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Sonntag, 20.01.2019

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Basketball mit Erinnerungen an Kohl und die D-Mark

Bamberg verliert erstmals seit 1998 daheim gegen Bayreuth, die Hierarchie in Oberfranken gerät ins Wanken - 05.01.2019 09:20 Uhr

Im Derby oft einen Schritt zu spät: Bambergs Augustine Rubit (links) versucht vergeblich, De’Mon Brooks am Wurf zu hindern. © Foto: Ryan Evans/Eibner


Die Gesten sagten mehr als alle Worte, die wenig später noch in der Arena an der Forchheimer Straße gesprochen wurden. Nikos Zisis, der Bamberger Kapitän, den sie Herr der Ringe nennen, weil er fast auf jeder seiner Stationen durch Europa Titel gewonnen hat, schnitt mit der flachen Hand Schneisen in die Luft, so als wolle er seinen Mitspielern all die Spielzüge aufzeigen, die sie besser mal gewählt hätten. Elias Harris, sein Nebenmann auf der Bank, hörte mit nachdenklicher Miene und großen Augen zu, auch Daniel Schmidt, Maurice Stuckey und Stevan Jelovac starrten mit leerem Blick in die Ferne. Auf der anderen Seite des Feldes trommelte sich zeitgleich De’Mon Brooks auf die breite Brust.

Zu spielen waren da zwar noch einige Sekunden, das Oberfrankenderby aber war entschieden. Ein paar Freiwürfe später endete die Partie beim Stand von 94:84 (43:43) für Bayreuth und es folgte ein kleines Pfeifkonzert. Ungewöhnlich viele Zuschauer hatten an diesem historischen Tag bereits vorher die Ausgänge aufgesucht.

Das letzte Mal, als Bayreuths beste Basketballer in Bamberg ein Spiel gewinnen konnten, hieß der deutsche Bundeskanzler noch Helmut Kohl. Bezahlt wurden die Eintrittskarten mit D-Mark und Bayreuths Nachwuchsspieler Nico Wenzl war noch lange nicht geboren. Nun wurde er am Donnerstagabend Zeuge eines besonderen Ereignisses, über das sein Trainer Raoul Korner bei der anschließenden Pressekonferenz sagte: "Manchen ist noch gar nicht die Dimension des Sieges bekannt." Es war tatsächlich der erste Bayreuther Auswärtserfolg im oberfränkischen Derby seit dem 14. Februar 1998.

1989 feierte Bayreuth die Meisterschaft, danach setzte ein Niedergang ein, immer wieder erlebte der Basketballstandort heftige Krisen, während der Standort 50 Kilometer Luftlinie westlich einen erstaunlichen Aufschwung erlebte. Erst seit der Saison 2016/17 ist Medi Bayreuth wieder mehr als nur ein Abstiegskandidat in der Bundesliga, nach dem großen Umbruch bei Brose Bamberg gerät nun sogar die vermeintlich unverrückbare Hierarchie in Oberfranken ein wenig ins Wanken.

Durch den Derbysieg zogen die Bayreuther in der Tabelle am benachbarten Konkurrenten vorbei, im Moment steht Bamberg nur noch auf Platz 5, dabei wollte sich der Klub auch trotz des deutlich geringeren Budgets als in den Vorjahren doch zumindest hinter dem FC Bayern München und Alba Berlin einreihen. Danach sieht es aktuell nicht aus, dafür fehlt es der Mannschaft von Ainars Bagatskis vor allem in der Defensive an der nötigen Qualität, phasenweise auch schlichtweg an der Intensität. "Im Basketball ist Einsatz und Aggressivität wichtig, das lassen wir vermissen", stellte Bambergs Trainer am späten Donnerstagabend ernüchtert fest: "Wir haben in 19 Minuten ganze drei Fouls begangen und Bayreuth hat uns 27 Punkte in der eigenen Zone eingeschenkt. Das passt nicht zusammen."

Konzept wird unterlaufen

Diese Erkenntnis ist nicht neu, bislang ist es dem Letten aber nicht gelungen, die Probleme abzustellen. Außer Patrick Heckmann schien sich keiner der Bamberger ernsthaft gegen die Niederlage zu wehren, erwischen Tyrese Rice und Augustine Rubit wie gegen Bayreuth einen gebrauchten Tag, sind die Erfolgsaussichten des Teams äußerst gering. Zwar sprangen Jelovac (19 Punkte) und Ricky Hickman (17) ein, die vielen Verfehlungen in der Verteidigung konnte das aber nicht ausgleichen. Vor allem Brooks (26), aber auch Andreas Seiferth (18) und Kassius Robertson (15) durften sich nahezu ungestört austoben.

Dadurch, dass die beiden Rückkehrer Stuckey und Schmidt kaum und das große Talent Arnoldas Kulboka derzeit gar nicht berücksichtigt werden sowie Leon Kratzer nach Frankfurt weitergezogen ist, unterläuft Bagatskis zudem fundamental das Konzept, das Brose-Chef Michael Stoschek noch während der unbefriedigenden Vorsaison ausgegeben hatte: Mit "jungen, hungrigen Spielern" sollte der Neuanfang gelingen. Aktuell tut er das allerdings auch mit gestandenem Personal nicht wirklich.  

SEBASTIAN GLOSER

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