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Auf einer Wolke des Glücks zu den Sternen fliegen

Vor fünf Jahren: Der 1. FC Nürnberg gewinnt seinen ersten Titel seit 39 Jahren - 26.05.2007 11:35 Uhr

Ein Team. Und was für eines: Raphael Schäfer stemmt den DFB-Pokal, sechs Kilo Gold für einen glänzenden Sieger, in den Berliner Nachthimmel.

Ein Team. Und was für eines: Raphael Schäfer stemmt den DFB-Pokal, sechs Kilo Gold für einen glänzenden Sieger, in den Berliner Nachthimmel. © Johannes Eisele


((ContentAd) Berlin leuchtete im Nürnberger Rot, durch den Konfetti­regen glitzerte die Goldtrophäe – und während ihr Trainer Hans Meyer seine Enkelkinder auf der Tribüne herzte, hüpften die Nürnberger Fuß­baller auf dem Rasen herum, so heftig, als würden sie sonst vor Freude plat­zen. Augenblicke für ein ganzes Le­ben? Ja, sagte Mintal, „ein fantasti­scher, ein ganz besonderer Tag“.

Zwei Stunden zuvor hatte Marek Mintal vor Schmerz laut geschrien und vor Verzweiflung geweint – nicht als einziger in diesem Moment, auch Zuschauern liefen Tränen über die Gesichter, als der Stürmer vom Platz getragen wurde. Ein gemeines Foul von Stuttgarts Abwehrchef Fernando Meira beendete dieses Berliner End­spiel für Mintal nach 35 Minuten – in dem Augenblick, als es so schön zu werden schien, denn acht Minuten zuvor hatte Mintal, der fast zwei Jahre lang verletzte Torschützen­könig, für Nürnberg zum 1:1 ausge­glichen.

Wildheit, Schönheit, Rasanz

Ein jäher Schmerz in einer Nacht zwischen Hoffen, Bangen, Zittern, Lachen und Weinen. Wie tief der Schock saß, sah man nicht nur auf dem Rasen – für Minuten schien die Freude an dieser besonderen Nacht verflogen, eine erneute schwere Verlet­zung des Nürnberger Lieblingsspie­lers wäre selbst mit einem Pokalsieg kaum aufzuwiegen gewesen. Aber als am Ende Mintal zurück aus der Klinik kam und es doch nicht ganz so schlimm wie befürchtet war, stand ein großer Fußball-Abend vor einem wun­dervollen Abschluss.

Weil auch dieser 1.FC Nürnberg wieder und wieder gekommen war, war es am Ende doch der Tag, den sie seit 39 Jahren herbeisehnen: der Tag des ersten Titels seit 1968, teils fantas­tisch erspielt, immer grandios und mutig erkämpft in einer Partie, deren Wildheit, Schönheit und Rasanz manchmal fast nicht zu ertragen war.

„Ich war so nervös wie noch nie in meinem Leben“, sagte später Nürn­bergs überragender Linksverteidiger Javier Pinola, „ich habe nur gedacht: Du kannst alles in die Hände Gottes geben, so bin ich ins Spiel gegangen“ – in ein Spiel auch mit den Gefühlen. Mit 0:1 hatte Nürnberg nach star­kem, offensivem Start zurückgelegen, nachdem Sami Khedira gepasst und die Hintermannschaft den Torschüt­zen Cacau übersehen hatte (20.).

Startsignal: Das 1:1 durch Marek Mintal machte den Nürnbergern Mut zu einem großen Kampf - am Ende holte eine famose Elf den Pokal auch für ihren kurz nach seinem Treffer erneut verletzten Torjäger.

Startsignal: Das 1:1 durch Marek Mintal machte den Nürnbergern Mut zu einem großen Kampf - am Ende holte eine famose Elf den Pokal auch für ihren kurz nach seinem Treffer erneut verletzten Torjäger. © Rainer Jensen


Min­tals Ausgleich nach fantastischem Pass vom Markus Schroth und präzi­ser Flanke von Außenverteidiger Dominik Reinhardt (27.) folgte eine Rote Karte gegen Cacau, der im Zwei­kampf unmotiviert nach Nürnbergs Verteidiger Andreas Wolf geschlagen hatte. Aber in Überzahl verlor Nürn­berg Mintal, derweil Meira für seinen grob fahrlässigen Tritt nur Gelb sah.

In einer Mischung aus Wut und Lei­denschaft setzte Nürnberg nach Sei­tenwechsel nach, nach einem Eckball von Pinola traf Marco Engelhardt per Kopf zum 2:1 (47.) – aber der Vor­sprung reichte nicht, weil zehn bra­vourös kämpfende Stuttgarter die Nürnberger zurückdrängten. Zehn Minuten vor Schluss passte Thomas Hitzlsperger auf Mario Gomez, den Raphael Schäfer von den Beinen holte – Pavel Pardo verwandelte den Elfme­ter sicher, und damit verlängerte sich diese besondere Pokalgeschichte um noch einmal 30 Minuten.

Nach 115 Minuten begann Daniel Klewer damit, sich warm zu machen. Der Ersatztorwart schrieb im Achtel­und Viertelfinale mit sechs gehalte­nen Elfmetern die besonderen Ge­schichten dieses Pokalwettbewerbs – „damals hat man mitbekommen, dass der liebe Gott etwas besonderes mit uns vorhat“, erinnerte sich auch Trai­ner Meyer später. Der liebe Gott, das Schicksal oder einfach doch bloß Fuß­ball – wie das Spiel bewegt, zeigte sich wieder in diesem Finale, das dann Jan Kristiansen um die letzte besondere Geschichte erweiterte.

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"Wenn wir schon mal hier sind...": Das Pokalfinale 2007

Fünf Tore, Brutalo-Fouls und ein Platzverweis: Es war ein hochdramatisches Finale zwischen dem 1. FC Nürnberg und dem VfB Stuttgart, in dem der Club seine Anhänger wie so oft in ein Wechselbad der Gefühle stürzte, ihnen am Ende aber den wohl größten Moment ihres Fan-Daseins bescherte. Wir blicken zurück auf ein unvergessliches Spiel.


Der Däne, der vor ein paar Wochen noch darum gebeten hatte, den Verein mangels Perspektiven verlassen zu dürfen, fasste sich ein Herz, düpierte Meira und zog aus 25 Metern mit rechts ab – der Ball senkte sich unter die Latte zum 3:2 ins Tor (109.); Kristi­ansens allererster Treffer überhaupt für Nürnberg bescherte dem Club die­sen kostbaren Sieg.

Und auch diese Geschichte passte irgendwie zu dieser Elf, deren Akteure mit- und aneinan­der so gewachsen sind – denn Kristian­sen hatte ein sensationelles Pensum absolviert und trotzdem lange kein Glück im Abschluss gehabt; zweimal war er aussichtsreich vor Timo Hilde­brand gescheitert. Aber irgendwann, auch das steht für 2007, wird Arbeit belohnt.

„Ich freue mich unglaub­lich“, sagte Meyer, während der Tor­schütze beim Versuch, seine Gefühle zu schildern, lachend aufgab. „Wir schweben auf einer Wolke“, sagte Pinola, der im Wortsinn bis zum Umfallen gearbeitet hatte für ein Team, das mit Robert Vittek, Jawhar Mnari und kurzfristig Honorato Glau­ber auf drei angeschlagene Leistungs­träger verzichten musste – für Glau­ber rückte Marek Nikl ins Team, der dienstälteste Nürnberger Profi, aber seit Monaten als Dauerreservist ohne Spielpraxis.

Den Gedanken, dass sich im größten Nürnberger Spiel seit Men­schengedenken das Schicksal gegen den Club verschworen haben könnte, verdrängte Pinola aber selbst nach Mintals scheinbarer Tragödie. „Man muss immer weiterkämpfen“, erklärte Pinola glückselig; „wir sind als Grup­pe fantastisch eingeschworen“, sagte Torschütze Engelhardt. So schuftete Schroth, rannte Pinola, passte Kristiansen.

Tomas Galasek, der Kopf dieser Mannschaft, war irgendwie überall, und dass Youngsters wie Andreas Wolf und Dominik Reinhardt selbst unter größ­tem Druck kaum Fehler unterliefen, beruhigte die Nerven. Den fleißigen Nikl löste mit Matthew Spiranovic ein 18 Jahre alter Australier ab. Um kurz nach halb elf war das Gemeinschafts­werk vollendet – Bundestrainer Joa­chim Löw übergab den DFB-Pokal an Keeper Schäfer.

Sechs Kilo Gold für einen glänzenden Sieger, der auch alle aufs Podest schickte, die zuschauen mussten: Vittek, Mnari, Glauber und natürlich Klewer. Sie waren ein Team. Und was für eines.

Stuttgart: Hildebrand; Osorio (68. Boka), Meira, Delpierre, Magnin - Pardo – Hilbert, Khedira (100. Tasci), Hitzlsperger, da Silva (46. Gomez) - Cacau.

Nürnberg: Schäfer; Reinhardt, Wolf, Nikl (73. Spiranovic), Pinola (115. Banovic)  - Gala­sek, Engelhardt - Kristiansen, Mintal (35. Polak) - Schroth, Saenko.

Schiedsrichter: Weiner (Giesen). Zuschauer: 74.220 (ausverkauft). Tore: 1:0 Cacau (20.),1:1 Mintal (27.),1:2 Engelhardt (47.), 2:2 Pardo (80./Foulelfmeter), 2:3 Kristi­ansen (109.). Rote Karte: Cacau (31./Tät­lichkeit). Gelbe Karten: Gomez, Khedira, Osorio, Meira - Galasek, Spiranovic, Schroth, Nikl.

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HANS BÖLLER

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