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Ein 7:3 für die Ewigkeit: Erinnerungen an ein Club-Spektakel

Legendärer Sieg gegen den FC Bayern feiert Jubiläum - 02.12.2017 11:20 Uhr

Dieses Spiel in Franken ging in die Geschichte ein: Am 2. Dezember 1967 zerlegt der 1. FC Nürnberg den FC Bayern München in die Einzelteile. 7:3 heißt es am Ende. Es blieb bis heute der letzte große Club-Auftritt. © Sven Simon


Die wenigen Bewegtbilder stehen erst seit neun Jahren im Netz, es sind zweieinhalb Minuten auf Youtube. Zweieinhalb Minuten Zeitreise in eine andere Welt, darunter stehen ein paar wenige Kommentare. "Hab’ bisher noch nie Fernsehbilder dieses legendären Spiels gesehen", schreibt einer, "unglaublich, was wir in den gar nicht allzu fernen Zeiten geschafft haben", kann man auch lesen. Wir waren auf dem Mond, tatsächlich, und es gibt sogar Bilder davon: Ein wenig so wie die Geschichte vom Mann im Mond. Die Geschichte des Fußballs ist ein schönes großes Märchenbuch, nur, dass die Geschichten im Kern wahr sind. Das Spiel ist ja voller Wunder, voller Mysterien, voller sagenhafter Figuren, die für das Gute stehen oder das Böse, es gibt Kaiser, Könige, Helden und Schurken. Man erzählt ihre Geschichten den Kindern, auf dass diese sie ihren Kindern erzählen, später hat man die Details vergessen, aber erinnert sich gern an das wohlige Gefühl.

Das Kribbeln, die Freude, die phantastischen Momente. So ist es auch mit diesem Fußballspiel, das am 2. Dezember 1967 im Städtischen Stadion von Nürnberg ausgetragen wurde. Der 16. Bundesligaspieltag, Anstoß um vier Uhr nachmittags, null Grad, Wolken am Himmel. Der 1. FC Nürnberg erwartete den FC Bayern München, 65.000 Menschen – überwiegend Männer in Wintermänteln und mit Hüten auf den Köpfen – wollten das Spiel zwischen dem Tabellenführer und seinem ersten Verfolger sehen, die meisten waren schon mehr als eine Stunde früher da, manche mit ihren Söhnen an der Hand. Nürnberg vor Bayern, diese Rangfolge war damals keine Sensation, die Franken waren mit acht Titeln der Rekordmeister im Land. Der FC Bayern hatte den Titel ein einziges Mal gewonnen, das war lange her, 1932.

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Die Helden von 1967: Das ist aus den Bayern-Bezwingern geworden

Es sind historische Bilder: Ende der 80er Jahre erst überflügelten der FC Bayern den Club als Rekordmeister. Das letzte Mal, dass sich der FCN wirklich größer als der Rivale aus der ungeliebten Landeshauptstadt fühlen dufte, war da jedoch schon etwas her. Am 2. Dezember 1967 - in seiner vorläufig letzten Meister-Saison - pulverisierten Brungs & Co. die Münchner auf heimischer Spielwiese. Die Helden von damals, wir stellen sie vor!


Machtwechsel bahnt sich an

Man staunte über Tausende Schotten im Rock – aber in Franken hielt man es mit dem FC Bayern, dessen junge Mannschaft mit viel Applaus empfangen wurde. Es waren andere Zeiten. Die Bayern, erst zwei Jahre zuvor verspätet in die Bundesliga aufgestiegen, gewannen dieses Finale mit 1:0, und Kommentatoren bemerkten, dass sich da eine dritte Kraft im bayerischen Fußball etablieren könnte – hinter Nürnberg und dem TSV 1860 München, dem gefeierten deutschen Meister von 1966. Am 2. Dezember 1967 sah man sie wieder. Franz Beckenbauer, an jenem Tag, an dem man sich manchmal fragte: Passiert das alles wirklich? Als Gerd Müller zum ersten Mal traf, führte Nürnberg mit 6:0 und hatte Franz Brungs schon vier Tore. Am Ende waren es fünf und Nürnberg hatte mit 7:3 gewonnen. Auf den alten Bildern sieht man herumhüpfende Zuschauer, Zeitungen schrieben von einer Lehrstunde. Damals, als alles noch gut war für den Club – zum letzten Mal.

Das macht das Spiel heute so besonders. Es markiert – damals ahnte das niemand – eine Zeitenwende, am Ende der Spielzeit, die der FC Bayern auf einem ordentlichen fünften Rang abschloss. Während der Club kleiner und kleiner wurde, wurden die Geschichten vom 2. Dezember 1967 immer größer, Franz Brungs erzählt gelegentlich, wie ihm die Fans dankten. "Goldköpfchen", so nannten sie den Rheinländer, aber die sagenhaften fünf Tore erzielte er allesamt mit dem Fuß.

Die Details vergisst man. Aber es gibt Fußballspiele, die irgendwann zu den Biographien derer gehören, die sie miterlebt haben. Im Stadion oder in den Herzen. Die Teil von Familiengeschichten werden. Fußball ist dann das, was die Menschen damit verbinden. Erinnerungen, Sehnsüchte, Wünsche. Glück, Tränen. Heimat. Brungs, heute 80 Jahre alt, ist Nürnberg treu geblieben. "Weltberühmt in Nürnberg" stand einmal auf einem Plakat im Stadion. Aber die Helden von 1967 mussten ohne Weltruhm leben. Brungs bestritt nie ein Länderspiel, am 2. Dezember 1967 stand für Nürnberg kein aktueller Nationalspieler auf dem Platz. Stürmer Georg Volkert wurde im März 1968 erstmals nominiert, Mittelfeldspieler Luggi Müller drei Monate später, über sporadische Einsätze kamen beide nicht hinaus.

Der Kaiser zieht den Hut

Und Gustl Starek ereilte der Ruf der österreichischen Heimat erst 1968 nach seinem Wechsel zum FC Bayern. Angehende Weltstars sah man 1967 auf der Seite der Verlierer. "Man ahnte, dass da etwarten können", sagte Brungs viel später über die 1967 in Nürnberg vorgeführten jungen Bayern. Die Bayern von 1967, das waren auch: Werner Olk, Rudi Nafziger, Rainer Ohlhauser, Dieter Brenninger, je ein Länderspiel. Franz Roth, den sie Bulle riefen, kam zu vier Einsätzen. Von jener Mannschaft, die zwischen 1974 und 1976 als Beckenbauer, Müller, Maier und Georg Schwarzenbeck dabei waren - die Weltmeister von 1974. Tatsächlich spielten noch überwiegend gebürtige Franken – gegen richtige Bayern.

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Es war eine andere Zeit. "Ach geh", hat Franz Beckenbauer viel später in Nürnberg gesagt, "das war die Steinzeit", aber als angehender Kaiser, das sagte er auch, habe er den 1.FC Nürnberg bewundert.  Die alte Größe lebt heute von der Erinnerung. An Tage wie diesen. 1:0 Strehl, 2:0 Volkert, 3:0 Brungs, 4:0 Brungs, 5:0 Brungs, 6:0 Brungs, 6:1 Müller, 7:1 Brungs, 7:2 Brenninger, 7:3 Brenninger: So sieht das Monument vom 2. Dezember 1967 in Zahlen aus.

Von seither 62 Spielen gegen die Bayern gewann der 1. FC Nürnberg noch zehn, darunter das Rückspiel der Meistersaison und, kurz nach dem Abstieg in die Regionalliga 1969, das (vergessene) Viertelfinale im DFB-Pokalwettbewerb (2:1 in Nürnberg). Eine wirkliche Rivalität war es nie und konnte es nicht werden, ein Geschichte, die auch vom fränkischen Trotz handelt, vom Ende der Freien Reichsstadt Nürnberg und dem Napoleonischen Zwangsdiktat einer bayerischen Fremdherrschaft – im Fußball wiederholt nach über 150 Jahren.

Gut, böse, der fränkische Stolz, die neue Zeit, der auf einmal professionelle Sport, das viele Geld, das die Bayern damit verdienten, das verzweifelte Ringen um Nürnbergs großes, schönes Fußball-Erbe: Alles steckt in dieser Geschichte.  

Hans Böller

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