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Pechvogel Sellin: "Ich denke ausschließlich positiv"

Vorzeitiges Saisonaus für den Rechtsaußen des HC Erlangen - 17.04.2018 06:20 Uhr

Johannes Sellin muss den Rest der Saison von der Bank aus verfolgen. Eine Oberschenkelverletzung sorgte für das vorzeitige Saisonaus. © Sportfoto Zink/WoZi


Herr Sellin, nach zwei Fingeroperationen haben Sie sich nun beim Heimspiel gegen Hannover einen Muskelriss im Oberschenkel zugezogen. Es war die dritte schwere Verletzung in sechs Monaten - reicht das nicht für eine ganze Karriere?

Johannes Sellin: Das ist sogar zu viel für eine Karriere, finde ich. Ich wüsste gern, was ich verbrochen habe, dass es mich immer so schwer erwischt. Nein, im Ernst: Ich weiß nicht, woran das liegt, wie das kommen kann. Ich hatte ja in meiner Karriere eigentlich nie etwas Schlimmeres, jetzt kommt alles auf einen Schlag. Steini (Mitspieler Christoph Steinert, d. Red.) meinte zu mir: So viele Verletzungen wie Du jetzt gesammelt hast, reicht das für die nächsten zehn Jahre. So versuche ich das jetzt auch zu sehen: positiv.

Wie sehr bereuen Sie den Wechsel von Melsungen zum HC Erlangen bereits?

Sellin: Gar nicht. Würde ich mit solchen Gedanken anfangen, würde es mir nicht mehr gut gehen, ich mich jeden Tag schlecht fühlen. Nein, ich denke, dass alle diese Verletzungen wirklich großes Pech sind. Ich war nicht übermäßig müde und habe nicht aufgepasst - ich habe vielmehr die riesengroße A-Karte gezogen. 

...ausgerechnet im schönen Erlangen.

Sellin: Ja, ich bin hierher gekommen und wollte nur Handball spielen. Dann mache ich endlich ein gutes Spiel auch zu Hause nach den ordentlichen Partien in Kiel und in Lübbecke - und dann sowas. Ich habe vorhin den Trainer angerufen und habe ihm das Ergebnis der Untersuchung mitgeteilt. Dann habe ich gesagt: Ist natürlich scheiße, aber: Hey, immerhin habe ich diesen Ball gekriegt!

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Von der Pressetribüne aus sah das unspektakulär aus. Man sah Sie nach dem freien Ball hechten - und plötzlich blieben Sie liegen.

Sellin: Ich war unterwegs nach vorne und habe mich umgedreht. Da habe ich den Ball gesehen, dass er frei umhersprang. Irgendwie hat der Brozovic (Hannovers Ilija Brozovic, d. Red.) auch versucht, hinzukriechen. Ich dachte mir noch: Das kannst du vergessen, den hol' ich mir! Dann mache ich diesen langen Schritt und ein Schmerz ist sofort durch den linken Oberschenkel geschossen. Ich habe den Ball aufgenommen und mir dabei an den Oberschenkel gefasst, dadurch bin ich auch noch unglücklich auf die linke Schulter gefallen, wo nun das Eckgelenk lädiert ist. Die Mitspieler dachten, ich jubel, dass ich diesen Ball bekommen habe, dabei war es ein Winken, dass jemand aufs Feld kommt, mir hilft, weil ich solche Schmerzen hatte. 

In unserem Telefonat nach der zweiten Finger-Operation, da fragte ich Sie schon einmal: Hat Ihre Frau schon gefragt, wann Sie endlich mit Handball aufhören...

Sellin: Ja, ich weiß. Nein, das tut sie ganz sicher nicht. Ihre einzige Frage, als ich nach Hause kam, war: Soll ich dich in die Reha fahren, oder kannst du selber Autofahren? Ich verstehe auch nicht so ganz, wie sie das hinbekommt, so positiv zu bleiben, ich bewundere sie dafür. Das heißt, stimmt nicht: Sie hat gefragt, ob das jetzt auch heißt, dass sie immer mit dem Hund spazieren gehen muss. 

Und, muss sie?

Sellin: Erst einmal ja. Ich sitzt auf der Couch und habe die strikte Anweisung weder Arm noch Bein zu bewegen. Ich stehe nur für die Reha auf.

Können Sie überhaupt laufen? Sie mussten ja vom Feld getragen werden.

Sellin: Laufen kann man das nicht nennen. Ich schleiche. Aber ja, ich kann mich noch fortbewegen. Wenn auch sehr, sehr langsam. 

Das hört sich nach schlimmen Schmerzen an.

Sellin: Ja, das ist sehr schmerzhaft alles. Vor allem, wenn ich tief sitze, dann muss meine Frau mich hochziehen - und genauso mit beiden Händen herunterlassen zum Hinsetzen und ihr Gewicht gegen meines lehnen. Es ist ein wenig so, als wäre ich ein älterer Herr vermutlich. 

Sehen Sie es positiv: Sie können beide lernen für die Zeit, wenn Sie mal älter sind.

Sellin: Naja, ich hoffe, es ist in zwei, drei Wochen anders. Dann beginnt die sehr lange Zeit des Aufbauens, damit ich wenigstens zur Saisonvorbereitung auf die neue Runde hoffentlich wieder fit bin. Das ist das Ziel. Aber Genaues kann man da ja nie sagen, das hängt alles vom individuellen Heilungsverlauf ab. 

Wie oft haben Sie gedacht: Das darf nicht wahr sein, schon wieder eine schwere Verletzung?

Sellin: Genau genommen nur einmal: In der Kabine nach dem Spiel. Seitdem denke ich ausschließlich positiv. Oder ich versuche es zumindest. Alles andere hilft nicht - wenn ich mir dauernd sage, was das doch für eine Scheiße ist, falle ich nur in ein Loch.  

Interview: Christoph Benesch

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