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Harz im Fürther Handball: ein klebriges Problem

Wettbewerbsverzerrung und Frust bei Vereinen ab der Landesliga - 28.12.2017 16:00 Uhr

In kleine Dosen abgefüllt, bringen die Teams das Harz mit an den Spielfeldrand. An den Bällen bleiben dunkle Spuren. © Fotos: Wolfgang Zink/Oliver Gold/Zink


Am Rande der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro im Sommer 2016 sorgte ein Interview mit Hassan Moustafa, dem Präsidenten der Internationalen Handballföderation (IHF), für einen Aufschrei. Im Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung erklärte der 73-jährige Ägypter: "Wir werden das Benutzen von Harz weltweit verbieten." In diesem Zusammenhang veröffentlichte der Weltverband ein Informationsschreiben mit dem Titel "Eine harzfreie Zukunft des Handballs".

In der Bundesliga, in der das Haftmittel für alle Vereine Vorschrift ist, rief die Meldung Schockzustände hervor. Christian Zeitz vom THW Kiel kommentierte damals vielsagend: "Da könnten dann einige Spieler aufhören, Handball zu spielen." IHF-Präsident Moustafa lässt sich von seinem Vorhaben aber nicht abbringen, Anfang Dezember 2017 wurde öffentlich, dass bei der WM 2019 in Deutschland und Dänemark auf den Einsatz eines selbstklebenden Balls gesetzt werden soll. Damit könnte ein generelles Harzverbot einhergehen.

In der Fürther Handballszene würde das sicherlich größtenteils auf Zustimmung treffen. Doch wofür benutzen die Handballer überhaupt das Klebemittel? "Es ist einfach ein Riesenvorteil. Man kann viele Wurfvarianten machen, die so nicht möglich sind. Dazu hat man einen wesentlich härteren und mit Übung deutlich präziseren Wurf", fasst es Roßtals Rechtsaußen Manuel Urban zusammen.

Und er fügt an: "Beim Fangen ist es natürlich auch ein entscheidender Vorteil." Mit dem TVR spielte der Linkshänder vor dem Abstieg bereits zwei Jahre in der Landesliga Nord, in der teilweise "geharzt" wird, wie es in der Szene heißt. Ab dieser Spielklasse können die Vereine eine Genehmigung beantragen, das Mittel einzusetzen. In der BOL spielt man ohne.

Top-Teams harzen

In Roßtal war es ein großes Problem, dass auch beim Training in deren Halle nicht geharzt werden darf. Ohne regelmäßige Benutzung aber fehlte die Routine im Umgang mit dem klebrigen Ball. Bereits das Passspiel bereitete vielen Akteuren große Probleme. Die Auswirkungen seien immens, sagt Urban: "Man sieht es auch aktuell an der Tabelle in der Landesliga. Die meisten Mannschaften, die oben mitspielen, harzen auch." In dieselbe Kerbe schlägt Laszlo Ferencz. Der Trainer der Stadelner Landesliga-Männer ist in dieser Saison unmittelbar von der uneinheitlichen Regelung betroffen. "In der Landesliga spielen zum Beispiel Regensburg, Heidingsfeld und Lauf mit Harz – und dann kann man sich mal die Tabelle anschauen", so der Rumäne über die drei Teams, die die Liga anführen.

Auswärts ohne Chance

Nicht selten kam es deswegen in der Vergangenheit vor, dass Fürther Mannschaften ihre Auswärtsspiele zum Teil krachend verloren – und dann zu Hause plötzlich gegen die Harz-Teams der Liga sogar gewannen.

"Die Regelung in der Landesliga finde ich persönlich zum Kotzen. Einige wenige Mannschaften trainieren und spielen mit Harz. Der Rest – wie auch wir – ohne", vertritt Ferencz eine klare Meinung. Der langjährige Trainer sieht es wie Profi Zeitz: "Wir reden hier fast von zwei verschiedenen Sportarten."

Der Roßtaler Rechtsaußen Manuel Urban spielte in der Landesliga mit dem Haftmittel Harz, in der BOL ist es nicht erlaubt. © Oliver Gold/Zink


Seine Mannschaft trainiere zwar vor betroffenen Spielen ab und an mit Harz, doch "wirklich nützen tut es oftmals leider gar nichts". Zur Verdeutlichung: In Regensburg verlor der MTV mit 23:37, die Partie in Heidingsfeld mit 13:28 und das Derby gegen die HSG Lauf/Heroldsberg mit 19:38. "Ich sehe darin eine totale Wettbewerbsverzerrung", stellt Ferencz klar.

Ein anderer Fürther Verein, der in dieser Spielzeit erneut direkt davon betroffen ist, ist die HG Zirndorf. "Generell haben wir Harzverbot. Da wir in einer städtischen Halle spielen, ist die Benutzung ohne Sondergenehmigung auch gar nicht möglich", erklärt der Vorsitzende Kim Nickl.

Eine solche hat die HGZ für die Bayernliga-Frauen, die in der 3. Liga noch verpflichtend hatten harzen müssen, in diesem Jahr nicht beantragt. Der Zirndorfer Vorteil: Neben der städtischen Bibertsporthalle gibt es noch die Jahnturnhalle. "Dort trainieren die Frauen vor ihren Harz-Spielen mit dem wasserlöslichen Harz", erläutert Nickl die internen Vorgänge.

Mit dem Lappen

Wirklich hilfreich sei das seiner Meinung nach aber nicht: "Die Frauen müssen danach eigenständig die Halle putzen. Leider sieht man gewisse Harz-Flecken erst eine Woche später, wenn Staub daran klebt, da es ja farblos ist. Genau das führt unter der Woche immer wieder zu Ärger für den Verein."

Weil sich andere Abteilungen, die die Halle auch noch benutzen, wegen des klebrigen Bodens benachteiligt fühlen, gibt es regelmäßig Beschwerden.

Eine Zirndorfer Spielerin, die auch schon zum Putzen "mit einem kleinen Lappen auf allen Vieren über den Boden robbte", ist Meike Fenn. Sie sieht bei Auswärtsspielen den "großen Einfluss" des Harzes, der sich auch auf die Spielweise auswirkt: "Spielfluss kommt so oftmals nicht zustande."

Mit ihrem Ansatz, "eine einheitliche Lösung finden" zu wollen, ist die Zirndorferin im Fürther Handballkreis jedenfalls nicht alleine. 

MAXIMILIAN SCHMIDT

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