So was hat der Knirps noch nie erlebt: "Das knackt ja, das Feuer", staunt Tim ins Ofenloch. Sein Papa erklärt ihm, wie das funktioniert mit dem Anheizen und dass dort, wo jetzt das Holz brennt und die Steine ganz heiß werden, später die Brote liegen. Doch Tims ganze Aufmerksamkeit gilt der Greti, Sennerin auf der Amoser-Alm. Die schleppt eine Wanne voll Teig aus der Hütte und ruft die Gäste-Kinder zusammen. Gemeinsam kneten, rollen und formen sie Schnecken und Brezeln. Dann geht es an die Brote. Damit die rechzeitig in den Ofen kommen, packen auch ein paar Wanderer mit an. Und nebenbei beantwortet die Bäuerin auch neugierigen Erwachsenen deren Brot-Fragen. Nach der Rezeptur und den Gewürzen, nach dem Ofen und dem Leben auf der Alm.
Nun dürfen wir eine Stunde warten, die Sonne genießen, das kleine Gemüsebeet gleich neben dem Ofen bestaunen, mit Greti - alias Margarete Röck - plaudern, die Tiere streicheln, Milch oder Bier trinken, Schnäpse kosten. Oder in die Weite des Gasteiner Tales hinabblicken, wo sich gerade die morgendlichen Nebelschwaden im Bauernherbst auflösen.
Bauernherbst - die Touristiker des Salzburger Landes haben sich Mitte der 1990er Jahre diesen Namen für die Wochen zwischen den letzten Sommertagen und erstem Schnee ausgedacht. Bis zum 26. Oktober gibt's in 78 Orten rund 2000 Veranstaltungen dazu. "Wir inszenieren nichts, was es nicht ohnehin bei uns gibt", sagt Elfi (Elfriede Berti), Ortsbäuerin von Unterberg bei Dorfgastein. "Nur laden wir eben Gäste dazu ein."
Der Veranstaltungskalender ist dick und bunt. Er vereint beispielsweise Frühschoppen mit der Trachtenkapelle, Sommerabschluss-Almfeste und Bauernmärkte. Speziell für Urlaubsgäste gibt's aber auch geführte Wanderungen, Almfrühstücke, Heufiguren-Bastelstunden, Latschenkieferöl-Brennen beim Bauern oder Krapfen-Backen mit der Bäuerin. Die ganze Zeit sind natürlich die Bauernherbst-Wirte dabei, wie Elfi und ihr Mann Hans-Peter vom "Unterbergerwirt". Die haben in dieser Zeit den herbstlichen Spezialitäten der Region einen besonderen Platz eingeräumt.
"Besonders gern greifen die Gäste nach unseren Kaspressknödeln, nach Schöpsernem, also im Rohr gebackenem Fleisch oder Krapfen. Das Rindfleisch kommt von unserem Hof und die meisten anderen Zutaten aus der Nachbarschaft." Anders als auf den Hütten, wo die Speisen zumeist noch ganz traditionell auf den Tisch kommen, haben die beiden gelernten Köche die Rezepturen hier und da etwas modernisiert, das heißt vor allem: entfettet. Selbst ein ausgefeiltes Bauernherbst-Menü kommt bei ihnen auf die Teller. Ein Tipp von Hans-Peter: "Gehen Sie nicht nur zu den großen Almabtrieben, sondern auch zu den kleinen, wo keine Busse anrollen." Wie in Hüttschlag im Großarltal.
Vom Berg herab kommen nicht prachtvoll gekrönte Kühe, sondern dickbewollte Schafe. Die stehen dicht beieinander in einem Pferch und warten darauf, von ihrem Bauern heimgeholt zu werden. Derweil müssen sie zuhören, wie die Touristen sich abmühen, sie mit einem halbwegs stilechten "Mäh!" zum Dialog zu bewegen. Die Bauern grinsen nachsichtig und treiben ihr Vieh nach Hause. Das Gatter leert sich, der Festplatz füllt sich. Wer sich an einen der Tische setzt, gibt jedem die Hand, Einheimischen wie Gästen. Die Bäuerinnen grillen Lammfleisch, Frauen im Dirndl schleppen Tabletts, die Musik spielt "Grüne Tannen, bunte Lärchen".
Mitbringsel finden sich auf einem der vielen Bauernmärkte: Saft, Schinken, Schnaps oder Käse. Oder die Kräuterprodukte, die die Lisl - alias Elisabeth Gruber - auf dem donnerstäglichen Markt von Bad Hofgastein vor sich ausgebreitet hat: Kräuter-Tee, -Öl, -Likör, -Salbe und immer jede Menge Ratschläge: "Das Johanniskrautöl hilft bei Nierensteinen, diese Teemischung bei Blasenentzündung und der Meisterwurz-Schnaps, der wirkt bei fast allem", erklärt sie einen kleinen Teil ihres Sortiments.
Endlich ist es so weit. Greti öffnet feierlich die Backofentür. Umringt von den Knirpsen zieht sie zuerst die Schnecken und Brezeln aus der Hitze. Dann folgen die runden Brote. Glänzend und duftend. Zuerst dürfen sich die Mini-Bäcker ihre Kreation greifen, der kaum Zeit zum Abkühlen bleibt. Dann kaufen die Großen die noch heißen Laibe. Und wandern zurück ins Tal, beladen, als würde dort eine Hungersnot drohen.
