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Clubfans sorgen für leuchtende Augen bei Flüchtlingen

FCN-Anhänger machen Asylbewerber mit Besuch im Frankenstadion glücklich - 27.11.2014 19:24 Uhr

Ein bisschen Euphorie: Flüchtlinge genießen den Club im Frankenstadion.

Ein bisschen Euphorie: Flüchtlinge genießen den Club im Frankenstadion. © Foto: privat


Als die jungen Männer die Tartanbahn des Frankenstadions betreten und mit den Fingern durch den Rasen streichen, da sind sie für einen Moment plötzlich ganz weit weg, die Ängste und Sorgen. Bis zum eigentlichen Höhepunkt des Tages, dem Zweitligaspiel zwischen dem 1. FC Nürnberg und dem FC Ingolstadt, dauert es zwar noch zwei Stunden, doch die Jungs wissen natürlich, dass sie später auf der Tribüne Platz nehmen müssen. So nahe werden sie dem Fußballfeld nicht mehr kommen.

Die jungen Männer lachen, sie fotografieren sich gegenseitig mit ihren Mobiltelefonen. Die Nordkurve des Frankenstadions, die am Sonntagvormittag natürlich noch leer ist, dient als Kulisse. Die Anzeigetafel, auf der später ein 2:1-Erfolg für den Club leuchten wird, nun aber noch ein 0:0 steht, ist ebenfalls ein beliebtes Motiv.

Die zwölf jungen Männer fallen bei der Stadiontour, die der 1. FC Nürnberg auch diesmal vor seinem Heimspiel angeboten hat, sofort auf. Es liegt an ihrer Hautfarbe, an den Sprachen, die sie sprechen und die an diesem Tag außer zwei Dolmetschern sonst niemand spricht, es liegt aber vor allem an ihren Blicken, die eine ganz besondere Mischung aus Freude und Traurigkeit vereinen.

Die Jungs, die bei ihrer Einreise 16 oder 17 Jahre als Alter angegeben haben, kommen aus Somalia, Nigeria, Afghanistan oder Syrien. Sie haben Bürgerkrieg erlebt, Flucht und Vertreibung. Der Stadionbesuch soll zumindest für ein paar Stunden die Gedanken daran verdrängen. Und als sie auf der Trainerbank Platz nehmen, sich mit den Porträts von Club-Legenden wie Marek Mintal oder Dieter Eckstein fotografieren lassen und sich in der Mixed-Zone, wo nach dem Spiel die Journalisten warten, selbst für einen Moment wie Fußballprofis fühlen, dann kann man in ihren Gesichtern erkennen, dass dieser Plan aufgegangen ist.

Den Plan, den hat sich Christopher Geier ausgedacht. Der 30-jährige Nürnberger ist Ingenieur, er spielt Gitarre in einer Punkband und er ist vor allem: Clubfan. Allerdings einer, der nicht vergessen hat, dass es neben dem Fußball noch andere Themen gibt. Flüchtlingshilfe zum Beispiel. Ein Thema, dass er nicht alleine der Verwaltung überlassen will. Warum er sich hier engagiert? "Weil es offensichtlich Hilfsbedarf gibt", sagt Geier.

Wie man einem so großen Komplex begegnet? Mit kleinen Schritten. Fußball verbindet, es ist eine Liebe, die man fast überall auf der Welt teilt. Zusammen mit dem Fanclub "Die Besessenen" hat er die jungen Männer auf die Stadiontour und zum Zweitligaspiel eingeladen. Der Club hat ihnen günstigere Tickets gegeben, Kulmbacher Getränkegutscheine beigesteuert und der Busunternehmer Meidenbauer die Fahrt organisiert.

Die zwölf unbegleiteten Minderjährigen, wie es im Beamtendeutsch heißt, sind nämlich im Ernst-Naegelsbach-Haus in Sulzbach-Rosenberg untergebracht. Dabei handelt es sich eigentlich um ein Waisenhaus, weil die Flüchtlingsunterkünfte in Bayern aber völlig überbelegt sind, kümmern sie sich dort jetzt auch um junge Migranten. Eigentlich wollte Geier die Tour bereits beim Heimspiel gegen St. Pauli machen, dann hatte der 1. FC Nürnberg aber selbst schon großzügig Flüchtlinge eingeladen, die Aktion wollten sie trotzdem nicht abblasen.

Darüber freut sich auch Ali, der aus Ghana stammt und bei der Tour dadurch auffällt, dass er besonders viele Fotos macht. "Ich genieße jede Sekunde", sagt er. In seiner Heimat hat er schon einmal ein Spiel besucht, bei dem 40.000 Menschen zugesehen haben. Mit dem Frankenstadion hatte die Arena dort aber nicht viel gemein, erzählt er. Ein so modernes Stadion mit einem so schönen grünen Rasen haben sie in Ghana nicht.

Ein neuer Lieblingsverein

Ali ist Fußballfan, durch und durch. Er kann seine Lieblingsspieler von Borussia Dortmund alle beim Namen nennen. Bevor er nach Deutschland kam, hat er Manchester United die Daumen gedrückt, jetzt hat er einen neuen Lieblingsverein. Ali hat gelernt, flexibel zu sein. Er musste es.

Vor drei Jahren hat er seine Heimat verlassen. Warum, darüber möchte er nicht reden, die Sätze des 16-Jährigen geraten dann schnell ins Stocken, seine Augen werden feucht. In Libyen saß er zwei Jahre fest, "es war schrecklich", sagt er. Irgendwann hat er dann einen Platz in einem Boot bekommen und ist sieben Tage über das Mittelmeer geschaukelt, bis er in Italien endlich wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Auch deshalb hat er von der Fußball-WM in diesem Jahr nur wenig mitbekommen, dabei hätte er die Spiele seines Nationalteams so gerne verfolgt. Immerhin, Deutschlands 7:1 gegen Brasilien hat er später in einer Wiederholung gesehen.

Das Spiel, das er an diesem Nachmittag zu sehen bekommt, kann da nicht ganz mithalten, trotzdem bejubelt Ali die beiden Nürnberger Tore euphorisch und tanzt mit den anderen Jungs auf der Tribüne, als der Club die 2:1-Führung über die Zeit rettet. Für einen Moment ist Libyen und das Mittelmeer ganz weit weg, die Augen leuchten. Dann müssen die Flüchtlinge wieder zurück in ihre Unterkunft, welche Mannschaft Ali in Zukunft anfeuern darf, weiß er nicht. Ali muss weiter flexibel sein. 

Sebastian Gloser

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