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Insider: NSU plante weitere Anschläge in Nürnberg

Unterstützer der Terrorzelle überlegten, den Justizpalast zu sprengen - Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos kamen oft zu Treffen in die Stadt - 20.04.2018 06:00 Uhr

Ein früherer fränkischer Neonazi-Aktivist berichtet erstmals über weitere Anschlagspläne des NSU-Netzwerks in Nürnberg. © Repro: Martin Hähnlein/BR


Als Ursprung gilt das im Februar 1995 als "Faschingsfeier" getarnte Treffen in der damaligen Nürnberger Speisegaststätte "Tiroler Höhe", zu dem rund 120 Neonazis angereist waren. Doch die Fete im Domizil der NPD lief aus dem Ruder, die Polizei schritt ein. Viele der Teilnehmer konnten flüchten. 60 Leute wurden vorübergehend festgenommen. Das NN-BR-Rechercheteam machte jetzt einen Führungskader von damals ausfindig und erfuhr, wer dabei war und was dahinter steckte. Die Feier diente dem Kennenlernen der zersplitterten Rechtsradikalen über die Region hinaus. Und sie markierte den Anfang des selbsternannten Nationalsozialistischen Untergrunds NSU: Denn neben "Böhni, Mundi und der Beate aus Jena" saßen auch Ralf Wohlleben und Holger G. in der "Tiroler Höhe". Die fünf schlossen sich ein Jahr später dem Neonazi Tino Brandt und seinem "Thüringer Heimatschutz" an, der als Keimzelle der Terrorgruppe gilt.

Die Thüringer besuchten die neuen fränkischen Freunde fortan regelmäßig. Interne Unterlagen des Bundeskriminalamtes, die unserer Redaktion vorliegen, bestätigen dies. Ralf Wohlleben und Holger G. sitzen derzeit mit Beate Zschäpe im Münchner Prozess auf der Anklagebank.

Neue Identität

Auch der schillernde Verfassungsschutz-Mitarbeiter Kai Dalek gehörte ab 1995 mit zum Kreis der braunen Truppe, die Nürnberg besuchte. Dalek baute in Zeiten, in denen das Internet in den Anfängen steckte, mit dem "Thule-Netz" die Kommunikationsmittel der Rechten mit auf. Er hielt engen Kontakt zu Tino Brandt, der sich nach seiner Zustimmung vom Verfassungsschutz anwerben ließ. Ein Interview lehnte Dalek, der heute unter anderer Identität in Nürnberg lebt, ab und drohte dem Rechercheteam, würden Bilder von ihm gezeigt, "müsst ihr das Land verlassen".

Eine zentrale Figur in der bundesweiten Neonazi-Szene war schon damals der Volksverhetzer Matthias Fischer aus Fürth. Bald nach dem Treffen sprach er mit Gesinnungsgenossen über Anschläge. Einer der Pläne lautete, so berichtet der Informant, man überlege, den Nürnberger Justizpalast "wegzuschießen". Dazu kam es zum Glück nicht, dafür explodierte 1999 in einer Kneipe in der Nürnberger Scheurlstraße eine Rohrbombe und verletzte einen türkischen Mitarbeiter - die erste Tat des 1998 abgetauchten NSU-Trios in Bayern.

Im Januar 1998 hatten Ermittler in einer Garage von Uwe Mundlos solche selbstgebastelten Rohrbomben und 1,4 Kilogramm TNT ausgehoben. Sie fanden auch eine Liste mit den engsten Kontaktdaten: Notiert war neben Matthias Fischers Telefonnummer auch die seiner Schwägerin Ilona K. aus Fürth und die der "Tiroler Höhe". Und: die von V-Mann Kai Dalek.

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Obwohl seit 1998 nach Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos gefahndet wurde, hielten sich die drei wohl mindestens bis zum Jahr 2000 regelmäßig in Nürnberg und Fürth auf. Nach NN-BR-Recherchen kaufte Zschäpe sogar noch Anfang der 2000er Jahre - nach Beginn der Mordserie in Nürnberg - unbehelligt Eis in einer Pizzeria in Fürth-Stadeln, einem der Stammlokale von Matthias Fischer.

Besuch von US-Nazi Gary Lauck

Beliebter Unterschlupf des Trios in wechselnder Besetzung war ein Gebäude in der Marthastraße in Nürnberg-Mögeldorf, das bei Anwohnern als "Glatzentreff" gefürchtet war. Mitte der 1990er Jahre hatte man im Stadtteil extra ein Notruf-Telefon installiert, weil sich viele Bürger von den Rechten bedroht fühlten. Auch der US-amerikanische Neonazi und Holocaust-Leugner Gary Lauck soll hier abgestiegen sein und Geld spendiert haben. Davon habe man die Miete im wbg-Gebäude bezahlt und große Partys gefeiert, berichtet der Insider.

 

Autoren: Elke Graßer-Reitzner, Sabine Stoll, Jonas Miller, Martin Hähnlein und Michael Reiner

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