Montag, 10.12.2018

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Altwerden als Mutprobe: Zwischen Jugendwahn und Lässigkeit

Frauen können sich noch so jung fühlen - den sozialen Vorurteilen entgehen sie kaum

Hanne Bauer ignoriert ihr Alter, wenn's geht. © Edgar Pfrogner


Hanne Bauer, 62: "Man braucht im Alter eine Aufgabe" 

Ihre Hände sind rau, ihr Lebensmittelpunkt ist ein kleiner Blumenladen: Floristin Hanne Bauer, 62, zweifache Mutter, vierfache Großmutter, ignoriert ihr Alter, wenn es irgend geht.

"Ich hatte nie ein Problem mit alten Menschen, aber mit mir hatte das doch früher nichts zu tun. So geht es mir jetzt noch. Ich sitze auf einem hohen Ross, bin gesundheitlich gut drauf, mein Beruf macht mir Spaß. Seit meine vier Enkel auf der Welt sind, bauen sie mich unheimlich auf. Als der erste Enkel kam und das Wort Oma auftauchte, hat sich das komisch angefühlt. Als ich dann das Baby gesehen habe, ist ein Schalter gekippt und ich fand’s wunderbar.

Ich war nie ein Spiegelaff’. Morgens heißt es bei mir: waschen, duschen, geh’n wir. Ich schau tagsüber nicht drauf, ob die Frisur sitzt. Das erste Mal bin ich über mich erschrocken, als ich mich Mitte 50 auf den Hochzeitsbildern meines Sohnes gesehen habe. Da war klar: Ach du grüne Neune, schaust du alt aus!

Ich weiß nicht, wie es in zehn Jahren aussieht. Meine Vorbilder sind Kundinnen, die mit 70, 80 noch fit sind, die etwas Positives ausstrahlen. Wenn mir etwas an mir nicht gefällt, sag ich: Schau nicht hin, zieh dich an.

Eine Scheidung kann erleichternd sein - auf jeden Fall ist es ein guter Zeitpunkt, um darüber nachzudenken, was man jetzt mit seinem Leben macht. © Patrick Pleul/dpa


Meine Krisen? Sicher, die Trennung von meinem ersten Mann. Aber das hat sich befreiend angefühlt. Ich habe mich immer so mit Arbeit zugeschüttet, dass ich keine Zeit zum Nachdenken hatte. Meine Tiefpunkte hängen heute immer mit dem Geschäft zusammen, sie sind immer existenziell. Manchmal möchte ich einfach einen Tag lang nichts tun. Oder mehr mit den Enkeln machen. Dann macht es mir schnell wieder ganz viel Spaß.

Angst vorm Rentenbescheid? Da sage ich nur: selber schuld. Ich war gerne die ersten fünf, sechs Jahre für die Kinder da, ich wollte sie nicht in die nächste Krippe packen. Ich bereue nichts, es hat super funktioniert.

Ich finde es ganz wichtig, dass man im Alter eine Aufgabe hat. Ich brauche in der Rente unbedingt einen Garten. Ich habe noch so viele Ideen im Kopf.

Ich glaube, die jungen Frauen haben heute einen ungeheuren Druck. Berufstätig sein, schön sein, Kinder haben, ich möcht’s nicht. Dazu diese permanente Erreichbarkeit, diese dauernde Selbstdarstellung im Internet. Ich denke dann: Geht doch lieber im Wald spazieren oder lest ein Buch.

Interessant übrigens, bei den Floristen ist es wie bei den Köchen: Die Prominenten sind meistens Männer. Wahrscheinlich können die sich besser darstellen. Dabei ist das ein klassischer Frauenberuf.

Ich glaube, ich habe mich in meinem Leben zu wenig gewehrt, war eher still im Hintergrund. Was mich heute noch furchtbar ärgert: dass meine Schwiegereltern 1977 bestimmt haben, wie meine Hochzeit abläuft. Dafür habe ich meinen Namen behalten, ich hatte einen Doppelnamen. Das habe ich durchgesetzt." 

Lilo Siehr sieht das Leben und auch das Alter positiv. © Ute Möller


Lilo Siehr, 68: "Negatives Denken ist das größte Gift"  

Lilo Siehr begann mit 52 Jahren zu modeln. Mittlerweile ist sie 68 und läuft immer noch für Modehäuser über den Laufsteg. Als sogenanntes Best Ager-Model, also als Frau im besten Alter.

"Als ich 14 Jahre alt war, besuchte ich einen Onkel in Paris und stand sehnsüchtig vor Dior. Ich träumte davon, die Modeschule in München zu besuchen. Eine Freundin wollte mitgehen, aber es hat leider nicht geklappt. Stattdessen lernte ich Damenschneiderin, vier Jahre später traf ich meinen Mann, dann kamen unsere zwei Kinder auf die Welt.

Der Traum von der Mode blieb mir. Wir wohnten außerhalb von Nürnberg, aber so oft es ging, zog ich ein hübsches Kostüm an und fuhr in die Stadt. Ich finde es wichtig, sich etwas zu gönnen. Meine Devise ist es, sich niemals hängenzulassen. Wenn du schlechte Laune hast, lenk dich ab. Trink daheim einen Tee und stell im Radio lustige Musik an. Versuch, innerlich zu schmunzeln, manchmal muss man sich selber überlisten. Negatives Denken ist das größte Gift, auch beim Älterwerden.

Ich hatte auch meine Krisen. Als ich 40 war, starben in einem Jahr mein Vater und meine Mutter. Das war sehr hart. Hinzu kam, dass meine Kinder mich sehr forderten. Und um unser Haus mitzufinanzieren, leistete ich jahrelang in einer Fabrik körperlich schwere Männerarbeit.

Es ist nie zu spät, sich seine Träume zu erfüllen. Gesehen auf den Laufstegen der Fashion Week: Ein Strumpf mit der Aufschrift "The future is whatever she wants". © Jens Kalaene/dpa


Meinen Traum von der Modewelt habe ich aber nie aufgegeben. Ich hatte immer den Wunsch, irgendwann selber über den Laufsteg zu gehen, an meinen 50.Geburtstag sagte ich mir dann: So, jetzt geht ein Abschnitt zu Ende. Und ich starte neu durch.

Tatsächlich ergab es sich, als ich in Ottensoos in dem Verkaufszelt eines Lederwarengeschäfts nach hübschen Teilen stöberte, dass mich eine Verkäuferin ansprach, ob ich nicht spontan für eine kranke Kollegin einspringen und ein paar Sachen vorführen möchte. 2001 ging es dann richtig los mit dem Modeln. Ich war bei Hausmodenschauen eines Brautgeschäfts dabei, dann bei Brautmessen, bei der Messe 50plus in Nürnberg, bei Galeria Kaufhof, Wöhrl, Breuninger.

Natürlich erleichtert es mir das Älterwerden, wenn ich mit 68 noch Komplimente bekomme. Ich lasse mich aber auch nicht gehen, ich mache Nordic Walking, Rückengymnastik, schwimme und fahre Rad. Alles gern in Gesellschaft. Ich lege keinen übertriebenen Wert auf Kosmetik und finde es schrecklich, wenn sich schon Frauen mit Ende 20 ihre Falten unterspritzen lassen. Die zehren doch noch von der Jugend.

Die besten Schönheitsmittel sind viel Schlaf, eine positive Einstellung und kleine Ausflüge mit Freundinnen. Ich möchte nicht mehr 30 sein. Man muss sich akzeptieren, wie man ist, und sollte sich auch im Alter nicht selber vorsagen: Ach, jetzt sieht mich kein Mann mehr an! Parfüm hinters Ohr und rausgehen — dann merkt man, dass man doch noch Blicke bekommt. Jede Frau hat etwas Schönes an sich und sollte sich selber annehmen. Durchstarten kann man eben auch noch mit 50."

Unsere dritte Interviewpartnerin möchte anonym bleiben. © Pierre Desrosiers/istockphoto


Anonym, 66: "Dieses Niemandsland zwischen 50 und 70 ist grausam"

Aus ihr sprudelt es nur so heraus, fragt man nach dem Altwerden: Eine 66-jährige Nürnbergerin, die in der Werbebranche gearbeitet und drei Kinder erzogen hat, nimmt kein Blatt vor den Mund. Aber sie will anonym bleiben.

"Bis zur Trennung von meinem Mann, bei der ich 48 war, habe ich mein Alter gar nicht registriert. Dann aber ist mir sofort klargeworden, dass ich jetzt im Katalog ein paar Seiten nach hinten rutsche. Damals hatte ich noch keine Brille, noch ungefärbte Haare, ich habe mich attraktiv gefühlt. Inzwischen weiß ich: Dieses Niemandsland zwischen 50 und 70, wenn der Mann fort und die Kinder mit ihrem eigenen Leben beschäftigt sind, ist grausam.

Als Frau in diesem Alter alleine zu sein, bedeutet unsichtbar zu sein, nirgends dazugehören, im Restaurant den schlechten Platz zu bekommen, aus der Paar-Welt ausgeschlossen zu sein. Ich vermisse es, vom anderen Geschlecht gesehen zu werden. Nicht so sehr den Sex, aber ein netter Blick, eine aufgehaltene Tür, ein Kompliment. Das war lange völlig selbstverständlich. Ich weiß, da geht es nur um die äußeren Reize, aber es fehlt mir trotzdem. Ehrlich, ich würde so gerne noch mitspielen...

Heute kostet es mich eine wahnsinnige Überwindung, mich alleine in der Öffentlichkeit zu bewegen. Wenn ich dann abends irgendwo sitze, frage ich mich, wo all die Single-Frauen über 50 eigentlich sind. Für meinesgleichen sind nur noch Kaffee-und-Kuchen-Nachmittage vorgesehen. Manchmal fühle ich mich ausrangiert, wie eine alte Karre, die warten muss, bis sie ein origineller Oldtimer geworden ist und damit endlich wieder eine klare Rolle hat.

Wahrscheinlich wird es einfacher, wenn man sich der Großmutter-Rolle ergibt. Durch diese Türe muss ich noch gehen, vielleicht mit 70, und mich damit abfinden, dass das jetzt mein Leben ist. Die Werbung hat dann nur noch Inkontinenz-Windeln und Doppelherz-Tropfen im Angebot.

Noch ein eisernes Gesetz habe ich kennenlernen müssen: Du darfst nicht jammern! Eine Frau in meiner Situation muss dieses Ausgeschlossensein schweigend ertragen, muss ihre Einsamkeit mit sich selbst ausmachen. Sonst spüren die anderen einen Vorwurf und wenden sich noch schneller ab. Paare glauben einem ohnehin nicht, dass das Single-Leben im Alter so aussieht. Ich hätte das früher auch nicht geglaubt.

Den Männern geht es anders. Sie können mit 70, kahl und krumm, ungeniert mit der Kellnerin flirten, ohne dass jemand das blöd findet. Manchmal stelle ich mir vor, eine Frau mit Gehwägelchen würde so was machen. Alle fänden es peinlich. Männer dürfen das, sie können sich ganz selbstverständlich im öffentlichen Raum bewegen. Würde ich etwas anders machen in meinem Leben, wenn ich es noch einmal leben könnte? Auf keinen Fall! Ich habe drei wunderbare Kinder großgezogen, karrieretechnisch lange zurückgesteckt, und es war richtig so. Ich hadere nicht. Kinder sofort in der Kita abgeben, das war nicht mein Ding. Mit meinem Mann würde ich heute vielleicht anders diskutieren, würde einen finanziellen Ausgleich verlangen für diese Jahre. Eine Art Abfindung, bei Siemens gibt es das ja auch.

Ich habe trotzdem ein gutes Auskommen. Aber ich weiß natürlich, dass viele Frauen meiner Generation alt, einsam — und dazu noch arm sind. Das müsste dringend politisch gelöst werden. Der Staat honoriert mir jedes Kind mit 28 Euro Rente, das war's."

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Ute Möller und Claudine Stauber

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