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Leidenschaft Schießsport im Schützengau Fürth

Wettbewerbe und Geselligkeit: Fast 4000 Schützen im Gau - 27.12.2017 11:37 Uhr

Thomas Stelzig weiß genau, was ihn am Schießsport begeistert: „Die Faszination ist die Einheit von Körper und Geist, die dabei entsteht“, sagt der 1. Schützenmeister im Gau Fürth. © Foto: Zelada


Thomas Stelzig stellt gleich klar: "Ich bin ein Späteinsteiger. Ich hatte nie etwas mit Waffen zu tun, war nicht einmal bei der Bundeswehr." Der 1. Gauschützenmeister schließt das modern ausgestattete Vereinsheim am Ortseingang von Ammerndorf auf, wo zwei Mal in der Woche Schießübungen stattfinden.

1996, kurz nachdem Stelzig nach Ammerndorf gezogen war, trat er der örtlichen Schützengesellschaft bei. "Die Faszination kam dann nach und nach, du hast am gesellschaftlichen Leben teilgenommen, das war eine schöne Geschichte", sagt Stelzig, der auch seit etwa 40 Jahren angelt. Im Schützenheim agieren die Sportler wahlweise am Scharfstand im Erdgeschoss mit scharfer Munition, am Luftpistolenstand im ersten Stock oder am Bogenschießstand im Dachgeschoss. "Das läuft seit zwei Jahren alles elektronisch", erklärt er und präsentiert erst die Lüftungsanlage mit Touchscreen-Steuerung am Scharfstand und dann die schnelle Lichtsensorenmessung am Luftpistolenstand.

"Mit diesen Ständen kann der Gau auch Wettbewerbe veranstalten. Wir nehmen nur Vereine, die elektronische Stände haben. Da kommen auf Turnieren schnell über 100 Teilnehmer zusammen. Das würden sie ohne die Elektronik gar nicht so schnell auswerten können." Stelzigs Schützengesellschaft Ammerndorf 1960 ist einer von 29 Vereinen im Fürther Gau.

Der Schießsport in Deutschland ist größer, als viele denken: Bundesweit schießen knapp fünf Millionen Menschen in Vereinen, 470 000 allein in Bayern. Der Gau Fürth zählt momentan knapp 3800 Mitglieder, davon 3082 über 26 Jahren. Minderjährige machen nur einen kleinen Teil aus. An den Wänden des Vereinsheims hängen Zierteller von befreundeten Vereinen und vergangenen Königsschießen. Darauf zu sehen: Rotwild, Greifvögel und Wappen benachbarter Schützengesellschaften. Das strahlt eine heimelige Gemütlichkeit aus, doch sicher keine Jugendlichkeit.

Ohne Aggressionen

181 Mitglieder des Gaus sind unter 14, 182 unter 18 Jahre alt. Für sie gelten strengere Regeln als für die Erwachsenen: "Jugendliche schießen bei uns nicht scharf", sagt Stelzig. Neben dem Training gibt es Wandertage und andere Aktivitäten wie Kanufahren, über die Jugendliche und Erwachsene auch abseits von Kimme und Korn Gemeinschaft erleben.

Worin genau liegt die Anziehungskraft der Schützenvereine? "Ich vergleiche das Schießen immer mit dem Konzentrationssport Schach", sagt Stelzig, "die Faszination ist die Einheit zwischen Körper und Geist. Dass da noch eine Waffe mitspielt, ist eigentlich untergeordnet." Mit Aggressionen habe das nichts zu tun. Porträts in der Gaststube des Vereinsheimes zeigen die internen Schützenkönige, aber auch -königinnen seit 1999 mit ihren traditionellen Königsketten: Immerhin sechs von 17 sind Damen.

Wer jenseits dieser Traditionswettbewerbe besonderes Talent und Ambitionen hat, schießt nicht nur bei seinem Heimatverein, sondern bei der LGF, der Leistungsgemeinschaft Fürth. Sie bietet oftmals bessere Trainingsbedingungen als die kleineren Vereine. Die besten Nachwuchsschützen der LGF schießen wiederum im RWS, den Rot-Weiß-Schützen Mittelfranken, in Petersaurach.

Dort bündeln die Gaue des Bezirks Mittelfranken ihre Top-Schützen, um sie noch stärker zu fördern und individuell zu unterstützen. "Der RWS ist 1986 als Teil des Schützengaus Fürth gegründet worden, ist in sich jedoch selbstständig", merkt Stelzig an. Herausgesprungen sind dadurch bereits sieben Medaillen bei Welt- und 21 bei Europameisterschaften, 257 bei Deutschen und 666 bei Bayerischen Meisterschaften. Die führenden Vereine im Schützengau heißen ASG Zirndorf, KPSG Zirndorf, RWS Franken und VfL Veitsbronn. "Es gibt auch durchaus Fans", sagt Stelzig. Gerade die SSG Dynamit Fürth, die in der Bundesliga schießt, ziehe sogar auswärtige Zuschauer an.

Derartige Höhepunkte erfordern zum Jahresabschluss natürlich einen Rückblick, und so wurden beim Gauehrenabend 2017 die besten Schützen des Gaus ausgezeichnet – mit zahlreichen Sportlern aus den Reihen der bereits genannten Vereine und zehn Bayerischen und Deutschen Meistern des Leistungsvereins RWS.

Wer sich fürs Schießen interessiert, sollte sich in jedem Fall über die Kosten des Sports im Klaren sein. "Der Mitgliedsbeitrag ist verschwindend gering", so der Gaumeister. Doch Waffen und Munition sowie spezielle Kleidung kratzen schnell am vierstelligen Bereich. Nach oben gebe es ohnehin keine Grenzen, sagt Stelzig und lacht: "Ich kenne sogar einen im Gau, der sich tatsächlich die Waffe vergolden hat lassen." 

SEBASTIAN ZELADA

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