, auch nur einigermaßen genügend herausgebracht werden könnten.“

Nun, das ist über 90 Jahre her, und Strauss verfolgte mit seinem Brandbrief hehre Ziele, wollte er doch Oberbürgermeister Georg Ritter von Schuh davon überzeugen, das im Pachtsystem betriebene Nürnberger Theater in die städtische Obhut zu nehmen und es so finanziell besser zu stellen. Bis es soweit war, dauerte es noch bis 1920; zum 25-jährigen Jubiläum des Opernhauses 1930 war sogar Richard Strauss wieder versöhnt und schrieb: «Nürnberg hat ein erstklassiges Operntheater.“

Inzwischen trägt man hier ja den stolzen Titel «Staatstheater“, doch die historische Episode aus dem Jahr 1911 darf als Beleg dafür gelten, dass «Der Rosenkavalier“ auch heute noch eine Oper mit Tücken ist. Die Geschichte scheint zwar einfach: Der junge Graf Octavian verlässt seine alternde Geliebte Feldmarschallin Werdenberg zugunsten der jungen Sophie von Faninal und befreit diese somit aus den Fängen ihres Bräutigams Baron Ochs von Lerchenau. Doch das Werk ist nicht aus einem Guss, verbindet den Spätbarock der Mozart-Zeit mit dem Walzerstil des Fin de siècle zu einem artifiziellen Endzeit-Wien. In dem sollen dann aber doch die Emotionen derart fließen, dass es, so Octavian, «zum Weinen schön“ ist.

Solch anspruchsvoller Aufgabe widmen sich am Samstag, wenn sich für den «Rosenkavalier“ als erster Opernpremiere der Spielzeit 2006/2007 der Vorhang hebt, der neue Chefdirigent Christof Prick und Regisseurin Helen Malkowsky. Die Oberspielleiterin der Oper hat hier zuletzt den «Fliegenden Holländer“ inszeniert. Es singen u. a. Christiane Libor (Feldmarschallin), Guido Jentjens (Baron Ochs), Heidi Elisabeth Meier (Sophie) und Frances Pappas (Octavian). Thomas Heinold

Premiere, 21. Oktober, 18 Uhr, Opernhaus

 

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