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Nah am Wasser gebaut

Schlösser, Städtchen und ein Fluss - eine Reise entlang der "Dordogne" - 02.09.10

Der Fluss Dordogne schlängelt sich 500 Kilometer zwischen dem Zentralmassiv und der Atlantikküste. Auf dem langen Weg Richtung Bordeaux begegnet man der längsten Seilbahn Frankreichs, der "Tyrolienne" und vielen Klettermöglichkeiten. Die felsigen Täler werden als "Wiege der Menschheit" bezeichnet, Höhlenwohnungen waren hier bis ins 16. Jahrhundert bewohnt. Im Westen reihen sich immer mehr Weingüter an den Fluss.


Entlang der Dordogne gibt es viele Sehenswürdigkeiten, hier das Château de Val.
Entlang der Dordogne gibt es viele Sehenswürdigkeiten, hier das Château de Val.
Foto: Weymann

An den urtümlichen, hellgrünen Bergen am Puy de Sancy in der Auvergne, dem höchsten Gipfel des ganzen Zentralmassivs, wirken Skilifte und Bergrestaurants wie angeklebte Miniaturmodelle. In einem Felshang an der Nordseite ist schon von weitem der Wasserfall eines Gebirgsbaches auszumachen: die "Dore" plätschert unterhalb davon aus einem Rohr und vereinigt sich mit einem von links heranfließenden Sturzbächlein - der "Dogne".

Benannt wurden die Bäche erst nach dem Fluss, der aus ihnen entsteht: der Dordogne, deren Name auf eine keltische Bezeichnung für "schnelles Wasser" zurückgehen soll. Wir wollen ihr folgen auf ihrem 500 Kilometer langen Weg bis zum Atlantik. Durch verschlafene Kurstädtchen und die wildromantische Avèzeschlucht plätschert das Flüsschen ins Tal. An der nahen Grenze zum Limousin hat es sich in den malerischen Stausee von Bort-les-Orgues verwandelt. In der Ausflugsidylle des heute an drei Seiten von Wasser umgebenen Château de Val erinnert nichts daran, dass der Fluss früher zwei Mal im Jahr zum reißenden Strom anschwoll und so vor dem Bau der Eisenbahn im 19. Jahrhundert zur wichtigsten Verkehrsverbindung zwischen dem Zentralmassiv und Bordeaux wurde.

Neben dem Château de Val betreibt Michel Meissonier ein Restaurant und einen Klettergarten. Hauptattraktion ist eine "Tyrolienne" - die längste Seilbahn Frankreichs, quer über einen Seitenarm des Sees. Als wir im Bergsteigergeschirr an einer in zig Umdrehungen rasselnden Rolle hoch übers Wasser rasen, sind wir schlicht überwältigt vom Flug durch die malerische Kulisse der Seelandschaft. Monsieur Meissonnier, ein muskulöser Mann, strahlt beruhigende Sicherheit aus. Was nicht zu verachten ist, wenn man voll Stolz den See überquert hat und auf der anderen Seite merkt, welche Klettergartenschikanen dort balancierend überwunden werden müssen, um den hohen Startpunkt in den Baumwipfeln zu erreichen. Der phantastische Rückflug über den See mit dem Chateau vor Augen kann uns aber auch damit versöhnen.

Eine Autostunde flussabwärts, bei der Pont du Chambon-Brücke kann man nicht nur in paradiesischer Ruhe hervorragend essen, sondern auch auf einem nachgebauten hölzernen Lastkahn die Ruhe zwischen den waldreichen Steilufern genießen, Vögel beobachten und sich das Leben der Schiffer erklären lassen. Die Financiers der Transporte residierten ein paar Kilometer weiter, im beschaulichen Argentat, wo es heute fast genauso ruhig ist wie hier. Von Beaulieu an steht die Dordogne im Rampenlicht - vor allem in der Gegend um La Roque-Gageac, wo sich das ganze Dorf unter die Felswand duckt. Wie im Wimmelbilderbuch rattern hier die Kleinbusse mit Kanu-Anhängern im Sekundentakt über die enge Uferstraße, während unten auf dem Wasser paddelnde Familien aus England und den Niederlanden fast für ein Verkehrschaos sorgen. Am Hang wachsen Bananenstauden in den engen Gärten.

Wir sind im Zentrum des Dordognetourismus im gleichnamigen Departement angekommen, das schon zur Region Aquitaine gehört. Aussichtspunkte in Dörfern und hoch angelegten Parks laden dazu ein, die fotogenen Schleifen, in denen die Dordogne das breiter werdende, felsige Tal durchfließt, von oben zu genießen. Folgt man dem Seitental der Vézère wird klar, warum die Region als eine "Wiege der Menschheit" gilt.

Nicht nur frühsteinzeitliche Höhlenwohnungen in der Felswand von La Roque Saint-Christophe, die bis im 16. Jahrhundert bewohnt waren, sind hier zu bestaunen. Im Kiefernwald beim Städtchen Montignac können die nachgebildeten Steinzeitmalereien der, als "Sixtinische Kapelle der Vorgeschichte" gerühmten Höhle von Lascaux mit ihren rötlichen Stieren und dunklen Pferden besichtigt werden. Zum Übernachten bietet sich hier das Städtchen Sarlat an, das mit seinen malerisch gelben Altstadthäusern in der Dunkelheit, wenn bei dezenter Beleuchtung zahlreiche Straßenmusiker auftreten, eine Lichtstimmung wie im 17. Jahrhundert wiederaufleben lässt. An einem der alten Häuser erinnert eine Tafel an den hier aufgewachsenen Dichter Étienne de La Boétie.

Sein engster Freund, der den früh Verstorbenen ein Leben lang schmerzlich vermisste, lebte flussabwärts, in einem Château in den Hügeln westlich von Bergerac. Als das Schloss im 19. Jahrhundert durch einen Brand zerstört wurde, blieb der etwas abgelegene breite Turm, in den sich der Hausherr oft zurückzog, unversehrt. Dort schrieb er, Michel de Montaigne, seine "Essais" über Alltägliches und Bedrängendes.

Wir fahren weiter in Richtung Westen, wo sich immer mehr Weingüter aneinanderreihen. Auch das Winzerstädtchen St. Emilion wäre einen Abstecher wert, aber wir wollen erst mal sehen, wie sich "unsere" Dordogne verändert hat. Rinnsal, Anglerbach, durch Kraftwerke und Riesenrohre gepresst, romantisches Flüsschen, vor Bergerac fast vollständig in einen Kanal parallel zum ausgehöhlten felsigen Flussbett umgeleitet, ist der Wasserlauf an der großen Brücke bei Libourne zu einer matschbraunen Brühe geworden - vom Sand, den die Flut aus dem nahen Atlantik hierher gebracht hat.

Ein paar Kilometer weiter westlich vereinigt sich der Fluss mit der aus dem nahen Bordeaux heranfließenden Garonne zum breiten Strom der Gironde. Und irgendwo am Horizont verlieren sich die Wasser des Bergbachs aus der Auvergne dann endgültig im Atlantik. 





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