Mittwoch, 14.11.2018

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Ein Vacher fährt zur WM im Kunstradfahren

Martin Fürsattel sieht die Nominierung mit gemischten Gefühlen - 24.11.2017 11:09 Uhr

So sieht es aus, wenn Martin Fürsattel Fahrrad fährt. Das Bild entstand im Juli bei den bayerischen Meisterschaften im Kunstradfahren in Forchheim. © Foto: Ralf Rödel


"Eigentlich", sagt der 26-jährige Martin Fürsattel mit einem Lächeln, "bin ich von Geburt an im Verein". Die Gene haben ihm Mutter Doris und Vater Gerd als begeisterte Kunstradfahrer beim RSV in Vach vererbt. Und so wurde die Vereinshalle in der Vacher Straße 470 für den Sohn schon früh ein Stück Zuhause. Irgendwann habe er "einfach mittrainiert, so mit sechs, sieben Jahren".

Spaß war und ist immer noch die Motivation, und weil er schon als Kind ziemlich ehrgeizig war und "ich das bis heute noch bin", wurde der Großteil der Freizeit in der Vereinshalle verbracht. Sie passt übrigens irgendwie zum Kunstradsport generell und zu seiner Karriere im Besonderen: Unscheinbar im Hinterhof gelegen und weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit.

Denn dieser artistische Sport mit seinen circensisch anmutenden Übungen kommt allenfalls aus seiner Nische heraus, wenn seine Protagonisten bei den von den Deutschen dominierten Weltmeisterschaften wieder einmal für eine Medaillenflut sorgen.

Trainingseifer und Talent zahlten sich bei Fürsattel junior schon bald aus. Erste Erfolge im Schülerbereich spornten ihn zusätzlich an. Selbst ein Milzriss nach einem unglücklichen Trainigssturz auf den Lenker konnte den Tatendrang des Zwölfjährigen nicht stoppen.

Akrobatik pur

Ob die für ihn schwierigste Übung, den nach dem deutschen Bundestrainer benannten Maute-Sprung aus dem Sattelstand zum Lenkerstand während der Fahrt oder den deutlich höher bewerteten Sattel-Lenkerhandstand – er hat sie inzwischen alle im Programm. Harte Arbeit, die sich bislang ausgezahlt hat: Er wurde Vizeeuropameister der Junioren 2009 und erlangte jeweils Podiumsplätze als Dritter bei den deutschen Meisterschaften der Elite 2013, 2016 und 2017.

Was noch fehlt, ist eine WM-Teilnahme. Aber auf das "Nonplusultra in unserem Sport" muss Fürsattel, der von Kindesbeinen an von seinem Vater als Heimtrainer betreut wird, auch am Wochenende in Dornbirn verzichten. Zwar ist er offiziell vor Ort, aber dennoch nicht richtig dabei.

"Wieder nicht", wie er deutlich frustriert erzählt, denn wie schon im Vorjahr in Stuttgart muss er sich als Dritter der internen WM-Qualifikation hinter Weltmeister Lukas Kohl aus Kirchehrenbach bei Forchheim und Moritz Herbst (Wendlingen) erneut mit der undankbaren Rolle als Ersatzmann abfinden. "Eine blöde Situation", wie er sagt, "man muss sich vorbereiten wie auf einen WM-Start, trainiert miteinander und wünscht natürlich keinem etwas Schlechtes, schließlich kennt man sich seit Jahren." Zusätzlich ärgerlich, weil die Form sehr gut ist und er 2017 insgesamt seine beste Saison bestritt, jedoch beim Einfahren vor der dritten von sieben WM-Qualifikationen stürzte und danach wegen einer Kapselverletzung beeinträchtigt war. "Ein bisschen Pech, aber so ist das eben im Sport", lautete im Rückblick sein Kommentar. Und was ist so faszinierend, dass nahezu tägliches Training und kaum mehr als eine Handvoll sportfreier Wochenenden im Jahr akzeptiert werden, um im Ernstfall auf dem Rad 30 verschiedene Elemente in maximal fünf Minuten möglichst optimal zu absolvieren? "Die anspruchsvolle Mischung macht’s" für Fürsattel.

Alles ausblenden

Kondition, Athletik, Gleichgewichts- und Tempogefühl, "ganz besonders aber mentale Stärke. Man muss alles rundum ausblenden, denn in diesem auf die Sekunde getimeten Programm auf höchstem Niveau kann doch schon ein Wackler den Ausschlag geben".

Im wirklichen Leben ist Fürsattel Maschinenbauingenieur und konstruiert am Fürther Fraunhofer-Institut im Entwicklungszentrum für Röntgentechnik Röntgenkameras. Liiert ist er mit Sophia Hunold, einer talentierten Kunstradfahrerin aus dem Württembergischen. Bei all dem Training bleibt wenig Zeit für seine weiteren Hobbys Mountainbike- und Ski fahren.

Und weil das so ist, bleibt er die Antwort schuldig, wie lange er seine Karriere noch fortsetzen will: "Das ist ein Thema, über das ich mir in aller Ruhe meine Gedanken mache." Klar ist nur, dass er, wenn er weitermacht, "dann richtig, mit der WM 2018 als dem großen Ziel". Denn eine der Stärken Fürsattels ist nach eigenem Bekunden die Ausdauer, aufgeben, wenn es nicht auf Anhieb klappt, passt nicht zu seinem Charakter. Das hört sich nicht schlecht an – für eine weitere Saison mit harten Trainingseinheiten in der Halle im Hinterhof. 

WIELAND PETER

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