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US-Überflieger Gressel: So tickt Atlantas fränkischer Star

Neustädter wurde in der Major League Soccer zum besten Neuling gewählt - 10.11.2017 15:05 Uhr

Ein Franke brilliert in der MLS: Julian Gressel (hinten) von Atlanta United überzeugte die Experten in der abgelaufenen Saison. © Mike Zarrilli/AFP


Mit 19 Jahren wagte Julian Gressel einen Schritt, den nicht viele junge Menschen in seinem Alter wagen würden. Weg von der Familie, weg vom gewohnten Umfeld, ab in eine andere Welt. Aber spätestens seit Mittwoch weiß der inzwischen 23-Jährige, dass es sich gelohnt hat. Denn Julian Gressel ist nicht nur ein junger Mann aus Franken, der im Südosten der USA eine neue Heimat gefunden hat - Gressel ist auch zum besten Neuling in der MLS, der nordamerikanischen Profi-Fußballliga, gekürt worden. Eine Ehre, die zuvor noch keinem europäischen Spieler zuteil wurde.

Der Weg zum Fußballprofi war für den aus Neustadt an der Aisch stammenden Mittelfeldspieler holprig. Mit neun Jahren schaffte er es in die Jugend der SpVgg Greuther Fürth, wurde später aber aussortiert. Im Seniorenbereich war Gressel nur unterklassig aktiv, nach dem Abitur am Helene-Lange-Gymnasium in Fürth winkte ein Stipendium am Providence College im Nordosten der Vereinigten Staaten. "Ich wollte damals meinen Studienabschluss machen, und da haben sich die USA angeboten, da alles perfekt aufeinander abgestimmt ist", erinnert sich der Youngster.

Studium und Spitzensport

Denn die Grenze zwischen Studenten und Athleten ist im amerikanischen College-Sport fließend. Höchstleistungen werden nicht nur in den Auditorien, sondern auch auf dem Trainingsplatz gefordert. Nach vier Spielzeiten, 30 Toren und einem Abschluss in Management in der Tasche, meldete sich Gressel für den Superdraft an. Wie in allen US-Sportarten üblich werden die besten Talente der Colleges nicht dem freien Markt überlassen, sondern von den Klubs der Liga ausgewählt, um Chancengleichheit herzustellen.

Das Team, das in der Vorsaison am schlechtesten abschneidet, darf zuerst wählen. Gressel landete bei einem Team, das sogar ganz neu in die Liga aufgenommen wurde: Atlanta United FC. Über den Abend in Los Angeles, als Commissioner Don Garber verkündete, dass Gressel an achter Stelle von Atlanta gezogen wurde, schwärmt das Fußballtalent in höchsten Tönen: "Es war einfach nur ein schönes Gefühl und ein Moment, den ich nie vergessen werde."

In ein gemachtes Nest mit Superstars wie Kaka (Orlando City), David Villa (New York City FC) oder seinem Idol Bastian Schweinsteiger (Chicago Fire) legte sich Gressel also nicht. Doch obwohl Atlanta United erstmals am Spielbetrieb der MLS teilnahm, waren die Strukturen für die Fußballer hochprofessionell. Der Klub habe es den Spielern leicht gemacht, sich wohl zu fühlen, betont Gressel. Das machte sich im Falle des 23-Jährigen auch auf dem Platz bemerkbar: Fünf Tore erzielte Gressel in seiner Premierensaison selbst, neun weitere bereitete er vor - die drittmeisten, die je ein Neuling in der stetig wachsenden Fußballliga erreichte.

In Atlanta, einer der größten Städte im Südosten der USA, löste United einen echten Fußball-Boom aus. Gleich in der ersten Saison sprang der Klub aus Georgia an die Spitze der Zuschauertabelle, im letzten Spiel der Hauptrunde kamen fast 72.000 Zuschauer ins Mercedes-Benz-Stadium, um die neuen Helden der Stadt zu sehen. "Atlanta hat neue Maßstäbe gesetzt und die die Liga gewinnt allgemein an Popularität", weiß der von United-Coach Tata Martino (dem ehemaligen Trainer des FC Barcelona und der argentinischen Nationalmannschaft) meist im rechten Mittelfeld eingesetzte Deutsche.

Im Peach State, wie die Amerikaner Georgia liebevoll nennen, war Gressel nicht alleine. Mit Kevin Kratz, unter anderem bei Bayer Leverkusen und dem SV Sandhausen aktiv, hatte er bei United einen Landsmann mit MLS-Erfahrung an seiner Seite. "Natürlich lerne ich viel von ihm. Es ist auch schön, immer mal wieder Deutsch reden zu können. Kevin hat mir am Anfang viel geholfen, mich auf das Profileben einzustellen und mich schnell zu akklimatisieren", erzählt der Franke von seinem inzwischen guten Freund. Und auch zu Dennis Schröder, dem Star der Atlanta Hawks in der Basketball-Profiliga NBA, hat Gressel Kontakt. "Er ist viel unterwegs mit seiner Mannschaft, aber er kam schon öfter zu einem Spiel und ich war auch schon ein paar Mal bei seinen Spielen."

Was der Neustädter an seiner fränkischen Heimat vermisst? Nicht etwa Schäufele, Karpfen oder Lebkuchen, sondern schlicht und einfach: seine Familie. "Es ist schon ein weiter Weg zwischen Atlanta und Franken, da wäre es schon manchmal schön, näher bei der Familie zu sein", erklärt Gressel. Fußball ist in der Familie aber auch ohne den ausgewanderten Sohn ein großes Thema, seine Brüder sind ebenfalls aktiv: Der 21-jährige Tobias spielt beim FC Kalchreuth, der 17-jährige Valentin kickt bei der U19 des Kleeblatts. Dem Verein, in dem auch Julian einst spielte und den er immer noch verfolgt. "Ich hoffe dass sie sich aus dem Loch etwas befreien können und den Klassenerhalt am Ende der Saison dann schaffen", blickt Julian über den großen Teich und drückt den Weiß-Grünen die Daumen.

Für Gressel und Atlanta ist die Saison nach einem 1:3 nach Elfmeterschießen gegen die Columbus Crew bereits vorbei, vier Teams streiten sich in den Playoffs noch um den Titel. Die Liga sieht der flinke Vorlagengeber aber durchaus positiv: "Sowas ändert sich nicht von heute auf morgen, aber ich sehe den Fußball hier auf einem guten Weg, irgendwann einmal so populär wie die NBA oder NFL zu werden". Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg, den der 23-Jährige mit Atlanta gehen möchte - und vielleicht auch den ein oder anderen deutschen Fußballfan dazu bewegt, sich ein Atlanta-Spiel anzusehen. 

Alexander Michael Aulila

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