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Raus aus der Blase: Kleeblatt-Kicker engagieren sich

Fürths Fußballer waren für den guten Zweck unterwegs - 15.11.2018 12:27 Uhr

Die Küchenmeister vom Kleeblatt: Geschäftsführer Holger Schwiewagner sowie Fabian Reese und Roberto Hilbert bereiten in der Fürther Wärmestube das Mittagessen vor. © Sportfoto Zink/WoZi


Das Wiener Schnitzel in der Pfanne ist ein bisschen zu dunkelbraun geworden. "Wenn ich ehrlich bin, versuche ich, die Arbeit in der Küche sonst eher gering zu halten", sagt Fabian Reese halb amüsiert, halb verlegen. Zusammen mit seinem Teamkollegen Roberto Hilbert steht der Flügelspieler der SpVgg Greuther Fürth an diesem Mittwochmittag in der Küche der Wärmestube und bereitet das Mittagessen für die Menschen zu, die hier jeden Tag hinkommen. Weil ihre Rente kaum zum Überleben reicht oder weil sie kein richtiges Dach über dem Kopf haben. Es ist "Sozialtag" der Spielvereinigung.

Mario Maloca, Richard Magyar und Elias Abouchabaka streichen derweil in den Dambacher Werkstätten die Wände, Sascha Burchert und David Raum nehmen pflegebedürftige Senioren mit auf Rikscha-Tour, Trainer Damir Buric steht im Innenstadt-Café Samocca neben Menschen mit Behinderung hinter der Theke.

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Ebenfalls in der Küche der Wärmestube arbeitet heute Kleeblatt-Geschäftsführer Holger Schwiewagner und erklärt beim Paprikaschneiden, warum der Verein diesen Tag nun schon zum vierten Mal aus gerufen hat: "Wir haben durch unsere große öffentliche Wahrnehmung die Möglichkeit, auf soziale Missstände hinzuweisen. Das, was wir bekommen, können wir mit der Aktion ein Stück weit zurückgeben."

Zum Beispiel an Menschen wie Peter, Klaus und Reiner, die an einem Tisch in der Wärmestube sitzen und auf das Essen warten. Sie kommen regelmäßig hierher, "fast jeden Tag", sagt Klaus, der inzwischen in Nürnberg wohnt, aber lieber in die Wärmestube "Fürther Treffpunkt" kommt.

Leben von einer kleinen Rente

"Hier ist es sozialer", sagt er, "in Nürnberg geht es chaotisch zu, da muss man ständig auf seine Sachen aufpassen." Er hat früher im Sicherheitsdienst gearbeitet, heute, mit 50, muss er von einer kleinen Erwerbsminderungsrente leben. Dass die Kleeblatt-Profis für ihn kochen, nimmt er nicht sehr beeindruckt, aber erfreut zur Kenntnis. "So etwas könnten sie öfter machen", findet er.

Die Ergebnisse des Kleeblatts verfolgen alle drei und freuen sich – auch wenn sie nicht alle eingefleischte SpVgg-Fans sind – über den guten Saisonstart. Ein Fußballspiel anzuschauen, das haben sie schon lange nicht mehr geschafft. Ein Stadionbesuch oder gar ein Sky-Abo, das ist für sie in der Regel viel zu teuer. "Die Rente müsste höher sein", wünscht sich Peter. "Alle, die wenig Geld haben, sollten wenigstens umsonst im öffentlichen Nahverkehr fahren können", fordert Klaus.

"Verdeckte Wohnungslosigkeit"

Ältere Menschen, die von ihren Renten kaum leben können, zählen zum Hauptklientel der Wärmestube in der Hirschenstraße. Sie steht grundsätzlich allen Menschen offen. Hier bekommen sie etwa ein kostenloses Frühstück, ein Mittagessen für zwei Euro und Beratung bei fast allen Problemen. "Es kommen nicht mehr Obdachlose, die auf der Straße leben", erklärt Thomas Bergsch von der Wohnungsfürsorge der Stadt.

Was nicht bedeutet, dass Obdachlosigkeit in Fürth kein Problem mehr wäre. Zum einen zieht es viele Wohnungslose in Großstädte, weil dort die Hilfsangebote größer sind als in kleineren Kommunen. Zum anderen gibt es "verdeckte Wohnungslosigkeit": Menschen, die bei Freunden oder Bekannten unterkommen, ihre Meldeadresse aber in der Wärmestube haben.

Ein wichtiges Zeichen

Bergsch freut sich, dass die Fußballer an diesem Tag zum Helfen vorbeischauen. "Das hat einen Effekt für unsere Klientel. Sie sehen, dass die reichen Profis mal nach unten zu ihnen kommen. Und für die Wärmestube bedeutet es, mehr Öffentlichkeit zu bekommen." Bei den Spielern hat die Begegnung mit Peter, Klaus und Reiner Eindruck hinterlassen. "Das erdet einen, wenn man sieht, dass Leute, die im Leben hart gearbeitet haben, so wenig haben", sagt Fabian Reese.

"Es ist hart, dass es in Deutschland alte Menschen gibt, die Flaschen sammeln müssen. Oder die durch Schicksalsschläge in Armut abrutschen", findet Roberto Hilbert: "Deshalb ist es wichtig, dass auch ein Fußballverein zeigt, dass er hinter einer Einrichtung wie der Wärmestube steht."

Dass sich der Profifußball immer weiter von den "normalen Menschen" entfernt, ist ein häufig geäußerter Vorwurf. Dass er zumindest in einer Blase stattfindet, sehen auch viele so, die in diesem Geschäft arbeiten. "Wer etwas anderes sagt, verschließt sich vor der Realität", sagt Kleeblatt-Geschäftsführer Schwiewagner, "wir dürfen in einer Branche arbeiten, die sehr privilegiert ist." Die Spieler verwahren sich allerdings gegen das Vorurteil, dass alle Profis verwöhnt seien. "Jeder ist dafür selbst verantwortlich, wie sehr er in einer Blase lebt", erklärt Reese.

  

Alexander Pfaehler E-Mail

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