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Projekt schützt Nachwuchssportler vor Missbrauch

Mut und Selbstbewusstsein für ein klares "Nein!" - 16.03.2012 17:14 Uhr

„Stopp!“ Josip (links) zeigt „Piwi“ seine Grenzen auf. Die anderen beurteilen, ob die Ansage klar genug war und ob Mimik und Gestik dazu passen. © Sportfoto Zink


Die 16 Jungs, die hier in einem Stuhlkreis zusammensitzen, sind Fußballer aus der „U 12“ des 1.FC Nürnberg. Statt Eckballtraining oder Taktikbesprechung steht heute das Projekt „Achtung Grenze! sports“ auf dem Programm. Dabei sollen die jungen Kicker von Pädagogen des Nürnberger Kinderschutzbundes lernen, im Alltag Situationen zu erkennen, in denen persönliche Grenzen überschritten werden. Und sie sollen lernen, sich zu schützen und klar und deutlich „nein!“ zu sagen.

„Sport tut Kindern gut und stärkt die Persönlichkeit. Daher ist ein Sportverein super geeignet für Präventionsarbeit“, erklärt Sozialpädagogin Lisa Moßburger (26), die zusammen mit ihrem Kollegen Oliver Jäger (30) für das Projekt zuständig ist. Allerdings existieren im Sport auch Strukturen, die Übergriffe für Täter leichter machen können. Diese könnten zum Beispiel die Umkleidesituation oder die Machtposition des Trainers ausnützen, die ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis erzeugt.

Nur als Team lässt sich die Decke umdrehen, ohne dass jemand heruntersteigen muss. © Sportfoto Zink


„Wir wollen keine Angst machen, sondern aufklären und in den Vereinen ein Bewusstsein schaffen“, sagt Moßburger. „Die Prävention der sexuellen Gewalt an Kindern und Jugendlichen liegt uns dabei besonders am Herzen.“ In dem Workshop für die jungen Sportler geht es aber auch um andere Formen von Gewalt, die immer mit Grenzüberschreitungen zu tun haben: körperliche Gewalt, Gewalt mit Worten und seelische Gewalt. Beschimpfungen oder Hänseleien können genauso wehtun wie brutale Schläge.

Zu dem Präventionsprojekt, das ursprünglich für Schulklassen entwickelt wurde, gehören eine Fortbildung für Trainer, Vorstände und Ehrenamtliche, ein Elternabend mit Tipps für eine präventive Erziehung und Workshops für Kinder und Jugendliche. „Ziel ist es, dass Vereine nicht nur ein Projekt mitmachen, sondern die Gewaltprävention im Alltag leben“, betont Moßburger.

Ein Zeichen gegen Gewalt

Björn Benke, Organisatorischer Leiter des NachwuchsLeistungsZentrums (NLZ) beim 1.FCN, hatte die Idee, das Projekt für Club-Talente zum festen Bestandteil der Ausbildung zu machen. Dafür wurde der „U12“-Jahrgang ausgesucht. „So was stärkt die Kinder in ihrer Persönlichkeit“, sagt Benke. Der 29-Jährige will ein Zeichen setzen, das andere Vereine zu ähnlichen Projekten animiert. Beim Club erhielten auch die Trainer und Übungsleiter eine Fortbildung durch die Kinderschutzbund-Experten. Diejenigen Trainer, die an der Bertolt-Brecht-Eliteschule des Fußballs tätig sind, können zudem eine „Selbstverpflichtung“ vorweisen. Darin unterschreiben sie, auf Gewalt zu verzichten, die Jugendlichen zu respektieren und vor Missbrauch zu schützen.

Alle Eltern der „U12“-Fußballer haben ihre Kinder beim FCN für das Projekt angemeldet. Die jungen Cluberer verbringen einen ganzen Freitag- und Samstagnachmittag mit den Pädagogen im „Haus der Athleten“. Es wird viel gelacht und gefrotzelt. Aber die Jungs merken schnell, dass das Thema ziemlich nah dran ist an ihrem Leben. So mancher kann von negativen Erlebnissen auf dem Schulweg berichten, viele sind von Älteren schon eingeschüchtert worden, und fast jeder kennt das Gefühl, wenn abfällige Bemerkungen am eigenen Selbstwertgefühl nagen.

Spiele, Plakate, Filme: Sozialpädagogin Lisa Moßburger macht das Thema Gewaltprävention für die Nachwuchsfußballer anschaulich. © Sportfoto Zink


Der beste Schutz vor Übergriffen ist aber gerade ein gutes Selbstbewusstsein, soziale Kompetenz sowie eine starke Persönlichkeit. Mit Rollenspielen, Gruppenarbeit und Kurzfilmen werden Beispielsituationen analysiert und Lösungswege erarbeitet. Die Gefahren sozialer Netzwerke im Internet gehören ebenso zum Programm wie eine altersgerechte sexuelle Aufklärung. Fragen können ohne Namen in eine Box geworfen werden; später werden diese zusammen beantwortet.

„Die Jungs reden natürlich nicht über alles in der Gruppe“, sagt Moßburger. Deshalb bieten die Sozialpädagogen den Kindern nach dem Workshop eine Einzel-Sprechstunde an und geben Adressen und Telefonnummern weiter, an die sie sich jederzeit auch anonym wenden können.

Markus Giering, Assistenztrainer beim FCN für die „U12“, ist von dem Projekt „Achtung Grenze! sports“ überzeugt: „Das Thema ist auf jeden Fall wichtig für die Jungs. Für uns Betreuer ist interessant, wie sie sich außerhalb des Fußballplatzes verhalten, was sie denken“, sagt der 18-Jährige. Er hat selbst etwas gelernt: „Mir ist bewusst geworden, wieviel Verantwortung wir Trainer haben als Vorbild und Vertrauensperson in einem.“

Spiele, Plakate, Filme: Sozialpädagogin Lisa Moßburger macht das Thema Gewaltprävention für die Nachwuchsfußballer anschaulich.


Zurück zu der Situation an der Bushaltestelle. Was könnte das Mädchen tun, um sich gegen den Jungen und seine Annäherungsversuche zu wehren? „Laut nein sagen, stopp!“, rät Firat. „Einfach weggehen“, schlägt Nico vor. „Gut“, sagt Sozialpädagogin Moßburger. „Und wohin?“ Wenn’s geht, dorthin, wo andere Menschen sind, zum Beispiel in ein Geschäft. „Sie soll seine Hand wegschlagen“, findet Matze. „Genau, das darf sie in dem Fall auch“, lobt Moßburger.

Obwohl sie ihre Freizeit dafür investieren müssen, kommt das Projekt „Achtung Grenze!“ bei den Club-Fußballern gut an. „Reußi“ spricht für seine Teamkameraden, wenn er sagt: „Jetzt weiß man, wie man sich wehren kann.“

Kinderschutzbund Nürnberg, Rothenburger Straße 11, Tel. 92919000,

E-Mail: kontakt@kinderschutzbund-nuernberg.de

www.kinderschutzbund-nuernberg.de

Notdienst für Kinder und Jugendliche (rund um die Uhr): Tel. 231-3333


  

Melanie Scheuering

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