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Würzburger Professor gründet 1. Institut für Fankultur

Fußballanhänger im Fokus der Forschung - 16.01.2012 10:37 Uhr

Fans im Fokus der Forschung: Ein Würzburger Professor macht's möglich.

Fans im Fokus der Forschung: Ein Würzburger Professor macht's möglich. © dpa


Harald Lange ist bekennender Fußballfan. So wie Millionen andere Menschen in Deutschland und auf der Welt. Gleichzeitig ist Lange Professor an der Universität Würzburg. Und als Sportwissenschaftler widmet er sich seit Jahren dem Fan als unbekanntem Wesen. Jetzt hat er gemeinsam mit einem Kriminologen und einem Psychologen noch eins drauf gesetzt und ein Institut für Fankultur gegründet. Es ist das erste in Deutschland und es will Großes schaffen: Eine Lanze für die oft vorverurteilten Fans brechen.

«Einzelne Negativ-Vorfälle entscheiden derzeit darüber, welches Bild die Gesellschaft von Fans im Allgemeinen hat. Im Moment steht auf der Schublade: Ultras, Pyrotechnik und Gewalt. Das ist ungerecht», sagt Lange. Zudem verklärten Medien das Bild, «vielleicht verdrehen sie es sogar ein bisschen». Er und seine Kollegen wollen ein auf Fakten basierendes, differenziertes Bild von den Vereinsanhängern zeichnen. «Ein Großteil derer, die ins Stadion gehen, haben sich niemals was schulden kommen lassen. Ein Stadionbesuch ist so ungefährlich wie nie», sagt der Wissenschaftler.

1. FC Nürnberg hat die größte Fanszene

Über die Forschungsaufträge des Institutes soll diese Behauptung nun auch mit Zahlen untermauert werden. Ausprägungen und Positionen der Fan-Szene werden analysiert und wissenschaftlich eingeordnet. Noch in diesem Jahr geht Mitgründer Jannis Linkelmann der Ultrabewegung auf den Grund - er will die fanatischen Anhänger einer Fußballmannschaft im Spannungsfeld zwischen Gewalt und Sozialarbeit beleuchten. Psychologe Martin Thein und ebenfalls Instituts-Mitgründer hat erst vor wenigen Monaten eine Feldstudie zu den «Ultras Nürnberg 1994» veröffentlicht.

Der Fußball-Bundesligist 1. FC Nürnberg hat eigenen Angaben zufolge die größte Fanszene - mehr als 30.000 organisierte Anhänger in mehr als 600 Fanclubs. «Es kann immer helfen, wenn man solche Themen wissenschaftlich beleuchtet», sagt Vereinssprecherin Katharina Wildermuth. Wissenschaftliche Erkenntnisse allein genügten jedoch nicht, um die Kommunikation zwischen Fans und Verein erfolgreich zu gestalten. «Theorie und Praxis sind immer zwei Paar Schuhe.»

Wissenschaft und Fußball sind einander jedoch auch nicht fremd. Die Deutsche Fußball Liga DFL hat bereits eng mit Wissenschaftlern zusammengearbeitet und einen Zehn-Punkte-Plan für mehr Sicherheit in den Stadien entwickelt. Ein Punkt darin: wissenschaftliche Begleitung. «Grundsätzlich erachte ich es als positiv, wenn das Thema Fankultur wissenschaftlich begleitet und erforscht wird», sagt der Chef der Fan-Anlaufstelle beim Deutschen Fußballbund, Gerald von Gorrissen.

Neue Einrichtung kommt in der Szene gut an

Mit den Ergebnissen könnten Gewalt, Ausschreitungen und ähnliche Probleme leichter verhindert werden «Unsere Arbeit ist wichtig für Präventions- und Interventionskonzepte.» Er kann sich vorstellen, dass das Institut - gestützt auf die eigenen Forschungen und Erkenntnisse - künftig auch als Vermittler zwischen DFB, DFL, Fans und Vereinen arbeitet. «Da könnten wir sehr objektiv moderieren.»

Die neue Einrichtung kommt in der Szene gut an. Nur wenige Tage nach dem offiziellen Startschuss haben sich die ersten Fanclubs gemeldet und für die Wissenschaft zur Verfügung gestellt. Matthias Saathoff vom Borussia-Dortmund-Fanclub «BVB-Freunde» setzt mit Blick auf Pyrotechnik, die Unzufriedenheit der Fans über die Preispolitik der Vereine, Rechtsradikalismus und Gewalt viel Hoffnung in das neue Institut. «Fans verbinden sich oft, es entsteht Gruppendynamik, aber auch Gruppenzwang. Darum ist es wichtig, auch aus dem Blickfeld der Fans darauf ein neutrales Auge zu haben.»

Hätte das Institut schon 10 bis 15 Jahre eher mit der Arbeit angefangen, ist der Fanclub-Vorsitzende überzeugt, hätte man viele gefährliche Szenen in Rostock, St. Pauli, Frankfurt und anderen Stadien vielleicht eingrenzen können - durch gezielte Arbeit und Analyse. So aber habe niemand bemerkt, wie sich Hooligans und gefährliche Ultras etablieren konnten.

Das Institut will nicht nur selbst forschen, es will die Erkenntnisse auch weitergeben: Mit Beginn des Sommersemesters gibt es an der Uni Würzburg ein Seminar zur Fankultur - und zwar fachübergreifend. Im Moment konzentrieren sich Lange und seine Forscherkollegen vornehmlich auf die Sparte Fußball. «Eigentlich geht es aber um alle Fans. Langfristig kann ich mir auch vorstellen, die schmachtenden Anhänger von bekannten Musikgruppen und Sängern genauer unter die Lupe zu nehmen.»
  

dpa

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