Dienstag, 20.11.2018

|

Weizenbier statt Champagner

Bodenständig, aber mit dem Blick nach vorne: Basketballtrainer Stephan Harlander - 30.12.2005

Immer daran denken, wo wir herkommen: Trainer Stephan Harlander ist ein Kind der 2. Liga, will sich aber in der Beletage des deutschen Basketballs unbedingt mit seinem Sellbytel-Team etablieren. Foto: Schick © -


Es sind zwei Aussagen in dem „Steckbrief“ Stephan Harlanders auf der Homepage der Sellbytel Baskets, die wunderbar auf ihn zutreffen. Als Lieblingsspeise gibt er Schäufele mit Kloß an und outet sich damit als waschechter Nürnberger, was aber ohnehin fast jeder von ihm weiß. Und unter der Rubrik „Auszeichnungen und Erfolge“ gibt er an: „Bleiben im Kopf, sind aber Vergangenheit.“

Die Botschaft ist klar. Wer sich zu lange im Glanz von Erfolgen sonnt - egal, ob sie ganz frisch sind, oder schon einige Zeit zurückliegen -, der kann im Sport schnell den Anschluss verlieren, läuft Gefahr, ein Auslaufmodell zu werden. Projiziert auf das zurückliegende Jahr bedeutet das: So begeisternd die Saison 2004/2005 mit dem Aufstieg des RCE Falke von der zweiten in die erste Bundesliga auch war, so ist dieser Husarenritt von Harlander und seinem Team doch längst Vergangenheit - bleibt aber natürlich schöne Erinnerung.

Die vielen Siege der „Falken“ mit dem überragenden Werfer Julius Jenkins an der Spitze dürften auch die Nürnberger Basketball-Fans so schnell nicht vergessen, ebenso wenig wie die dichte Atmosphäre in der etwas antiquierten Halle am Berliner Platz. Harlander hatte mit deutlich weniger Etat als der Aufstiegskonkurrent Ulm ein Team geformt, das sich als homogene, ja manchmal verschworene Einheit präsentierte. Und er hat bei all dem Jubel und der Schulterklopferei nie den Boden verloren, hat lieber Weizenbier als Champagner getrunken, wie es sich für einen echten Nürnberger wohl gehört.

Harlander, der am 6. Januar 37 Jahre alt wird und selbst nie in der ersten Liga spielte, dürfte sich - getreu seinem Motto - daran gerne erinnern, wird dazu im schnelllebigen Sportgeschäft aber auch nicht viel Zeit haben. Schließlich war der Aufstieg nur eine Etappe auf dem angepeilten Weg, in Nürnberg dauerhaft ein erfolgreiches Erstligateam zu etablieren. Die mühsame Suche nach einem Hauptsponsor, der schließlich in dem Unternehmen Sellbytel gefunden wurde, war wieder eine Art Stunde Null im Nürnberger Basketball; ganz ähnlich der Phase vor zehn Jahren, als Harlander aus Baunach zurückkehrte und als Spielertrainer von Falke den Aufstieg in die 2. Bundesliga realisierte.

„Harli“ hat eben schon immer zu begeistern gewusst: Als Spieler bei den „Falken“, als Trainer und natürlich in seinem Umfeld. So hat er aus dem Nürnberger Jung-Unternehmer Ralph Koczwara inzwischen einen glühenden Basketball-Fan gemacht, der als Manager die Geschicke des Teams aber mit kaufmännisch-kühlem Kopf lenkt. Und die vielen Helfer wie Georg Kaltenbacher sind seit Jahren auf ihren Frontmann eingeschworen, der auch jetzt, als Headcoach eines Erstligisten, immer einer von ihnen bleiben wird.

Gemessen an den ungleichen finanziellen Bedingungen - das Sellbytel-Team ist als einziger der 16 Bundesligaklubs mit einem Etat unter einer Million Euro in die Saison gestartet - wusste Harlander von Beginn an, dass es in der Beletage des deutschen Basketballs für ihn und seine Mannschaft nur ums sportliche Überleben gehen kann. Immer wenn dies in Vergessenheit geraten könnte und die Kritik nach Niederlagen aus dem Umfeld oder in den Medien seiner Meinung nach zu hart ist, fühlt er sich bemüßigt daran zu erinnern, „wo wir herkommen“. Allerdings zählt der Trainer auch nicht zu jenen, die nur mit Watte werfen, wenn ihnen etwas missfällt. Und so hat er nach einigen Niederlagen seine Spieler verbal wohl heftiger zur Brust genommen als einige der von ihm kritisierten Kritiker.

Egal, wie das Abenteuer Bundesliga ausgeht, eines ist sicher: Der Trainerstuhl von Stephan Harlander in Nürnberg wackelt nicht. „Wenn er es nicht schafft, dann keiner“, glaubt Manager Koczwara und geht damit wohl konform mit den meisten Anhängern. „Teamgeist, Emotionen und eine volle Halle“, wünscht sich „Harli“ von dieser Saison. Da gibt es noch viel zu tun - aber er hat es längst angepackt. 

THOMAS SCHARRER

Seite drucken

Seite versenden


weitere Meldungen aus dem Ressort: Sport