Dienstag, 18.12.2018

|

Die mysteriösen Verstrickungen der "Kameraden" in der Region

Der NSU konnte hier auf ein Netzwerk an Unterstützern zurückgreifen — Beate Zschäpe hatte eine Affäre mit einem Nürnberger - 20.04.2018 06:00 Uhr

Welche Rolle spielt David F.? Der 42-Jährige aus Thüringen lebte von 1995 bis 1998 in der Pirckheimerstraße in Nürnberg. Unmittelbar vor dem Untertauchen des Terror-Trios 1998 hatte er ein Verhältnis mit Beate Zschäpe, wie er selbst einräumte. Womöglich fand das Trio sogar zeitweise Unterschlupf in David F.s Nürnberger Wohnung.

Einen derartigen Verdacht äußerte ein Hinweisgeber nach einer im Februar 1998 im Fernsehen ausgestrahlten Fahndungssendung. Doch die Polizei ignorierte diesen Tipp. Das brachte den Behörden hinterher Kritik ein. Im Gutachten des ehemaligen Vorsitzenden Richters am Bundesgerichtshof, Gerhard Schäfer, zum Verhalten der Thüringer Behörden und Staatsanwaltschaften heißt es, dass "bei dem Hinweis auf eine Beziehung zwischen Beate Zschäpe und David F. ... weitere Maßnahmen angezeigt waren".

Das gilt umso mehr, weil David F. zum nahen Umfeld des NSU gehört. Er ist der Schwager von Ralf Wohlleben, der mit Zschäpe im NSU-Verfahren angeklagt ist. Aus seiner Solidarität mit Wohlleben hat der heute 42-Jährige keinen Hehl gemacht. Auf seiner Facebook-Seite prangte eine Zeit lang ein Button mit dem Schriftzug "Freiheit für Wolle". "Wolle" ist der Spitzname von Wohlleben.

David F. verdingte sich in Nürnberg bei einer Spedition und bei einem Fürther Bestatter. Zurück in Thüringen betrieb er 2006 den Gasthof "Zur Bergbahn" in Lichtenhain, einem Ortsteil von Oberweißbach im Thüringer Wald. Aus diesem Ort stammt die vom NSU ermordete Polizistin Michèle Kiesewetter. F. sagte aus, dass ihm Kiesewetter nie aufgefallen sei.

Christian W. kandidierte für die NPD.


Christian W. war ebenfalls im Dunstkreis des NSU aktiv. Der führende Kopf der Fränkischen Aktionsfront (FAF), die 2004 aufgrund ihrer Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus verboten wurde, hatte ein Verhältnis mit Mandy S., die dem Trio beim Untertauchen geholfen hatte. Er soll ihr eine Bombenbauanleitung gegeben haben, sagte Mandy S. im Münchner NSU-Prozess aus. W. bestreitet das.

W., Jahrgang 1979, besaß eine Zeit lang auch ein Geschäft in der Nürnberger Scheurlstraße, in der der NSU sein erstes Bomben-Attentat verübt hatte. Außerdem kannte er den Blumenstand des ersten Mordopfers Enver Þimþek in der Liegnitzer Straße in Nürnberg: Er räumte gegenüber dem BKA ein, dort Blumen gekauft zu haben. Gegenüber NN und BR sagte er jetzt, sein Vater habe die Blumen besorgt.

W. war Zeugen zufolge auch bei "Combat 18" aktiv, dem bewaffneten Arm des Neonazi-Musik-Netzwerks "Blood and Honour". 2005 kandidierte er für die NPD im Wahlkreis Nürnberg-Nord bei der Bundestagswahl. Insider bezichtigten W., er sei V-Mann des Verfassungsschutzes gewesen. W. bestreitet auch das. Der Nürnberger betont, er habe sich vor Jahren von Rechtsextremen losgesagt.

Wenige Monate vor seinem Tod hatte Ismail Yaþar, das sechste Opfer des NSU, bei der Polizei Anzeige erstattet: gegen Jürgen F. Der lebte damals in derselben Straße in Nürnberg wie Yaþar.

Denn: Am 2. Oktober 2004 hatte Jürgen F. eine Gipsfigur zerschlagen, die an Yaþars Imbiss an der Ecke Scharrerstraße/Velburger Straße stand. Die Statue war umgefallen und zerbrochen. Weil F. beteuerte, für den Schaden aufkommen zu wollen, verzichtete der türkische Imbissbetreiber erst einmal auf eine Anzeige. Als F. die Figur Wochen später immer noch nicht ersetzt hatte, ging Yaþar doch zur Polizei. Er stellte im Oktober 2004 Strafantrag bei der Inspektion Nürnberg-Ost. Acht Monate später war Ismail Yaþar tot.

Reiner Zufall? Jürgen F. hatte damals Kontakt zum NSU-Umfeld. Er soll dieselbe Neonazi-Party in der "Tiroler Höhe" in Nürnberg besucht haben wie Uwe Mundlos. Später fiel F. der Polizei immer wieder als "Straftäter, rechtsmotiviert" auf. Doch die Mordermittler befanden, dass kein Tatzusammenhang erkennbar sei.

Der mehrfach vorbestrafte Neonazi Matthias Fischer war viele Jahre einer der bedeutendsten Aktivisten in der bayerischen Neonazi-Szene. Er baute die inzwischen verbotene Fränkische Aktionsfront (FAF) und das verbotene Freie Netz Süd mit auf und war Funktionär der NPD.

Matthias Fischer kannte Uwe Mundlos.


Belegt ist, dass Fischer, heute 40 Jahre alt, Uwe Mundlos kannte. Fischers Name stand wie der seiner Schwägerin Ilona K. auf einer von Mundlos gefertigten Telefonliste. Zudem wurde Zschäpe in Fischers Stamm-Pizzeria nahe seiner Fürther Wohnung beobachtet. Auch auf Neonazi-Veranstaltungen, etwa in der "Tiroler Höhe", traf er auf das Trio. Gegenüber der Polizei bestritt er stets, Zschäpe und Böhnhardt zu kennen. Fischer war Herausgeber des Neonazi-Propaganda-Magazins "Der Landser". Der NSU soll 2001/2002 einen Bekenner-Brief mit einer Geld-spende an den "Landser" geschickt haben, um das Fanzine zu unterstützen. Fischer stritt das ab. Der gelernte Maler, der heute in Brandenburg lebt, hatte auch Kontakt zu NSU-Unterstützern. Mandy S., die dem Trio beim Abtauchen geholfen hat, besuchte Schulungen seiner FAF. Zschäpe nutzte im Untergrund die Identität von Mandy S..

Die rechte Szene in Franken wäre nie so gut organisiert gewesen, wenn Kai Dalek sie nicht straff geführt hätte, sagt die SPD-Landtagsabgeordnete Helga Schmitt Bussinger (Nürnberg-Süd). Als Mitglied des NSU-Untersuchungsausschuss hat sie sich mit seiner Rolle befasst: "Dalek war nachweislich der führende Kopf für bayerische Rechtsextremisten gewesen." Er habe auch durch seine Verflechtung mit Tino Brandt den Anstoß dafür gegeben, dass es den gewaltbereiten Thüringer Heimatschutz in dieser Form gegeben habe, aus dem sich dann der NSU herausgebildet hat. Zudem habe er die Hess-Gedenkmärsche organisiert und das Thule-Netz mit aufgebaut. Als Mitarbeiter des Verfassungsschutzes habe er wohl "Narrenfreiheit" genossen, kritisiert die Politikerin. "Seriosität" sei in seiner Angelegenheit nicht gegeben gewesen. Sie hatte beim Geheimdienst Einsicht in die Akte "Dalek" verlangt - und endlich auch erhalten: Doch die Akte war fast komplett geschwärzt vorgelegt worden.

Im Untersuchungsausschuss konnte auch der frühere Präsident des Landesamtes für Verfassungsschutz, Gerhard Forster, nicht weiterhelfen: Er machte im Fall Dalek Erinnerungslücken geltend. Doch steht fest, dass für Daleks "radikale Arbeit" (Schmitt-Bussinger) Steuergelder geflossen sind: zwischen 1500 und 2000 Euro pro Monat soll er erhalten haben.

Die Staatsanwaltschaft Gera hatte 1995 bis 97 gegen Dalek wegen "Bildung einer kriminellen Vereinigung" ermittelt, das Verfahren wegen seiner V-Mann-Tätigkeit aber eingestellt. Er soll auch in Nürnberg im Rotlichtmilieu für den VS gespitzelt haben. 

Autoren: Elke Graßer-Reitzner, Sabine Stoll und Jonas Miller

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Stories