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Club-Meisterschaft 1968: Schwelgen in Erinnerungen

Leser der Nürnberger Zeitung erzählen vom neunten Titel - 15.05.2018 16:49 Uhr

Das Ehepaar Gabriel und Gertraud Reicher hat aus dem Nachlass des ehemaligen Platzwarts Hans Meyer das Buch von Max Merkel "Mit Zuckerbrot und Peitsche" aufgehoben. © Stefan Hippel


"Nürnberg ist zum neunten Mal deutscher Meister", sagt der Kommentator mit relativ nüchterner Stimme, nachdem die Fernseh-kamera die strahlenden Gesichter von Strehl, Brungs und Co. herangezoomt hat. Und während sich die Mannschaft von Max Merkel in den Armen liegt, belagern Fans das Spielfeld. Die Totale zeigt rund 20 Männer, die sich unbändig freuen. Einer von ihnen rennt mit erhobener Fanfahne über den Rasen.

Die letzten Minuten des legendären Spiels am vorletzten Spieltag beim FC Bayern München im Grünwalder Stadion sind im Club-Museum zu sehen. Eine Kopie der Aufnahmen besitzt Werner Walter. Denn er ist der Mann, der nach dem Schlusspfiff mit der Club-Fahne über das Spielfeld sprintete. Die Fahne besitzt Werner Walter nicht mehr. Weil er Geld brauchte, musste er sie schon vor vielen Jahren verkaufen. Als er sie vor über 50 Jahren fertigen ließ, gab er ein ganzes Monatsgehalt dafür aus. Er war damals Lehrling im Einzelhandel und hätte sein Gehalt eigentlich für andere Dinge sparen sollen.

Ein kühles Blondes für die Fankehle: Nach der Meisterschaft wurde ein Club-Meisterbier auf den Markt gebracht. Ob es geschmeckt hat, ist nicht überliefert. © Foto: Horst Linke


80 Mark kostete die von einer Schneiderin gefertigte Fahne. "Als das meine Eltern herausgefunden haben, hat es Ärger gegeben. Ich hatte kein Geld mehr für das Busticket", sagt Werner Walter und lacht verschmitzt. Walter ist seit seiner Teenagerzeit Fan des 1. FC Nürnberg. Er gehört dem Fanclub "Seerose" an und ist bis heute treuer Stadiongänger. "In 40 Jahren Club-Mitgliedschaft habe ich höchstens 20 Spiele versäumt", sagt er und blättert in seinen Erinnerungen. In einem Sammelalbum kleben Eintrittskarten, Bus- und Zugtickets. Eines ist für eine Fahrt von Nürnberg nach Gelsenkirchen ausgestellt. Für 31 Mark fuhr Walter mit dem Club-Express, der Sonderzug war übrigens mit einem Tanzbereich ausgestattet, zum Spiel bei Schalke.

Einen Großteil seiner Freizeit opferte er seinem Club. Wie im Taumel habe er den Moment erlebt, als der 1. FCN sein letztes Spiel zu Hause gegen Dortmund bestritt. "Es war sehr heiß, und wir sind danach zum Hauptmarkt und haben gefeiert", erinnert sich der Rentner. Danach seien er und seine Kumpels "ein Jahr high gewesen". Diese Meisterschaft habe er lange nicht vergessen können. "Es wäre schön, wenn sie das wieder schaffen würden", hofft der 68-Jährige.

So ähnlich geht es Manfred Jolz. Auch er wohnt in Nürnberg und ist seit seiner Jugend Club-Fan. "Manchmal glaube ich, das war alles erst vor einem Jahr", sagt Jolz, während er durch sein Sammelalbum blättert. Auch er hat alles akribisch sortiert und beschriftet.

Stadionhefte kosteten damals 50 Pfennig und sind heute begehrt bei Sammlern und Fans. © Foto:Roland Fengler


Jolz sammelte Autogramme, Stadionheftchen und Fotos. Über 1000 Autogramme hat er in seiner Jugend zusammengetragen. "Zick-Zack war mein Lieblingsspieler", sagt der 69-Jährige. Ein Bild kostete Mitte der 1960er Jahre 50 Pfennig. Für die damalige Zeit war das Sammeln der Schwarz-Weiß-Bilder eine kostspielige Angelegenheit.

Heute wären die unterschriebenen Aufnahmen um ein Vielfaches mehr wert. Verkaufen will Jolz seine Sammlung nicht. Er hängt an den Erinnerungen. "Wir sind damals mit dem Fahrrad von Boxdorf zum Dutzendteich und nach dem Spiel wieder die ganze Strecke zurück." An das letzte Heimspiel am 25. Mai gegen Borussia Dortmund kann er sich nicht mehr so gut erinnern. "Das beste Spiel der Saison 1967/1968 war das Spiel gegen Gladbach", erzählt Jolz. Damals reichten die Sitzplätze nicht mehr, weiß er noch: "Wir saßen im Stadion auf der Aschenbahn."

4,50 Mark kostete damals eine Eintrittskarte (Stehplatz), um beim letzten Saisonspiel gegen Dortmund dabei zu sein.


"Es war immer etwas Besonders, Club-Fan zu sein", sagt Erhard Enders. Er ist seit 40 Jahren Club-Mitglied und war 24 Jahre Fankoordinator. Auch Enders war im Stadion, als der Club schon die Meisterschaft in der Tasche hatte. "Da haben gestandene Mannsbilder geweint", sagt er. "Auch mir sind die Tränen gekommen." Geweint habe er im Stadion ein Jahr später wieder. "Wir sind mit dem Zug nach Köln zum letzten Spiel der Saison 1968/1969, danach ist der Club abgestiegen."

Club-Fan ist Gertraud Reicher geworden, weil sie in den 1960er Jahren beim 1. FC Nürnberg erfolgreich Hockey gespielt hat. Heute blättert sie noch gern in dem Buch von Max Merkel "Mit Zuckerbrot und Peitsche". "Er war ja nicht ganz unumstritten", sagt Reicher, "aber er hat den Club zur Meisterschaft geführt." 1968 war für sie ein besonderes Jahr. "Ich hab zweimal gefeiert. Ich habe meinen Mann geheiratet, und der Club wurde Meister." 

Melanie Kunze

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