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Digital Festival: Gesundheit in der Hosentasche

Der Markt für digitale Lösungen birgt ein enormes Potenzial - 19.10.2018 13:13 Uhr

In Deutschland nutzen mittlerweile 57 Millionen Menschen ein Mobiltelefon. Dies verändert auch den Gesundheitsmarkt. © Foto: Michael Kappeler/dpa


2005: Hunderttausende sitzen vor dem Petersdom und erwarten den neu gewählten Papst Benedikt. Ein einprägsames Bild, das um die Welt ging. Im Jahr 2013, vor der Vorstellung seines Nachfolgers Franziskus: Die gleiche Szenerie, ein völlig neues Bild. Denn über den Köpfen fast jedes Gläubigen leuchtet das Display eines Smartphones.

"Die Welt hat sich rasant verändert - und mit ihr tut es der Markt", sagt Julia Hagen. Allein in Deutschland nutzen mittlerweile 57 Millionen Menschen ein Mobiltelefon. Bei den unter 65-Jährigen sind es 81 Prozent, bei den Älteren 41 Prozent. Tendenz steigend. Wie diese Entwicklung auch den Gesundheitsmarkt verändern kann, skizziert die Bereichsleiterin Health & Pharma beim Branchenverband Bitkom bei der Veranstaltung "Digital Health - wie Innovationen unser Leben verbessern" im Zuge des Nürnberger Digital Festivals.

Bis zum Jahr 2025 werde dem digitalen Gesundheitsmarkt ein Wert von über einer halben Billion US-Dollar zugeschrieben. Entsprechend präsent sind hier auch Großunternehmen wie Google und Amazon. In den USA bestellen zum Beispiel schon zahlreiche Krankenhäuser Verbandsmaterial & Co. automatisiert über den sogenannten Dash-Button des Versandhändlers, Google investiert seit Jahren Milliarden in die entsprechende Forschung.


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Alle 75 Tage, so sagte in einem Interview jüngst Ginni Rometti, CEO von IBM, verdoppelt sich das medizinische Wissen. Der einzelne Arzt könne da nicht mithalten. Ein Computer aber kann es. Darauf fußt, so erzählt Hagen, etwa ein Projekt von SAP und dem Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen Heidelberg. Durch Softwareoptimierung können hier 15 000 individuelle Datenmarker eines einzelnen Patienten mit aktueller Forschung abgeglichen werden - um so etwa zu sehen, ob ein Kranker sich für eine Studie eignet. Wofür ein Arzt oder ein wissenschaftlicher Mitarbeiter über Wochen Literatur und Akten wälzt, braucht das System Minuten.

Eine andere Innovation stellt an diesem Abend der junge Gernot Sümmermann, Gründer der Cynteract GmbH, vor. Aus eigener Motivation - er hatte sich schwer an der Hand verletzt - hat er mit einem Freund einen mit Sensoren gespickten Handschuh entwickelt. Statt stupide und ermüdend immer wieder die gleiche Bewegungsfolge zu trainieren, können mit dem Handschuh während der Rehabilitationsphase etwa Computerspiele gesteuert werden. In Kombination mit VR-Brillen, die etwa einen Besuch im Pferdegehege simulieren, spüren Nutzer in einer anderen Anwendung tatsächlich das Tier und andere Oberflächen. Auch kann der Handschuh eingeschränkte Patienten in der Muskelkraft unterstützen, weil Minimotoren die Finger bewegen.

Arzt soll entlastet werden

Der Ideenreichtum und das Potenzial seien enorm, sagt Hagen, die immer wieder mit Gründern zusammentrifft. Nur: Wie soll man sein Produkt in solch einem streng reglementierten Markt etablieren? Vielen schwebe der Heilige Gral, also die Aufnahme in die Regelversorgung vor. Doch meist dauert es Jahre, bis ein System anerkannt ist - bis dahin ist es vom Stand der Technik schon wieder überholt. Daher sollten Start-ups auch den Markt der Selbstzahler oder die sogenannte Vergütung nach Leistung im Blick haben. Doch Hagen appelliert an die Entscheider, das Gesundheitssystem flexibler zu machen. Es dürfe nicht sein, dass hervorragende Ideen verkümmern, nur weil sie nicht in die bestehende Terminologie passen.

"Natürlich kann die digitale Innovation im Gesundheitsbereich keine Hüft-OP oder den Kontakt zwischen Arzt und Patient ersetzen", resümiert Hagen. Aber sie könne in der Arztausbildung, bei seiner Entlastung etwa bei der Bürokratie, der Kommunikation im OP oder der Nachsorge helfen. Solche Chancen gelte es zu erkennen - und zu fördern. 

Nicole Netter

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