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Immer lautere Kritik am FIFA-Präsidenten

Blatter kannte jedes Detail und war immer dabei - Zwanziger erhofft sich frischen Wind - 16.07.2012 12:46 Uhr

Die Luft wird dünn: Auch der frühere Mediendirektor Tognoni hat Fifa-Präsident Blatter in die Mangel genommen.

Die Luft wird dünn: Auch der frühere Mediendirektor Tognoni hat Fifa-Präsident Blatter in die Mangel genommen. © dpa


Es sollte ein großer Schritt in eine saubere Zukunft im korruptionsgebeutelten Fußball-Weltverband werden. Jetzt muss sich FIFA-Präsident Joseph Blatter für die Sünden der Vergangenheit rechtfertigen und gegen massive Rücktrittsforderungen wehren. „Die Sitzung des Exekutivkomitees ist eigentlich anberaumt worden, um den Reformprozess zu verabschieden. Aber diese Sitzung ist total überschattet von dem, was jetzt öffentlich geworden ist“, sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach vor dem brisanten Treffen des FIFA-Führungsgremiums an diesem Dienstag in Zürich.

Blatter wird in der Schmiergeldaffäre vor allem in Deutschland öffentlich unter Druck gesetzt – aber nicht nur. Der ehemalige FIFA-Direktor Guido Tognoni erhob am Montag schwere Vorwürfe gegen seinen früheren Chef, nachdem dieser in einem Interview am Wochenende Unregelmäßigkeiten bei der WM-Vergabe für das „Sommermärchen“ 2006 angedeutet hatte.

„Sepp Blatter war immer dabei. Wenn Sepp Blatter den Deutschen jetzt irgendwelche Vorwürfe macht, dann treffen die auf ihn zu. Denn er hätte ja das Ganze stoppen können, wenn es unsauber gelaufen wäre. Dann hätte er sagen müssen: So geht es nicht“, sagte der Schweizer im ARD-Morgenmagazin.

Blatter kannte jedes Detail

Der Präsident des Weltverbandes habe jedes Detail bei der WM-Vergabe im Juli 2000 an Deutschland gewusst, erklärte Tognoni. „Jetzt im Nachhinein zu kommen, das finde ich etwas billig. Tatsache ist, dass in der FIFA unter der Präsidentschaft von Sepp Blatter Dinge geschehen sind, die eigentlich in einem Fußballbetrieb nicht geschehen sollten.“

Blatter revanchierte sich mit seinen Seitenhieben gegen das Nachbarland wohl auch für das blanke Unverständnis, das ihm aus dem deutschen Fußball entgegenschlug. Ligapräsident Reinhard Rauball hatte ihn telefonisch zum Rücktritt aufgefordert, DFB-Präsident Wolfgang Niersbach reagierte entsetzt auf die jüngsten Enthüllungen.

Das in den Akten der Staatsanwaltschaft Zug belegte Ausmaß der FIFA-Korruptionsaffäre hat weltweit Wellen geschlagen und ein schlechtes Licht auf den Präsidenten geworfen. Gerade deshalb misst Exekutivmitglied Theo Zwanziger der Exekutivsitzung große Bedeutung bei. Denn die auf der Agenda stehende Verabschiedung des Ethik-Kodex' und die Einsetzung der Vorsitzenden der beiden Kammern der Ethikkommission sollen ein Signal für die Erneuerung im Weltverband setzen.

„Die nunmehr öffentlichen Informationen beweisen leider in negativer, aber auch eindrucksvoller Weise, wie zwingend notwendig der aktuelle Reformprozess bei der FIFA und wie wichtig die Schaffung einer komplett unabhängigen Ethikkommission und eines klaren Ethikreglements ist“, sagte Zwanziger der Nachrichtenagentur dpa.

Zwanziger erhofft sich frischen Wind

Nachdem in der Vorwoche die unappetitlichen Details der Schmiergeldaffäre um den ehemaligen FIFA-Präsidenten Joao Havelange und dessen brasilianischen Landsmann Ricardo Teixeira bekanntgeworden waren, erhofft sich der frühere DFB-Präsident frischen Wind bei der Aufarbeitung. „Ich bin zuversichtlich, dass die von Professor Pieth für den Vorsitz der beiden Kammern vorgeschlagenen Personen bestätigt werden, sofort ihre Arbeit aufnehmen und sich auch dieser Sache - komplett unbeeinflusst von der FIFA – noch einmal annehmen“, sagte Zwanziger.

In einer juristisch ähnlichen Konstruktion wie beim Deutschen Fußball-Bund mit dem Sportgericht und dem Kontrollausschuss soll nun die Ethik-Abteilung des Weltverbandes arbeiten. Als unabhängigen Chefankläger wünscht sich die FIFA den argentinischen Top-Juristen Luis Moreno Ocampo. „Die Tatsache, dass Luis auf der Liste steht, zeigt, wie ernst wir es meinen“, hatte der Schweizer Strafrechtler Mark Pieth, zugleich Vorsitzender der unabhängigen Kommission für Governance bei der FIFA, kürzlich gesagt.

Moreno Ocampo hat sich bislang öffentlich noch nicht konkret geäußert. Er wies nur darauf hin, dass er früher in Argentinien mit der Umgestaltung von korrupten Organisationen zu tun gehabt habe. Der 60-Jährige war von 2003 bis zum Juni dieses Jahres Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag.

FIFA muss Vollgas geben

Nach Ansicht von Pieth muss die FIFA bei den geplanten Aufräumarbeiten nun Vollgas geben. Der Weltverband sei im Vergleich mit internationalen Firmen bei der Korruptionsbekämpfung 30 Jahre im Rückstand, hatte er kürzlich erklärt. „Man kann die Geschichte ja nicht zurückdrehen. Aber ja, man hätte früher Instrumente schaffen müssen, die greifen. Die Ethik-Kommission hätte man früher gründen sollen“, räumte „Survival-Spezialist“ Blatter („Frankfurter Allgemeine Zeitung“) ein.

Der 76-Jährige gibt sich als großer Reformer, nachdem er jahrelang nichts gegen den Filz unternommen hatte und erntete dafür auch viel Spott. „Der Sepp heiligt die Mittel“, titelte am Montag die „Süddeutsche Zeitung“. Er habe auf dem FIFA-Kongress 2011 entschieden, so Blatter, „dass wir nun vorwärtsgehen. Wir änderten die Statuten, bildeten eine Ethik-Kommission und eine Lösungskommission. Jetzt haben wir die Instrumente, um einzugreifen“, sagte der mächtige Funktionär und forderte: „Das Exekutivkomitee muss die Reformen jetzt absegnen.“ 

dpa

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