-1°

Freitag, 16.11.2018

|

NSU-Attentat in Nürnberg: Spur führt zu Zschäpes enger Freundin

Nürnberger Anschlagsopfer erkannte auf Foto des BKA eine Frau wieder - 26.06.2018 05:53 Uhr

Ein Sprengstoffexperte untersucht 1999 in der Nürnberger Kneipe „Sonnenschein“ die Überreste nach der Taschenlampen-Explosion. © Foto: Daut


Bewegung kam in die festgefahrene Sache vor genau fünf Jahren: Im Juni 2013 gestand der Angeklagte Carsten S. im Münchner NSU-Prozess überraschend, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hätten ihm erzählt, in Nürnberg "eine Taschenlampe aufgestellt" zu haben. Damit wurde schlagartig klar, dass die bis dato ungeklärte Explosion einer Stablampe in der Pilsbar "Sonnenschein" in der Nürnberger Scheurlstraße im Sommer 1999 auf das Konto des selbst ernannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) ging.

Der türkischstämmige Pächter Mehmet O. (Name geändert), damals 18 Jahre alt, der beim Reinigen des Lokals die Taschenlampe der Marke MagLite in der Herrentoilette entdeckt und neugierig eingeschaltet hatte, war durch die Druckwelle bis zur Eingangstür geschleudert worden. Er trug Splitter im Arm und zahlreiche Schnittwunden davon und überlebte den Anschlag nur, da der Sprengsatz nicht richtig gezündet hatte, wie Beamte des LKA-Sprengstoff-Dezernats in ihrem Bericht 1999 festhielten.

Die Sächsin Susann E. soll regelmäßig Kontakt zum NSU-Kerntrio im Untergrund gehalten haben. War sie auch in der Nürnberger Pilsbar? © Foto: privat


Besuch vom BKA

Es war die erste abscheuliche Tat der Terrorgruppe gewesen, quasi ein "Testlauf", wie man heute weiß, um den Umgang mit Sprengstoff zu erproben. Danach ermordete der NSU im September 2000 mit dem Blumenhändler Enver Şimşek sein erstes von neun ausländischen Opfern wiederum in Nürnberg, gar nicht so weit entfernt von der Kneipe in der Scheurlstraße.

Doch wer hatte das Lokal hinter dem Bahnhof damals ausspioniert? Wer waren die Helfer? Mehmet O., gegen den wegen des Anschlags zeitweilig selbst ermittelt worden und der aus Nürnberg weggezogen war, bekam nach dem Geständnis von Carsten S. im NSU-Prozess im Juni 2013 Besuch von Beamten des Bundeskriminalamts (BKA). Sie legten ihm 115 Fotos von Beschuldigten und Verdächtigen im NSU-Verfahren vor. Er tippte auf die Aufnahmen von Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe. Die kenne er aus dem Fernsehen, gab er an, die Frau habe er da im Gerichtssaal gesehen. Doch dann blieb er an einem weiteren Bild von einer Frau hängen. "Die geht mir nicht mehr aus dem Kopf, die kenne ich", sagte er in der Zeugenvernehmung, die dem Rechercheteam vorliegt. "Dieses Mädchen" komme ihm "dermaßen bekannt" vor. Und die Ermittler notierten umgehend, wen der türkischstämmige Mann da identifiziert hatte: Susann E., eine überzeugte Nationalsozialistin aus dem sächsischen Zwickau – eine enge Freundin von Beate Zschäpe, vielleicht sogar ihre beste und wichtigste.

Bilderstrecke zum Thema

Die kaltblütigen Morde des NSU: Eine Chronologie

Jahrelang hielten die Rechtsterroristen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt das Land in Atem. Nach bisherigen Erkenntnissen sollen auf das Konto der beiden männlichen Täter etliche Bankraube, Attentate und zehn Morde gehen. Wir erinnern an die Opfer und Verletzten.


Mehmet O. wusste damals nicht, wer die Frau ist. "Die Beamten haben gemeint, bis die Sache geklärt wird, bitte nicht mit den Medien reden, nicht, dass unsere Ermittlungen kaputtgehen. Sie haben gesagt, sie melden sich wieder", berichtete er jetzt dem Rechercheteam von Nürnberger Nachrichten und und Bayerischen Rundfunk. Gemeldet haben sich die Beamten allerdings dann nie wieder. Jetzt spricht Mehmet O. erstmals mit Journalisten. Erst durch das Rechercheteam erfährt der heute 38-Jährige von Susann E. und ihrer rechtsextremen Gesinnung (siehe verlinkter Text unten). Er zeigt sich erschüttert darüber, dass sich die Ermittler offenbar nicht sonderlich für die Sächsin interessieren.

Mehmet O. ist fassungslos: Vom NN-/BR-Rechercheteam hat er gerade erfahren, dass die Frau, die er 2013 auf Fotos des BKA identifizierte, Beate Zschäpes engste Freundin gewesen ist. © Foto: privat


Doch woher kannte Mehmet O. ihr Gesicht? Es war in Nürnberg: "Ich habe sie irgendwo gesehen, von irgendwoher kenne ich die. Vielleicht haben wir auch zusammengehockt, das kann auch sein, habe ich gesagt. Vielleicht war sie in meinem Laden drinnen. Aber irgendwo ist sie mir bekannt, ich sage das ja nicht umsonst", betont der frühere Nürnberger Kneipenwirt.

Zschäpe tarnte sich als Susann

Seit Januar 2012 ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen Susann E. wegen Unterstützung der Terrorvereinigung NSU. Ihr wird vorgeworfen, die Tarnung des NSU-Kerntrios im Untergrund aufrechterhalten zu haben. Laut Ermittlungen hat sie der Angeklagten Beate Zschäpe mehrfach ihre Personalien zur Verfügung gestellt. Beispielweise nutzte Zschäpe mehrere Bahncards, die auf Susann E. ausgestellt waren.


Beate Zschäpe stellte sich in Kleidung von Susann E.


Der deutsche Jurist Mehmet Daimagüler (50) vertritt im Münchner NSU-Prozess als Nebenklageanwalt die Nürnberger OpferfamiIien von Ismail Yazar und Abdurrahim Özüdoðru. Jetzt hat er auch den Fall des früheren Pächters der Nürnberger Pilskneipe "Sonnenschein" übernommen. © F.: Karlheinz Schindler/dpa


Wie eng das Verhältnis zwischen E. und Zschäpe war, zeigen Fotos, die Ermittler im Bauschutt des NSU-Verstecks in Zwickau fanden. Auf den Bildern, die dem Rechercheteam vorliegen, sind eine lächelnde Beate Zschäpe, eng umschlungen mit Susann E., zu sehen. Zudem soll Susann E. die drei im Untergrund regelmäßig, immer donnerstags, mit ihren beiden Kindern im Zwickauer Unterschlupf besucht haben.

Im April 2013 durchsucht das BKA erneut die Wohnung der Familie E. Die Ermittler finden im Wohnzimmer, zwischen den Fotos der Kinder, eine aufwendige Kohlezeichnung in einem braunen Rahmen. Lächelnd abgebildet: Die NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Darunter steht in Sütterlinschrift "Unvergessen", unterlegt mit einer in der Neonazi-Szene beliebten Todesrune.

Bilderstrecke zum Thema

NSU-Unterstützerin zog von Sachsen in den Landkreis Roth

Die Frisörin Mandy S.kannte sich in der Region Nürnberg gut aus. Sie nahm an Veranstaltungen von Rechtsextremen in Fürth und Gräfenberg teil und besuchte eine Schulung der inzwischen verbotenen Fränkischen Aktionsfront. Von Sommer 2002 bis März 2003 lebte sie in Büchenbach nahe Roth. Heute wohnt sie wieder in Sachsen.


Fahnder sicherten auf dem Computer der Familie E. auch Ausschnitte eines Nürnberger Stadtplanes. Die Karten zeigen die Stadtteile Laufamholz, Erlenstegen und Mögeldorf. Abgespeichert wurden sie laut Ermittlungsakte im April 2001: also ein halbes Jahr nach dem ersten Mord am Blumenhändler Enver Şimşek und wenige Wochen vor dem zweiten Mord am Schneider Abdurrahim Özüdoðru. Beide starben in Nürnberg.

Fragwürdige "Trio-These"

Mehmet Daimagüler, Opferanwalt im NSU-Prozess und jetzt auch juristischer Beistand von Mehmet O., hat bei der Staatsanwaltschaft Akteneinsicht beantragt. Die Zeugenaussage des Pächters müsse sehr ernst genommen werden, sagt er. Denn das Ehepaar E. sei der Nazi-Szene zuzurechnen. Susann und André E. gelten als enge Vertraute der drei Untergetauchten, doch bei der Aufklärung ihrer Rolle stehe man erst am Anfang. Es gebe zahlreiche Hinweise, dass es lokale Helfershelfer bei den Taten des NSU gegeben habe. Aber die "Bundesanwaltschaft klammert sich mit aller Vehemenz an die Trio-These", kritisieert Daimagüler. Die Behörde solle "ernsthaft" ihre These hinterfragen.

Mehmet O. hofft unterdessen, dass der Anschlag auf seine Person endlich aufgeklärt wird. Noch Jahre nach der Detonation litt er unter Angstzuständen, nahm Medikamente zur Beruhigung. "Aber ich bin froh, dass ich überhaupt lebe. Weil, ich habe viel gelitten dadurch, ich habe viel verloren", sagte er dem Rechercheteam.

Ob sein Fall jedoch juristisch aufgearbeitet wird, ist weiter fraglich. Die Bundesanwaltschaft verzichtete im Mai 2015 aus "verfahrensökonomischen Gründen" darauf, die Tat im NSU-Prozess anzuklagen. Auf die Fragen des Rechercheteams, ob der Kneipen-Komplex Eingang in die Ermittlungen gegen Susann E. gefunden hat und ob den Hinweisen von Mehmet O. nachgegangen wurde, antwortete die Bundesanwaltschaft bislang nicht. 

Jonas Miller, Martin Hähnlein, Elke Graßer-Reitzner, Sabine Stoll und Michael Reiner

1

1 Kommentar

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Stories