Dienstag, 13.11.2018

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"Totaler Wahnsinn": Zeitzeuge erinnert an Tschernobyl

Damaliger Sprecher des Umweltministeriums über Stress, Unsicherheit und einen mogelnden Minister - 26.04.2011 06:59 Uhr

Günter Grass, der einstige Sprecher des bayerischen Umweltministeriums, blickt in seinen Terminkalender von 1986, in dem sich der Eintrag "Radioaktivitätserhöhung über Bayern ... Kraftwerkskatastrophe in Tschernobyl ... totaler Wahnsinn ... mehr als ein Dutzend Interviews ... Stress, Stress, Stress ..." vom 30. April wiederfindet. © dpa


„Radioaktivitätserhöhung über Bayern ... Kraftwerkskatastrophe in Tschernobyl ... totaler Wahnsinn ... mehr als ein Dutzend Interviews ... Stress, Stress, Stress ...“ So steht es am 30. April 1986 im Terminkalender von Günter Grass. Der heute 67-Jährige war damals Pressesprecher des bayerischen Umweltministeriums und erlebte nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl die aufregendsten Wochen seiner steilen Beamtenkarriere. Eine Münchner Zeitung nannte ihn seinerzeit „den derzeit wichtigsten Mann in Bayern“. Er diente allen bisherigen Umweltministern im Freistaat, unter Ministerpräsident Max Streibl (CSU) war der promovierte Jurist gar Pressechef in der Staatskanzlei. Grass erinnert sich genau an jene Zeit, und er räumt 25 Jahre später unumwunden ein: „Wir waren überfordert“. Aber er sagt auch: „Wir haben das uns Menschenmögliche getan.“

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27 Jahre Tschernobyl und kein Ende des Schreckens

Vor 27 Jahren starrte Europa fassungslos auf die Ukraine, damals Teil der Sowjetunion von Michail Gorbatschow. Im Atomkraftwerk Tschernobyl war es zum "Größten anzunehmenden Unfall" gekommen: einer Kernschmelze in Reaktor 4. Sehen Sie hier, welche Folgen der GAU von Tschernobyl auf Bayern hatte und für die Bevölkerung der Ukraine noch heute hat.


Am 26. April 1986 explodierte Block 4 des ukrainischen Atomkraftwerks. Erst zwei lange Tage später sickerten die ersten Informationen durch, obwohl die damalige UdSSR eine Nachrichtensperre verhängt hatte. Die Ukraine war Teil der Sowjetunion, die Perestroika steckte in den Kinderschuhen und Offenheit gegenüber dem als kapitalistisch verschrienen Westen war ein Fremdwort. Am 30. April zog über Bayern eine Regenfront aus dem Osten hinweg, die eine gefährliche „Hinterlassenschaft“ mit sich brachte: erhöhte Radioaktivität. Für Grass begann ein mehrwöchiger Marathon mit 14- bis 16-Stunden-Arbeitstagen. Das südliche Bayern erwischte es deutschlandweit am schlimmsten, die Radioaktivität schnellte massiv in die Höhe. Noch heute raten Behörden zum sparsamen Verzehr von Waldfrüchten und Wild, denn Cäsium-137 mit einer Halbwertszeit von 30 Jahren ist nach wie vor in Böden präsent.

Pressemitteilung per Telefon

„Es war der berühmte Mittwoch“, sagt Grass beim Blättern in seinem kleinen blauen Terminkalender. Der Pressesprecher konnte sich vor Anfragen nicht mehr retten. Alle wollten wissen, welche Werte gemessen wurden – „dabei hatten wir noch gar keine“. Zur Erinnerung: Es existierte noch nicht einmal ein Bundesumweltministerium. Und auch technisch lief die Kommunikation ganz anders als heute: Es gab im Wesentlichen nur das Telefon und Fernschreiber, das Internetzeitalter war noch nicht angebrochen. Am 1. Mai – ein Feiertag – fuhr Grass ins Ministerium, die Reiseschreibmaschine im Gepäck. „Ich konnte den Fernschreiber nicht benutzen und eine Sekretärin wollte ich nicht aus ihrem freien Tag holen“, erinnert sich der Pressesprecher von damals. Also setzte er sich an die Schreibmaschine und verfasste seine erste Pressemitteilung zu den Auswirkungen des Atom-GAU. „Es stand wahrscheinlich nicht sehr viel drin, denn ich konnte nur eine ungefähre Bewertung der Lage vornehmen."

Günter Grass, der einstige Sprecher des bayerischen Umweltministeriums. © dpa


Die Mitteilung gab Grass telefonisch an die Nachrichtenagentur dpa in München durch - archaische Zeiten, die aber noch keine Generation zurückliegen. Tschernobyl und seine Folgen waren für den Ministeriumssprecher ein einschneidendes Erlebnis in der Zusammenarbeit mit Journalisten. „Das Ereignis hat Misstrauen gesät“, sagt Grass. „Wir konnten den Ansprüchen unmöglich genügen. Viele fühlten sich unzureichend informiert. Mein Verhältnis zu Journalisten wurde über Monate, wenn nicht Jahre getrübt.“ Das Misstrauen seiner Person gegenüber tat Grass auch persönlich weh, „weil ich ehrlich informiert habe und nichts zu verbergen hatte.“ Selbst der private Alltag des jungen Familienvaters wurde berührt. „Nachbarn fragten, wenn ich spätabends nach Hause kam, ob die amtlichen Informationen zutreffend sind oder etwas vertuscht wird.“ Mütter wollten wissen, ob sie Babynahrung horten oder den Sand auf dem Spielplatz austauschen sollen.“ Viele hätten vorwurfsvoll gefragt: „Warum wurden wir nicht vor der Regenwolke gewarnt?“ Die Antwort: „Wir haben es schlicht nicht gewusst.“

Misstrauen gegenüber der Politik

Tschernobyl als Synonym für das Risiko der Kernenergie hat nach Überzeugung des seit zwei Jahren pensionierten Beamten auch bewirkt, dass die Menschen der Politik seitdem Beschwichtigungsformeln wie „Für die Bevölkerung bestand zu keinem Zeitpunkt eine Gefährdung“ nicht mehr abnehmen. „Mit diesen Floskeln überzeugt man die Bevölkerung nicht“, sagt Grass. Die Arbeit seines „Chefs“ Alfred Dick bewertet er rückblickend als umsichtig. „Der Umweltminister hat die Sache sehr ernst genommen, ist aber nicht in Hysterie verfallen. Er befasste sich mit vielen Details vor allem im Hinblick auf die Ernährungssituation.“ Der leutselige CSU-Politiker habe rasch erkannt, dass die Leute vor allem beraten werden wollten. Schmunzelnd fügt Grass hinzu: „Was haben wir darüber gefachsimpelt, wie viel Salat man noch essen darf.“

Der Beamte – er stand über 40 Jahre im Dienst des Freistaats und schied mit dem Dienstgrad eines Ministerialdirigenten aus – sieht trotz heute wesentlich schneller verfügbarer Informationen Parallelen zum Reaktorunglück in Fukushima. „Radioaktive Strahlung ist unsichtbar und für den Normalbürger unberechenbar. Für die Beurteilung von Messungen in Einheiten wie Becquerel und Millisievert fehlt dem Menschen die Erfahrung – kein Wunder, wenn ihm die Kernkraft Angst macht.“ Und noch etwas hat sich kaum geändert, meint Grass: „Damals wie heute haben Befürworter und Gegner der Atomkraft ihre politisch motivierten Schlüsse aus der Katastrophe gezogen.“ Auch dürfe nicht vergessen werden, dass zum Zeitpunkt des Reaktorunglücks von Tschernobyl im Freistaat politisch heftig um den Bau der atomaren Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) Wackersdorf gerungen wurde.

Falscher Finger im Molkepulver

Und dann war da noch die Sache mit dem verseuchten Molkepulver und einem Umweltminister, der vor laufenden Kameras vermeintlich kontaminiertes Pulver aß – ein Medien-GAU für Grass. Auf einem Bundeswehrgelände ausgerechnet im niederbayerischen Stimmkreis von Dick gammelten im Frühjahr 1987 in 90 Zugwaggons 1800 Tonnen des weißen Pulvers vor sich hin. Niemand wusste, was mit dem cäsiumbelasteten Abfallprodukt der Käseherstellung geschehen sollte. Auf einer Pressekonferenz in München stand Dick Rede und Antwort.

Grass erinnert sich: „Unmittelbar vor Beginn der Pressekonferenz stellte der Minister eine Schüssel mit Molkepulver auf den Tisch, das ein Journalist besorgt hatte. Ich konnte gar nicht mehr reagieren.“ Als ein Reporter fragte, ob Dick das Pulver zum Beweis der behaupteten Unbedenklichkeit essen würde, steckte der Politiker einen Finger in die Schüssel – und schleckte genüsslich daran. 25 Jahre später verrät sein einstiger Pressesprecher, was bislang nur wenige wussten: Der für seine Schlitzohrigkeit bekannte Minister hatte den Mittelfinger ins Molkepulver gesteckt und den Zeigefinger abgeschleckt. 

dpa

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