Dienstag, 25.09.2018

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Das Trio war oft zu Besuch

Recherchen von NN und BR zeigen: Der NSU hatte viele Kontakte in Franken - 11.07.2018 06:00 Uhr

An der Imbissbunde von Ismail Yasar legten nach dem Mord 2005 Menschen Blumen und Briefe ab. © Lorenz Bomhard


Ist es wirklich Zufall, dass die Mordserie im Jahr 2000 ausgerechnet in Nürnberg begann und in Nürnberg drei der zehn Morde verübt wurden? Das gemeinsame Rechercheteam von NN und BR ist zahlreichen Spuren nachgegangen und auf ein Netzwerk an Unterstützern gestoßen, die sich teilweise jahrzehntelang in Franken tummelten. Zudem: Das NSU-Kerntrio um Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe kannte sich in der bei Neonazis beliebten "Stadt der Reichsparteitage" offenbar aus.

Anfang in Nürnberg:

Im Februar 1995 reisten 120 Neonazis aus Bayern, Thüringen und Sachsen zu einem als "Faschingsfeier" getarnten Treffen in die damalige Nürnberger Speisegaststätte "Tiroler Höhe". Die Fete, die die Polizei schließlich beendete, diente dem gegenseitigen Kennenlernen der zersplitterten Rechtsextremisten. Ein Führungskader von damals, den das gemeinsame NN-BR-Rechercheteam ausfindig machte, berichtete jetzt erstmals, dass neben "Böhni, Mundi und der Beate aus Jena" auch Ralf Wohlleben und Holger G. in der "Tiroler Höhe" am Tisch saßen. Wohlleben und G. sind im Münchner Prozess ebenfalls angeklagt und erwarten am heutigen Mittwoch ihr Urteil.

Die fünf Thüringer schlossen sich dann ein Jahr später dem Neonazi Tino Brandt und seinem gewaltbereiten "Thüringer Heimatschutz" an, der als Keimzelle der Terrorgruppe NSU gilt. Die fünf besuchten ihre fränkischen Freunde fortan regelmäßig. Interne Unterlagen des Bundeskriminalamtes, die unserer Redaktion vorliegen, bestätigen dies. Zudem sollen Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt des Öfteren in einer von einem Neonazi gemieteten Wohnung in der Nürnberger Marthastraße übernachtet haben.

In Nürnberg fand dann der erste Bombenanschlag statt, den das Trio nach seinem Untertauchen im Jahr 1998 verübte: In einer Pilsbar in der Scheurlstraße in Bahnhofsnähe explodierte im Juni 1999 eine Rohrbombe.

Der damals 18-jährige Pächter Mehmet O. (Name geändert), der die mit Sprengstoff präparierte Taschenlampe in einem Abfalleimer auf der Herrentoilette gefunden hatte, trug eine Reihe von Verletzungen davon. Erst jetzt erfuhr er vom Rechercheteam, wer mit dieser Tat, die auch auf das Konto des NSU geht, in Verbindung gebracht wird.

Bereits im Jahr 2013 hatte O. bei einer Vernehmung durch Beamte des Bundeskriminalamtes (BKA) auf einer Serie von 115 Fotos von extremen Rechten das Gesicht einer Frau wiedererkannt. "Die geht mir nicht mehr aus dem Kopf, die kenne ich", sagte er damals dem BKA. Wahrscheinlich habe er sie in Nürnberg getroffen. Wer diese Frau ist, sagte man ihm aber nicht: Susann E., eine gute Freundin von Beate Zschäpe, vielleicht sogar ihre beste und wichtigste.

Seit Januar 2012 ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen Susann E. wegen Unterstützung der Terrorvereinigung NSU. Sie soll die Tarnung des Kerntrios im Untergrund aufrechterhalten und Zschäpe mehrfach ihre Personalien zur Verfügung gestellt haben, etwa ihre Bahncard. Susanns Ehemann André E. ist mit Zschäpe angeklagt, die Bundesanwaltschaft hat für ihn 12 Jahre Haft gefordert.

Die Unterstützer:

Das NSU-Trio pflegte rege Kontakte zu Größen aus der fränkischen Neonazi-Szene. Der damals in Fürth wohnende Matthias Fischer, ein mehrfach vorbestrafter Volksverhetzer, sagte dem BKA, er habe Uwe Mundlos gekannt. Und Fischers Name stand auch auf einer von Mundlos gefertigten Telefonliste von Fluchthelfern und Unterstützern, die man 1998 in einer Jenaer Garage neben Rohrbomben fand. Ein früherer Führungskader der Szene offenbarte gegenüber NN und BR nun, dass Fischer nach einem Treffen in der "Tiroler Höhe" mit Gesinnungsgenossen über Anschläge gesprochen habe: Man habe geplant, mit Panzerfäusten den Nürnberger Justizpalast "wegzuschießen".

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Die kaltblütigen Morde des NSU: Eine Chronologie

Jahrelang hielten die Rechtsterroristen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt das Land in Atem. Nach bisherigen Erkenntnissen sollen auf das Konto der beiden männlichen Täter etliche Bankraube, Attentate und zehn Morde gehen. Wir erinnern an die Opfer und Verletzten.


Zudem war Beate Zschäpe in Begleitung einer Gruppe Rechtsradikaler in Fischers Stammpizzeria in Fürth-Stadeln Anfang der 2000er Jahre gesehen worden, wie eine Augenzeugin jetzt dem Rechercheteam offenbarte. Gegenüber der Polizei bestritt Fischer aber, Zschäpe zu kennen. Dabei hatte der gelernte Maler, der heute in Brandenburg lebt, zu NSU-Unterstützern Kontakt. Die Sächsin Mandy S. etwa besuchte Schulungen der mittlerweile verbotenen "Fränkischen Aktionsfront", die Fischer mit aufgebaut hatte. Mandy S. gilt als wichtige Helferin des Trios, weil sie Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe eine Wohnung besorgt hatte. Die Friseurin lebte in den Jahren 2002/2003 einige Monate in Büchenbach bei Roth und absolvierte dort im Schützenheim Schießübungen, wie NN und BR aufdeckten.

Zum NSU-Umfeld gehört mutmaßlich auch der Nürnberger Jürgen F. Er hielt sich nach Polizeiunterlagen 1995 auch in der "Tiroler Höhe" auf. Auffällig: F. zerstörte 2004 eine Gipsfigur, die an Ismail Yaþars Döner-Imbiss in der Nürnberger Scharrerstraße stand. Da er den Schaden nicht ersetzte, erstattete Imbissbetreiber Yaþar später Anzeige. Wenige Monate darauf wurde Yaþar ermordet.

Die V-Leute:

Inzwischen ist bekannt, dass der Verfassungsschutz rund 40 "Vertrauensleute" in der rechtsextremen Szene rekrutiert hatte. Kai Dalek, der bis Ende der 1980er Jahre für den Berliner Verfassungsschutz in der linksextremistischen Szene aktiv gewesen sein soll, hat sich nach seinem Wechsel zum bayerischen Dienst intensiv in der fränkischen Szene vernetzt. Er selbst sagte der Polizei in Nürnberg, er sei der "Gauleiter" in Franken gewesen.

Lange bevor das Internet zum Alltagsmedium wurde, baute er mit dem "Thule-Netz" ein eigenes Mailboxsystem zum Austausch rechtsextremistischer Inhalte auf. Welche Rolle Kai Dalek, der heute unter neuer Identität wieder in Nürnberg lebt, beim Verfassungsschutz tatsächlich spielte, ist ungeklärt. Tino Brandt, Chef des militanten "Thüringer Heimatschutz" und selbst ein V-Mann, sagte später, Dalek sei "unsere Führungskraft in Bayern" gewesen. Und Dalek fuhr regelmäßig zu Treffen der Thüringer Neonazis. Zu Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt habe er aber keinen Kontakt gehabt, gab er an. Jedoch findet sich sein Name und seine damalige Mobilfunknummer auf jener berüchtigten "Garagenliste" von 1998, auf der Uwe Mundlos Helfer notiert hatte.

Auch der bundesweit bekannte Neonazi-Kader und Unterstützer des NSU-Kerntrios, Ralf Marschner, war ein frühere V-Mann des Verfassungsschutzes (Deckname: Primus). Gegen ihn liegt in Deutschland ein Haftbefehl vor, er lebt in der Schweiz. Marschner soll Uwe Mundlos nach dem Untertauchen in seiner Zwickauer Firma beschäftigt haben. Marschner wiederum hatte beste Kontakte zu fränkischen Neonazis. Sie reichten bis in die Nürnberger Hooliganszene, zu rechtsextremen Fußballfans, die der 1. FCN-Fangruppe "Red Devils" angehört haben sollen. Die "Red Devils" weisen das allerdings zurück. Kein Mitglied sei jemals ein Unterstützer des NSU gewesen. 

Elke Grasser-Reitzner, Sabine Stoll, Jonas Miller, Martin Hähnlein und Michael Reiner

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