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1250 Kilometer bis in die gemütliche Kleintierschenke

Rad fahren entlang des Todesstreifens: Martin Rahn aus Nürnberg hat die Grenzsteintrophy schneller als erwartet hinter sich gebracht - 29.06.2012 14:00 Uhr

Allein mit den Lochplatten: Martin Rahn auf seiner anstrengenden Reise der ehemaligen Grenze entlang.

Allein mit den Lochplatten: Martin Rahn auf seiner anstrengenden Reise der ehemaligen Grenze entlang. © privat


Herr Rahn, Sie haben schon mehrere Alpenüberquerungen mitgemacht und waren in den Rocky Mountains mit dem Rad unterwegs. Was hat Sie an der Grenzsteintrophy gereizt?

Martin Rahn: Es ist einfach sehr sympathisch, dass so wenig vorgegeben ist: Man meldet sich per Mail an, um den Streckenverlauf mit GPS-Daten zu bekommen. Am vereinbarten Datum treffen sich dann alle am FKK-Strand von Priwall, wo früher die Grenze an der Ostsee endete, und starten los. Wie schnell man fährt, wie man sich versorgt und wann man ankommt, bleibt jedem selbst überlassen. Wobei eigentlich alle in zwei Wochen am Ziel am ehemaligen Dreiländereck DDR/BRD/Tschechien ankommen sollten. Dort kann man sich dann in das rote Buch eintragen, das im Gasthaus „Zur gemütlichen Kleintierschenke“ am Zielort ausliegt. Man kann es aber auch lassen. Es gibt nur den „Kodex“, dass keiner sich vorher Übernachtungsquartiere bucht oder Verpflegung bringen lässt. Jeder ist auf sich gestellt, man hilft sich aber natürlich gegenseitig.

Es ist also offiziell kein Rennen. Trotzdem waren Sie nach acht Tagen im Ziel, obwohl Sie sich zwei Wochen Urlaub genommen hatten. Wettbewerb ist wohl doch dabei.

Rahn: Das ist wie immer bei solchen Veranstaltungen: Man will sich natürlich schon an anderen messen, und jeder, der bei der Grenzsteintrophy mitfährt, ist ein ambitionierter Radsportler und hat wohl auch einen echten Spleen.

Was für Leute haben Sie dort getroffen?

Rahn: Das sind die, die gern auch mal sehr lang auf dem Rad sitzen und ein echtes Abenteuer mitten in Deutschland erleben wollen. Zehn Stunden im Sattel sind normal, man fährt durch viel Wildnis und übernachtet draußen. Und es gibt auch echte Freaks wie einen Engländer, der mit dem Single-Speed-Rad, also ohne Gangschaltung fuhr und nicht mal eine Isomatte dabei hatte. Es gibt junge Leute Anfang 20, aber auch über Sechzigjährige, die es einfach mal wissen wollen. Eine interessante Mischung von Leuten, und mit 45 Teilnehmern diesmal so viele wie noch nie.

Der Grenzstreifen ist mittlerweile touristisch etwas mehr erschlossen. Gibt es dort wirklich noch so viel Wildnis?

Rahn: Dort, wo wir unterwegs waren, ist es größtenteils noch sehr wild. Der Weg führt durch Wiesen mit hüfthohen Brennnesseln und durch ziemlich leere Orte, wo man froh ist, dass man dort nicht wohnen muss.

Die Strecke wurde in diesem Jahr erstmals rechts und links vom ehemaligen Grenzstreifen etwas ausgedehnt. Hatte das Vorteile?

Rahn: Die Strecke wurde jedes Jahr wieder überarbeitet von Freiwilligen, die sich abschnittsweise den Verlauf vorgenommen und die schönste Route herausgesucht haben. Diesmal war es ein Korridor von 7,5 Kilometern beidseits der alten Grenze, in dem sich die Route bewegt hat. Das hat es sicher attraktiver gemacht und vor allem den Anteil von Lochplatten auf den alten Kolonnenwegen reduziert.

Diese Betondinger sind wahrscheinlich nicht so schön zu fahren.

Rahn: Das hat was von Presslufthammer. Wenn das Gras hoch steht, sieht man noch dazu die Ränder der Platten nicht. Dazwischen kommen brutale Anstiege, weil der Grenzverlauf sich ja nicht nach der Topographie gerichtet hat. Es sind also viele Schiebepassagen dabei.

Braucht man ein bestimmtes Rad oder sonstige Ausrüstung, um dort zu fahren?

Rahn: Da gibt es die unterschiedlichsten Konzepte: Manche haben schmale Reifen, ich habe ganz breite genommen, was sich bei den Lochplatten bewährt hat. Manche haben Packtaschen, andere haben einen Rucksack dabei. Man muss wirklich wissen, was man braucht und was man daheim lassen kann. Ein zweiter Satz Bremsbeläge ist zum Beispiel nicht schlecht.

Was ist, wenn jemand ein echtes Problem hat oder verletzt im Graben liegt?

Rahn: Jeder meldet sich telefonisch am Abend bei einer bestimmten Rufnummer, um so etwas auszuschließen. Und es bilden sich natürlich Grüppchen oder Paare, die etwa gleich stark fahren und sich helfen. Diesmal konnte man sich auch eine GPS-Maus besorgen und war damit online für jeden, der wollte, jederzeit auf der Landkarte zu verfolgen.

Hat man die jüngere deutsche Geschichte immer im Hinterkopf, wenn man am „Todesstreifen“ entlangfährt?

Rahn: Natürlich erinnern viele Gedenksteine und -stätten an die ehemalige Grenze. Das hat mich aber nicht so berührt wie ein Gespräch mit einem Bauern, über dessen Wiese wir fahren wollten und der erst richtig sauer war. Aber er hat dann erzählt, wie er nach der Wende 20 Jahre lang um sein Land kämpfen musste und sich niemand so richtig dafür interessiert hat. Das sind Schicksale, denen man dort eben begegnen kann.

Welches Körperteil tut am meisten weh?

Rahn: Ich bin an den ersten beiden Tagen 200 bzw. 180 Kilometer gefahren, um dann mehr Zeit für die bergigen Abschnitte zu haben. Da habe ich die Oberschenkel dann doch sehr gespürt. Und von dem Platten-Gerüttel sind die Finger noch jetzt taub. Andere hatten andere schmerzende Körperteile, je nach Kondition und Material... Und nach 45 Kilometern Lochplatte am Stück fragt man sich schon manchmal: Wieso tue ich mir das eigentlich an?KATHARINA ERLENWEIN

  

Interview: KATHARINA ERLENWEIN

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