Dienstag, 26.03.2019

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Tim Schleicher ist auf der Johanniser Ringermatte großgeworden

23-jähriger Nürnberger hat bereits zehn deutsche Meistertitel eingeheimst - 25.07.2012 22:00 Uhr

Tim Schleicher (links) hat seinen Konkurrenten schon oft Flugstunden auf der Matte erteilt. Jetzt hat er sich seinen Traum – und den seines Vereins SV Johannis 07 – erfüllt: Bei Olympia darf er sich mit den Besten der Besten messen. Der kritische Zuschauer ganz links ist übrigens Papa Schleicher. © Sportfoto Zink


Bei Tim Schleicher war dies kein bisschen anders. Nur, Tim hat damals noch keiner zu ihm gesagt. Er war immer der „Timmi“ – und eigentlich ist er es heute noch, wenn die Anfeuerungsrufe seiner Mannschaftskameraden und Fans erschallen und er seine Gegner im wahrsten Sinn des Wortes aufs Kreuz legt.

„Er war ja auch immer sehr klein“, blickt seine Mutter Conny zurück, „als er das erste Mal zu einem Wettkampf auf die Matte ging, wog er 17 Kilo.“ Aber der Kleine war gut: „Bei seinem ersten Start in der C-Jugend wurde er gleich deutscher Meister“, erzählt die Mama weiter.

Naja, dem kleinen Timmi, der heute 23 Jahre alt ist, wurde das Ringen ja auch in die Wiege gelegt. Papa Matthias war Ringer, zunächst in Neumarkt und beim SC 04, dann bei der SV Johannis 07, wo er viele Jahre lang Jugendtrainer und Jugendleiter und somit auch Tims Trainer war. Und natürlich, Bruder Sven, drei Jahre älter, ringt auch bei den „07ern“.

Klar, dass die beiden im Kinderzimmer schon rauften. Aber ebenso gerne hielt sich Timmi bei der Oma auf: „Die hatte einen Schlappohrenhund“, erinnert sich die Mama. Der war sein Ein und Alles, „und an dem übte er auch seine ersten Griffe“.

Schon zehn deutsche Meistertitel eingeheimst

Mit zweieinhalb stand der Junge bereits in der Halle und nutzte jede freie Minute, um die Matte zu erklimmen; mit fünf kam er in den Verein, und die Erfolgsgeschichte konnte beginnen. Mittlerweile hat Tim Schleicher zehn deutsche Meistertitel eingeheimst, acht im Nachwuchsbereich und zwei bei den Männern, nahm erfolgreich an vielen nationalen und internationalen Turnieren teil und errang zum Beispiel auch Platz drei bei der Juniorenweltmeisterschaft 2007.

Nun also Olympia. Ein Traum wird wahr für den stets bodenständig und natürlich gebliebenen Sportler, der mit seinen langjährigen Ringerfreunden gern manchen Schabernack treibt oder auch mit den älteren Johannisern Schafkopf spielt. Wenn er nicht gerade im Training ist.

„Für einen Ringer ist es das Größte, Olympiasieger zu werden“, sagt er: „Und ich bin dabei, ich habe also die Chance, dieses größte Ziel eines Ringers zu erreichen.“ Das ist das eine. Das andere: „Eine WM oder eine EM ist selbstverständlich auch etwas Großes. Aber Olympische Spiele mit dem ganzen Drumherum, die Eröffnungsfeier, das olympische Dorf, das kenne ich alles nicht. Das ist etwas Besonderes, das hat seinen besonderen Reiz.“

Was Olympische Spiele noch einmal eine Schippe größer macht: „Hier treten nur die Allerbesten an“, erklärt der Nürnberger, der international weiterhin die Farben „seiner“ Sportvereinigung Johannis 07 vertritt, obwohl er künftig – er will auch mit der Mannschaft Titel holen – in der Bundesliga für den KSV Aalen 05 ringen wird. „Bei einer WM treten 45 Athleten in einer Gewichtsklasse an, bei Olympia sind es nur 20.“ Nur 20, das sind in der Tat die Besten der Besten.

Tim Schleicher ist dabei. Aber (darf man hier wirklich „aber“ sagen?) er benötigte alle drei Qualifikationsturniere, ehe es bei der letzten Chance in Finnland, und da auch auf den letzten Drücker, doch noch klappte. In der allerletzten Sekunde drehte er den entscheidenden Kampf gegen den Armenier Artur Arakelyan noch um – doch genau das ist es, was Timmi und Tim schon immer auszeichnete: „Er ist ehrgeizig bis zum Schluss, er gibt nie auf, auch wenn er hinten liegt“, weiß nicht nur seine Mutter. Dabei ist er immer auch ein Vorzeigesportler geblieben, immer fair, auch bei seinen Gegnern hochgeachtet und beliebt.

Schleicher ist in jeder Hinsicht ein Kämpfertyp. So zu leben und zu trainieren, dass man als ausgewachsener Mann nicht mehr als 60 Kilogramm auf die Waage bringt, ist die erste Leistung. Dann trotz einer langwierigen, unangenehmen Fußverletzung die Olympiaqualifikation zu schaffen, die nächste. Zum Glück ist der Anriss des Syndesmosebandes, der ihm ganz schön zu schaffen gemacht hat, inzwischen verheilt. Seinem Physiotherapeuten Werner Kraß in Goldbach möchte er – neben allen, die ihn bei der SV Johannis geformt haben – deshalb besonders danken.

Und so kann er sich mittlerweile wieder voll und ganz dem Training widmen. Nach den zwei Wochen unter Bundestrainer Alexander Leipold in Mallorca, wo in erster Linie Grundlagenausdauer auf dem Programm stand, trainiert Schleicher nun hauptsächlich an den Stützpunkten in Schifferstadt und Aschaffenburg: „Nach Krafttraining und Grundlagentechnik geht es jetzt an den Feinschliff“, berichtet er. Da der 23-Jährige an allen drei Qualifikationen teilnahm, stand er quasi bis jetzt ständig im Training, „nur nach Mallorca gab es eine Woche Pause“. Ein Nachteil sei dies freilich nicht, das Johanniser Kämpferherz kämpft schließlich für seinen Traum Olympia.

Am 6. August fliegt Schleicher nach London, am 10. August steht das offizielle Wiegen an, und einen Tag später geht der Freistilspezialist dann in den Wettkampf. Glück oder Pech bei der Auslosung kann eine Rolle spielen – aber, wie gesagt, es sind ja ohnehin nur die Besten am Start. Auf die Unterstützung der Familie kann er sich natürlich auch bei Olympia verlassen. Papa, Mama, Bruder werden an Ort und Stelle die Daumen drücken – und Freundin Tanja auch. Also dann: „Viel Glück, Timmi!“ 

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