Montag, 19.11.2018

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Neues Tucher-Logo: Die Brauerei und der Rassismus-Vorwurf

Das Familienwappen der Patrizier-Familie - Mohr oder Heiliger Mauritius?

Wie hat sich das Tucherbier-Logo im Laufe der Jahre verändert? Die NZ sprach mit dem Tucher-Experten Helmut Ell über die Geschichte der Brauerei - und über das neue Logo. © Eduard Weigert


Manche Mohren mag Helmut Ell nicht, die werden versteckt. Im Vorraum zum neuen Sudhaus, das auf der Städtegrenze Nürnberg-Fürth gebaut ist, steht oben auf einem Schrank ein Spiegel. Darauf ist ein schwarzes Kind gedruckt, lächelnd, es ist halbnackt. In den Händen trägt es Krüge mit schäumenden Tucher-Bier. 

Aus welcher Zeit dieser Spiegel stammt, der für das Bier aus Franken warb, weiß Tucher-Historiker Ell nicht, aber zwei Dinge sind sicher: Das Mohrenkind ist Vergangenheit, der Tuchermohr die Zukunft.

Seine Stunde schlägt, wenn das neue Rotbier, das zurzeit noch in Fässern reift, eine gleichbleibend hohe Qualität erreicht hat. Dann wird es abgefüllt, in Flaschen mit veränderten Etiketten. Die Motive und die Schrift sind schlichter als bisher, zur Verwendung kommen weniger Farben, die sind dafür flächiger und knalliger. Die Anmutung ist retro und hip.

So sieht es aus, das neue Logo der Tucher-Brauerei, das voraussichtlich erstmals im Herbst auf allen Etiketten in Erscheinung tritt. © Michael Matejka


Einst war das Logo so klein, dass der Kunde ihn fast übersah: der Kopf eines Mohren im Profil. Nun prangt er groß in einem weißen Kreis, beschirmt von einer goldenen siebenzackigen Krone. Wahrscheinlich ab Herbst sollen alle Biere in den neuen Flaschen verkauft werden.

"Wir stehen in einer guten Tradition, denn Tucher ist das Symbol für gutes Bier", erklärt Ell diese Entscheidung. Und weil das Symbol für Tucher der Mohr aus dem Familienwappen der berühmten Patrizier sein soll, erlebt er eine Renaissance. Ausgerechnet jetzt, da die Stimmung aufgeheizt ist.

Seit Langem werde die Brauerei mit Vorwürfen konfrontiert, klagt Ell. Für die einen eignet sich die Abbildung eines dunkelhäutigen Menschen nicht als Signet für ein Unternehmen, das deutsches Bier herstellt. Für die anderen ist das Logo rassistisch, war es schon damals, als der Mohrenkopf zusammen mit einem Adler ein Doppel-Logo bildete. Der Adler war das Symbol der Brauerei "J.G. Reif", mit der Tucher 1966 fusionierte, inzwischen ist er von den Etiketten verschwunden. "Wir stehen dazu, dass wir den Mohren wieder in den Vordergrund rücken", sagt Marketingmitarbeiter Ell, er betont: "Uns ist die Hautfarbe egal!"

Um üble Verdächtigungen zu entkräften, haben die Grafiker den Schriftzug hinzugefügt: Heiliger Mauritius. Das soll klarstellen, dass es sich bei der Abbildung um den Heiligen handelt, der der Legende nach aus Oberägypten stammt. Dass dieser Heilige aus dem Familienwappen der Tuchers stammt, dürften aber nur wenige Eingeweihte wissen. Überhaupt: Was hat die ehemalige Patrizierfamilie mit der Brauerei zu tun? Antwort: Eigentlich nichts mehr.

Dieses Wappenschild der Tucher ist in St. Sebald zu sehen. Auf der Inschrift ist zu lesen: "Hie ist Die Begrebnus und Gedechtnus der Tucher". © Dominik Mayer


1672 entstand das Städtische Weizenbräuhaus zu Nürnberg, es stand in der Karl-Grillenberger-Straße 3. Als die Reichsstadt 1806 an das Königreich Bayern fiel, wurde die Brauerei zum Königlichen Weizenbräuhaus und etwa 50 Jahre später, als die Familie von Tucher die Brauerei erwarb, zur "Freiherrlich von Tucher'sche Brauerei". Seitdem ist der Mohr des Familienwappens auch das Markenzeichen der Brauerei. Nach Umwandlung in eine Aktiengesellschaft, Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, Wiederaufbau, Fusionen und Eigentümerwechseln ist die „Tucher Bräu GmbH & Co. KG" heute eine eigenständige Tochter der Radeberger Brauereigruppe.

Angehörige der Tuchers gibt es keine mehr im Unternehmen, auch wirtschaftlich hat sich die Familie vollkommen zurückgezogen. Sind der Name und das Logo der Brauerei also nur eine emotionale Inszenierung?

Tatsächlich haben beide zusammen einen hohen Wiedererkennungswert, auch wenn dies spät entdeckt wurde. Auf den ersten Steinkrügen, in denen noch vor dem Ersten Weltkrieg Bier ausgeschenkt wurde, steht meist nur der kobaltblaue Schriftzug "Tucher-Bier".

Werbung für Bockbier in den 1960er Jahren. © Eduard Weigert


Im Archiv der Brauerei ist aber zu sehen, dass parallel dazu auch das Mohrenprofil auftauchte, wenn auch in keiner einheitlichen Fassung. Mal war die Nase größer, mal die Lippen rot, mal war die Haut bräunlich schattiert, mal erschien das Logo wie ein schwarz-weißer Stempel-Druck.

In den Dreißigern und Vierzigern des vergangenen Jahrhunderts tauchte der Mohr nicht auf. "Er war den Nationalsozialisten nicht 'arisch' genug", vermutet Ell. Die Fünfziger holten sich den Mohren wieder ins Logo, der musste in den folgenden Jahren aber so manchen Einfall mitmachen. So reitet in den Sechzigern ein Schwarzer auf einem Bock – na klar, Werbung für ein Bockbier. Der Spiegel mit dem halbnackten Kind. Auf einem Motiv zeigt sich ein weiteres Kind mit einem um den Kopf gewundenen Turban.

Für Helmut Ell sind solche Darstellungen "Kitsch". Auf das neue Logo aber ist er stolz. Der Heilige Mauritius, sagt er, "ist Teil des bunten Nürnberg". 

Die Metamorphose des Mohren

Das sieht der Soziologie-Professor Wulf D. Hund aus Hamburg ganz anders: "Ich würde mich schämen, meinen Rassismus heiligzusprechen", sagt der Wissenschaftler, der in seinem Buch "Wie die Deutschen weiß wurden" die Wandlung des Heiligen Mauritius in eine politische Figur beschreibt.

Denn als der Mohr in Deutschland im 11. Jahrhundert Einzug hielt - es lag im Trend, sich Wappen vor allem auch mit dem Emblem eines dunkelhäutigen Menschen zuzulegen -, wurde weder die eigene noch die Hautfarbe eines Afrikaners bewertet. So wurde der Heilige Mauritius ursprünglich und übrigens auch einer der Heiligen Drei Könige als Weißer abgebildet. Im Großen Tucherbuch aus dem Jahr 1606  wird der Mohrenkopf ausdrücklich als Heiliger Mauritius identifiziert. Das Wappen selbst besteht schon seit dem 14. Jahrhundert. 

In St. Sebald findet sich das Tucher-Wappen auf mehreren Kirchenfiguren. Links der Evangelist Johannes, in der Mitte der Heilige Andreas und rechts Christus Salvator. © Roland Fengler / Montage: Moritz Bohner


Der Rassismus kam dann mit dem Sklavenhandel. Der Begriff "Mohr", so erklärte das "Universal-Lexicon der Völker- und Ländergeschichte" von 1806, benenne "einen ganz schwarzen Afrikaner, welchen vornehme Herren zu ihrer Bedienung halten".

Gegen die Aussage der Brauerei, dass der Mohr im Logo kein Sklave sei, sondern der Heilige Mauritius, spricht, dass der Kopf im Warenzeichen und der Kopf im Tucher-Familienwappen nicht dieselben sind. In Deutschland kamen Firmen im späten 19. Jahrhundert auf die Idee, mit Figuren und Warenzeichen für ihre Produkte zu werben. Damals, es war die Kolonialzeit, war die Abbildung von Afrikanern als Hingucker sehr beliebt.

Eine stilistisch einheitliche Linie verfolgte die Tucher-Brauerei offensichtlich nicht. Denn die Grafiker zeichneten immer neue Varianten und diese in einer karikierenden Art und Weise. "Die Grafiker haben auf das Wappen zurückgegriffen, aber sie haben das Logo in einem zeitgenössischen Duktus gezeichnet", sagt der emeritierte Soziologieprofessor Hund. Das Logo sei immer ein Warenzeichen gewesen und niemals der Märtyrer des Wappens. 

Und was sagt Hund zum aktuellen Logo? "Die karikierenden Züge wurden beibehalten. Deshalb ist es immer noch ein Werbe-Logo mit rassistischer Tradition. Und dadurch, dass nun 'Heiliger Mauritius' dabei steht, wird es nicht besser."

Sein Vorschlag lautet: Lieber tatsächlich das Original aus dem historischen Tucher'schen Turnierbuch verwenden. Gleichzeitig die Firmengeschichte und mit ihr die Veränderungen am Warenzeichen untersuchen lassen und die Ergebnisse auf der Homepage veröffentlichen. Unternehmen wie Krupp, Siemens oder Audi hätten sich so ihrer Vergangenheit gestellt. 

Die Tucher-Brauerei weiß von den Vorwürfen. Von ihr kam dazu keine Reaktion. 

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Das Logo der Tucher-Brauerei - Werbelogo oder historische Reminiszenz? © André De Geare


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