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Im Zug nach Machu Picchu

Nach verheerenden Unwettern vom Jahresanfang ist Perus wichtigstes Touristenziel wieder per Bahn erreichbar - 07.05.07

Der 27. Januar war ein schwerer Schlag für uns." Maria Enriquez wischt mit dem Handrücken über ihre Augen, als wolle sie die letzten Reste des Albtraumes ein für alle mal aus ihrem Gedächtnis löschen. Doch dann zeichnet sich ein zaghaftes, aber immer deutlicher werdendes Lächeln auf dem Gesicht der peruanischen Reiseleiterin ab. "Ja, es war eine Katastrophe für die Region, aber nun kommen die Touristen wieder und es geht aufwärts."


Machu Picchu
Machu Picchu
Foto: Archiv

Maria war selbst nicht dabei, als die über Tage andauernden heftigen Regenfälle im Januar den Urubamba-Fluss zu einem reißenden Ungetüm anwachsen ließen, das die Bahnschienen am Ufer des Flusses unterspülte, in die Flut riss und damit die Hauptverkehrsader zwischen Cusco und Machu Picchu kappte. Aber an den Folgetagen hatte auch sie alle Hände voll zu tun. Hunderte Touristen galt es kurzfristig mit Helikoptern aus Aguas Calientes am Fuße der berühmten Inka-Stadt zu evakuieren. Die Bevölkerung musste bis Anfang April ausharren, bis die Bahn auf einem Teilstück den Verkehr wieder aufnahm. Mehr als zwei Monate mussten Lebensmittel und Waren zu Fuß nach Aguas Calientes gebracht werden.

Die fast ausnahmslos vom Tourismus abhängigen Einwohner sahen sich ihrer wirtschaftlichen Grundlage beraubt. Umgestürzte Strommasten schnitten Teile der Region von der Energieversorgung ab, Felder und Wege wurden von den Wassermassen und Schlammlawinen verwüstet, Restaurants, Hotels und Pensionen schickten ihre Mitarbeiter in den Zwangsurlaub und die selbständigen Reiseführer, die zuvor so manches Mal viel zu große Touristengruppen durch die Ruinen Machu Picchus geführt hatten, waren der Verzweiflung nahe. Erleichterung machte sich breit, als am 1. April der erste "Inka-Train" über die einzige Verbindungsstrecke zwischen Piscacucho und Aguas Calientes ratterte. Seit dem 25. Juni ist nun die Gesamtstrecke von Poroy bis Aguas Calientes befahrbar, aber noch wird an einigen Stellen gearbeitet, sodass die Züge dort langsam fahren müssen.

Der gewohnte Rhythmus

In Aguas Calientes und auf dem Machu Picchu kehrt der gewohnte Lebensrhythmus zurück. Auch wenn die Anzahl der anreisenden Touristen noch nicht alte Höchststände erreichen, haben die meisten Unterkünfte und Restaurants geöffnet, freuen sich die Händler über anziehende Geschäfte und führen auch die Guides wieder Besucher durch das Unesco-Weltkulturerbe. Die im Auftrag des Inka Pachakuteq zwischen 1438 und 1471 auf einem Bergrücken der Anden in 2360 Metern Höhe errichtete Felsenstadt wurde von den Teilnehmern an einer weltweit geführten Internet-Umfrage zu einem der "Neuen sieben Weltwunder" gekürt. Auch wenn die Legitimität dieser Umfrage umstritten ist, die phantastische Lage macht Machu Picchu (in der Quetschua-Sprache: "der alte Felsen) zweifellos zu einer der attraktivsten touristischen Destinationen auf unserem Erdball.

Wenn am Vormittag langsam die Nebelschwaden in die Höhe steigen und Stück um Stück den Blick auf die Inka-Kultstätte und den dahinter liegenden Wayna Picchu (in Quetschua: "der junge Felsen) frei geben, kann man seine Augen kaum von dem überwältigenden Panorama abwenden. Deutlich lässt sich von oben die Zweiteilung der Stadt in einen landwirtschaftlichen Sektor mit Terrassenfeldern und einen städtischen Bereich erkennen, der Tempelanlagen, Kultstätten und Wohngebäude sowie Werkstätten und Speicher umfasste. Die bedeutendsten Gebäude bestehen aus gewaltigen, sorgfältig zurechtgeschnittenen und fein polierten Felsblöcken, die sich ohne Zwischenräume und Bindemittel aneinander fügen. Diese filigrane Baukunst der Inka kommt besonders am "Tempel mit den drei Fenstern" im östlichen Teil des Hauptplatzes zum Vorschein.

Sonnenuhr der Inkas

Auf die meteorologischen Kenntnisse der Inka deutet eine Sonnenuhr hin, mit der die Sommer- und Wintersonnenwende sowie der Beginn der Jahreszeiten bestimmt wurden. Selbst ein landwirtschaftliches Forschungszentrum machten Wissenschaftler am Rande der Häuser aus. Ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem verbindet die einzelnen Bereiche und beschert noch heute den herumstreifenden Lamas genug zu Fressen. Auf dem Weg zurück in das etwa 75 Kilometer entfernte Cusco verleitet in dem kleinen Ort Yanahuara ein Schild mit dem Hinweis "El Descanso" (Ruhepause) zur Rast. Mercedes heißt die Wirtin, die nach ihrem Nachnamen befragt schelmisch "Benz" antwortet, nach einem Gläschen Chicha (Maisbier) dann aber doch ihren wahren Familiennamen Lecana preisgibt. Seit mehr als 20 Jahren braut Mercedes aus gekeimtem und geschrotetem Mais ein Bier, dessen Tradition bis in die Inka-Zeit zurückreicht. Gemeinsam mit ihrer Schwester vermischt sie das Maismehl mit Wasser zu einer Maische, die in einem riesigen Topf für drei Stunden aufs Feuer kommt und anschließend für 26 bis 30 Stunden der alkoholischen Gärung überlassen wird. Aus 36 Kilogramm Mais entstehen 100 Liter Bier, das nicht nur bei den Einheimischen äußerst beliebt ist. Mercedes freut sich über die Wiedereröffnung der Bahnlinie nach Machu Picchu. Das bringt wieder Geld in die Familienkasse, so dass sie sich in absehbarer Zeit ein Zugticket zur Inka-Stadt leisten will, die sie bislang noch nie besucht hat. Dafür begleitete sie schon ihre Enkelin nach Cusco, in die Kathedrale und zu einem Bummel auf der Plaza de Armas, wo schon die Inka die Sonnenwende feierten. Auch heute finden auf ihr Umzüge und Feste statt, man erholt sich auf einer Parkbank inmitten riesiger Blumenrabatten oder genießt die peruanische Küche in einem der vielen Restaurants. Für Mercedes ist klar, dass sie ihre Heimat mit keinem anderen Platz auf der Welt tauschen möchte - jetzt, wo die Touristen wieder da sind. 





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