Sonntag, 16.12.2018

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Dick, häßlich, dumm: Wie junge Mädchen sich wahrnehmen

Acht Schülerinnen aus der Löhe-Mittelschule sprechen über ihre Träume - und Selbstzweifel

Acht Mädchen von der Wilhelm-Löhe-Mittelschule sprachen über ihre Zukunft und die Träume, die sie haben. © Roland Fengler


Wir treffen die Teenager in der Bibliothek der Wilhelm-Löhe-Schule. Stühle werden schnell zum Kreis gestellt, Lehrerin Anne Aichinger spricht kurz über das Theaterstück "Acht", mit dem die acht Mittelschülerinnen bald auf der Schulbühne stehen werden. Mutig! Dass sie später im Chor "Wir finden uns alle zu dick" rufen werden, ist ein harter Kontrast — und hat mit der Realität nichts zu tun. Doch Selbstzweifel scheinen einen festen Platz hinter den glatten Mädchenstirnen zu haben. Dazu später, erst soll es um die Zukunft gehen.

"Mama und ich sind für den Haushalt zuständig"

Wie ihre Mutter zu leben, fände Laura (13) völlig okay. Die arbeite im Büro, doch wenn die Kinder von der Schule kommen, stehe das Essen am Tisch. "Mama und ich sind für den Haushalt zuständig. Papa und meine Brüder mähen den Rasen." Laura findet diese Arbeitsteilung zwar "nicht so gerecht", aber wenn es zu Hause heißt, dies und das sei Frauensache, mag sie nicht widersprechen.

Was Frauensachen sind, wird Mädchen offenbar schon sehr früh klargemacht. Geschlechterklischees, das hat eine US-Studie erst vor kurzem herausgefunden, greifen bereits bei Sechsjährigen. Dann sind die Rollen fest verteilt, die Jungs sind schlau und frech, die Mädchen brav und süß. Und die Spielzeugindustrie bedient das Klischee mit rosarotem Zubehör.

Marta findet sich hässlich. Den anderen geht's ähnlich. 

"Das können doch nicht die Männer machen, kochen und so!" Die Truppe im Stuhlkreis lacht sich kringelig bei der Vorstellung. Ein Vater, der nicht weiß, wie der Herd eingeschaltet wird, ein Bruder, der sagt, sie sei dumm: Marta (11), die Jüngste, mit dem blonden Dutt kichert, wenn sie davon erzählt. Das Vorbild ihrer Mutter prägt sie genauso wie Lara (13), die Mehrheit der Schülerinnen kann nichts Schlechtes dabei finden, eines Tages vor allem für die Kinder da zu sein. Lara: "Ich würde schon so leben wollen wie meine Mama." Elenes Mutter, Hausfrau mit vier Kindern, sei "glücklich, uns aufwachsen zu sehen", sagt die zwölfjährige Tochter überzeugt. Wahrscheinlich mache sie das auch einmal so.

Einige der Eltern haben zwei Jobs, müssen sich zur Decke strecken. Manche stammen aus Kroatien, Georgien, Italien oder Afrika, kommen aus Ländern, in denen die Rollenverteilung womöglich noch viel fester zementiert ist als hierzulande.

Finanzielle Unabhängigkeit ist für die Mädchen jedenfalls kein Ziel, das eine große Rolle spielt. Nur Lea, die zurückhaltende 14-Jährige aus der Theatertruppe, will später arbeiten gehen und ihr eigenes Geld verdienen. Mit Jungs, jetzt wird gekichert, könne man darüber aber nicht reden. Jungs, das ist ein anderes Thema.

So selbstbewusst die acht Schülerinnen hier auch aussehen - in ihrem Inneren sieht es dann doch ganz anders aus. © Roland Fengler


Auf jeden Fall "etwas Kreatives", aber nie Kfz-Mechanikerin

Charlotte (14), die Charly genannt werden möchte, hat immerhin schon "ein paar Wünsche und Ideen" für ihr späteres Leben. Lehrerin oder Erzieherin könnte sie werden, vielleicht auch Autorin, Regisseurin oder Schauspielerin, auf jeden Fall "etwas Kreatives". Nicht nur an ihrem Beispiel wird klar, wieso sich all die Initiativen für Frauen in Männerberufen seit Jahrzehnten so schwertun, warum all die "Girls Days" der Ausbildungsbetriebe ins Leere laufen. Kfz-Mechanikerin? Charly schüttelt den Kopf, nicht für eine Million Euro möchte sie das werden. "Ich weiß genau, was ich kann und was nicht", sagt sie. Was sie in jedem Fall möchte: eine große Familie, gerne mit mehr als zwei Kindern.

"Papa macht sich manchmal Suppe aus der Dose"

Chikondi (14), bei der daheim die Aufgaben ebenfalls traditionell verteilt sind ("Papa macht sich manchmal Suppe aus der Dose"), will Kosmetikerin werden, mit Kindern oder Tieren arbeiten oder ins Showbusiness. Im Schultheater tut sie die ersten Schritte, singt, tanzt mit den anderen. Erstaunlich selbstbewusst seien sie auf der Bühne, sagt ihre Lehrerin, die das Stück über Mädchenträume und -ziele geschrieben hat. Bei manchen Statements der Jugendlichen muss sie ein bisschen mit den Augen rollen.

Perfekt sein, schön sein. Bei der Frage, ob sie sich denn selbst gefallen, kommt Leben in die kleine Runde. Ein vielstimmiges "Neiiin" ertönt, sogar die Elfjährige findet sich schon "fett und hässlich", ihr Bruder beschimpfe sie manchmal als "Fettsau". Die schlanke Chikondi, die mit ihrer angeblichen Hässlichkeit auch sehr gut kokettiert, will abnehmen; sie diszipliniert sich mit einer App, die sie in Richtung Traumgewicht bringen soll.

Schön oder nicht schön - das ist hier die Frage

Nur Charly, die Älteste, klingt fast schon abgeklärt. Manchmal sehe sie einen Pickel auf der Stirn und fände ihre Oberschenkel dick, das sei schlimm. Dann gebe es Tage, da sei alles in Ordnung. Kann die Liebe Erlösung bringen? Seit Charly einen Freund hat, fühlt sie sich gut. "Da gibt’s einen, der dich mag, wie du bist."

Auch Mütter behaupten das von sich, wenn die Töchter vorm eigenen Spiegelbild verzweifeln. Doch ihre guten Ratschläge können auch Zweifel nähren. Lara zitiert ihre Mutter so: "Pass auf mit dem Essen, in der Pubertät kann das schnell abrutschen." Und eine der Mütter weiß offenbar genau, dass die alles entscheidende "Schön oder nicht schön"-Frage zum Frauenleben dazugehört. "Das wird besser, aber das hört nie auf", hat sie ihrer Tochter gesagt.


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Claudine Stauber Lokalredakteurin Nürnberg E-Mail

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