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"Best of Poetry Slam": Meike Harms triumphiert in Fürth

Rasanter Wettstreit der Worttüftler: Münchnerin siegt hauchdünn in der Stadthalle - 08.10.2018 14:00 Uhr

Passend zur Saalbeleuchtung moderierte Lokalmatadorin Lara Ermer (rechts) in blauem Schick den Wettstreit, den Meike Harms (links) für sich entschied. © Foto: Budig


"Poetry is what happens when nothing else can". Der Sinnspruch stammt vom Altmeister Charles Bukowski, der sich mit Auftritten in rauchigen Trinker-Lokalen hochgeschrieben hat. Meike Harms, die die Fürther Stadthalle als Siegerin dieses "Slams" — englisch für Schlag, Verriss, Kritik, übertragen steht der Begriff für einen Wettkampf, der über das direkte Publikumsvotum entscheiden wird — verlassen wird, sieht das ähnlich – nur mit anderen, den Worten Erich Frieds: "Es heißt / ein Dichter / ist einer / der Worte zusammenfügt. // Das stimmt nicht. // Ein Dichter / ist einer / den Worte / noch halbwegs / zusammenfügen // wenn er Glück hat // Wenn er Unglück hat / reißen die Worte / ihn auseinander." Das findet man auf ihrer Homepage.

Wer sich auskennt, durfte sich auf den Abend riesig freuen: Sechs Kontrahenten kämpften um den Sieg, Wortakrobaten, mit viel Vorschuss-Lorbeeren bedacht: Meike Harms (bayrische Poetry-Slam-Meisterin 2014), Philipp Scharrenberg (deutschsprachiger Poetry-Slam-Meister 2016), Christian Ritter (bayrischer Poetry-Slam-Meister 2010 und deutschsprachiger Vizemeister 2009), Pierre Jarawan (Bestsellerautor und deutschsprachiger Poetry-Slam-Meister 2012), die amtierende Schleswig-Holstein-Meisterin Victoria Helene Bergemann, Pauline Füg (Trägerin des Kulturpreises Bayern 2011, beste deutschsprachige Bühnenpoetin 2007). So war die Stadthalle mit 400 Besuchern gut besetzt.

Nur eines störte: Eine Arena für Wort-Wettkämpfe ist die Fürther Stadthalle nicht. Man sitzt auf praktischen Konferenzstühlen in keimfreien Reihen, das Getränk hat man brav draußen zu lassen. Auch sonst verströmt der Bau wenig Charme. Kein Bier, kein Schweiß – und die Moderatorin fügt sich im blauen Opernball-Fummel passend ins Saal-Licht. Egal, "wir wollten unbedingt einen Raum in Fürth, groß genug für das Geburtstagsfest mit besonderen Gästen und sind sehr gern hier hergekommen", so Lara Ermer.

Im Grunde ist es ja von Vorteil, das Wortgefecht mit geschlossenen Augen und ohne Ablenkung zu genießen. Der Slam lebt vom Wortwitz, von komplexen Gedanken und überraschenden Wendungen, ausgebreiteten Ideenwelten, die dahinter großflächige Gefühlsteppiche vermuten lassen. Das Tempo ist hoch, in sieben Minuten muss alles gesagt sein.

In die Welt von "Tybalts unendlicher poetischer Wut" entführt uns etwa Pauline Füg. Die Neu-Fürtherin kann sich mit den Shakespeare-Interpretationen (Tybalt ist eine Nebenfigur aus Romeo und Julia) aber nicht durchsetzen. Rasch spitzt sich das Geschehen zu, die ersten scheiden aus und kurz vor dem Finale auch die famose Victoria Helene Bergemann.

Sie gab sich anfangs schüchtern und schlich schulterhängend auf die Bühne ("Ich bin eine Primzahl, niemand will sich mit mir teilen außer mir selbst") — das ist aber alles nur Show: Ihr Kosmos wird schnell weiter und bunter, vor allem frecher, je länger die Redekunst dauert.

Allein, am Ende müssen alle kapitulieren vor der scharfen Intellektualität, mit der Meike Harms’ Bühnenexistenz ihre Geschichten verpackt und der gewaltigen poetischen Kraft, die Philipp Scharrenberg beweist. Er ist mutig genug, sich an die Fortsetzung von Heinz Erhardts berühmter "Made" ("Hinter eines Baumes Rinde . . . ") zu wagen. Beide erhalten Bestnoten von Jury und Publikum.

Das Finale — Scharrenbergs Paradestück von der rechten Verkostung eines Toffifee, die unversehens in der Demokratie-Krisen-Analyse landet, brilliert mit einer starken Wendung. Dagegen anzukommen — kaum denkbar. Aber Harms, klein, klug, schnell, spricht als einzige ohne je abzulesen — und liefert in ihrem "Erotik Slam" ein libidinöses Bekenntnis ab: "Ich stehe auf ungeschützten Schriftverkehr, Text an ungewöhnlichen Orten, wechselnde Gesprächspartner, also alles was man mit der Sprache treiben kann, und heute ist es an der Zeit, ihr mal wieder zu sagen, wie sehr ich sie begehre." "Nur wege Dir cunni Linguistik" – so heißt die kleine persönliche Geschichte des Spracherwerbs, und sie ist voller absurder Gedanken.

Am Ende, im Finale, entscheidet nur das Publikum durch Klatschen, zweimal langanhaltender Orkan, bevor die beiden Moderatoren sich — hauchdünn — entscheiden müssen. Harms siegt — "doch wichtig ist das Wortgefecht. Der Wettkampf ist der Extra-Spaß fürs Publikum" wie Lara Ermer hinterher freimütig einräumt.

Der nächste reguläre Slam findet am 11. November, 20 Uhr, in der Kofferfabrik statt. 

PETER BUDIG

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