Mittwoch, 12.12.2018

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Theaterbesuch muss nicht unerreichbar sein

Kulturtafeln ermöglichen Bedürftigen Zugang zu Karten — Das Konzept ist zum Erfolgsmodell geworden - 05.09.2016 19:05 Uhr

Eine Karte für einen Theaterbesuch in der Hand zu halten, ist für Bedürftige wahrlich keine Selbstverständlichkeit. © Foto: dpa


Gemeinsam mit ihrer Mutter macht Heike (Name geändert) sich schick für den Theatersommer Bamberg. Ein sorgfältiges Make-up und hübsche Klamotten sind Pflicht. „Das Orangenmädchen“ steht auf dem Programm. In der Pause teilen sich die 44-Jährige und ihre Mutter ein Glas Wein. Doch die Käsestange für einen Euro lassen die beiden liegen — zu teuer. Sie haben sich etwas zu essen mitgebracht.

Auch den Eintritt für das Theaterstück könnte Heike sich nicht leisten. Sie bekommt Hartz IV, das Geld reicht also geradeso zum Leben. Ein Abend im Theater ist da eigentlich nicht drin. Doch beim „Orangenmädchen“ stand ihr Name sogar auf der Gästeliste, versehen mit dem Zusatz „Kulturtafel“. Denn Heike und ihre Mutter saßen auf Plätzen, die sonst leer geblieben wären: Das ist das Prinzip von Kulturtafeln wie der in Bamberg. Sie vermittelt Eintrittskarten von kulturellen Veranstaltungen an Bedürftige.

Die erste ihrer Art

Bamberg hat dabei eine Vorreiterrolle inne. Anfang 2012 startete dort die Kulturtafel, als erste ihrer Art in Nordbayern und nur kurz nach einer vergleichbaren Initiative in München. Die Idee machte schnell Schule. Mittlerweile existieren Projekte auch in Erlangen, Gunzenhausen, Coburg und anderen fränkischen Städten. Seit vergangenem Jahr gibt es in Nürnberg das Kulturticket, das nach ähnlichen Prinzipien funktioniert.

Der Name erinnert an die bekannten Tafeln, die Lebensmittel an Bedürftige verteilen. „Denn Kultur verfällt genauso wie Lebensmittel: Die Eintrittskarte ist am Tag nach der Veranstaltung nichts mehr wert“, erklärt Susanne Kleist, Leiterin der Kulturtafel Bamberg. Ihre Kunden nennen die Kulturtafeln „Gäste“. Wer in Bamberg als Gast registriert werden will, muss nachweisen, dass er Unterstützung vom Staat bezieht. Die größte Gruppe sind Hartz-IV-Empfänger. Aber auch jeder, der Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, Bafög oder eine geringe Rente bekommt, zählt als bedürftig. Auf der anderen Seite stehen die Kartenspender.

Sowohl Veranstalter als auch Privatpersonen, zum Beispiel Theater-Abonnenten, überlassen der Kulturtafel Eintrittskarten. Das geschieht meistens virtuell. Das Theater erfährt, dass bestimmte Karten jetzt der Kulturtafel gehören. Bei der Anmeldung gibt jeder neue Gast an, welche Veranstaltungen ihn interessieren: Theater, klassische Musik, aber auch Basketball-Spiele werden besonders häufig nachgefragt.

Tickets dürfen nicht verfallen

Doch wie kommt der Gast dann zu einer Eintrittskarte? Dafür sorgen die vielen Ehrenamtlichen. Sie übernehmen die Vermittlungsarbeit am Telefon. Ein Computerprogramm nennt ihnen den Namen, der am längsten nicht mehr an der Reihe war. Der oder die Ehrenamtliche ruft dort an und schlägt eine Veranstaltung vor. Wenn der Gast zusagt, gilt das als verbindlich. In der Regel bekommt er zwei Karten, die an der Abendkasse auf seinen Namen hinterlegt werden.

Der Gast muss die Karten persönlich nutzen und darf sie nicht weiterverkaufen oder verfallen lassen. So sind die Spielregeln. Wer dagegen verstößt, wird aus der Anrufliste gestrichen. Doch das kommt nur selten vor. Die allermeisten Gäste sind dankbar, wie die ehrenamtliche Helferin Heide Mattern weiß: „Bei mir hat eine Frau am Telefon sogar angefangen zu weinen, als ich ihr einen Besuch im Theater vorgeschlagen habe.“

Für die Gäste zählt dabei nicht nur die kulturelle Veranstaltung an sich, sondern das ganze Drumherum. Mal den Alltag hinter sich lassen, sich schick machen und unter Leute gehen ist mindestens genauso wichtig.

Doch bis sie die erste Karte angeboten bekommen, müssen die meisten potenziellen Kunden eine Hemmschwelle überwinden. Den eigenen Hartz-IV-Bescheid oder den mickrigen Rentenbetrag Fremden zu zeigen, ist unangenehm. Dennoch hat die Bamberger Kulturtafel momentan 660 aktive Gäste. In diesem Jahr hat sie schon 2500 Karten verteilt.

In kleinerem Maßstab verfolgt die Kulturtafel in Forchheim ihr Ziel. 200 Plätze wurden in diesem Jahr vermittelt. Die Karten liegen im „Anderen Laden“, in dem Leute mit niedrigem Einkommen einkaufen können. Ehrenamtliche fragen regelmäßig bei den verschiedenen Vereinen nach, ob sie Karten spenden wollen.

Viel Überzeugungsarbeit

„Wir versuchen, den Aufwand so gering wie möglich zu halten, weil wir völlig ehrenamtlich arbeiten“, erklärt Mitgründer Ludwig Dafner. Die Kulturtafel Forchheim hatte auch spezielle Startschwierigkeiten, denn ins Leben gerufen haben sie die Freien Wähler (FW). „Da mussten wir viel Überzeugungsarbeit leisten, dass wir hier keine politische Arbeit machen, sondern helfen wollen“, so Dafner.

Auch in Kitzingen ist die Idee einer Kulturtafel schon länger im Gespräch. Momentan sind die meisten Ehrenamtlichen allerdings mit der Betreuung von Flüchtlingen noch vollkommen ausgelastet. Die Kulturtafel muss deshalb noch etwas warten. 

ALISA MÜLLER

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