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Direkte Hilfe für Kollegen: Pflegelotsen im Betrieb

Lehrgänge versetzen Mitarbeiter in die Lage, im Notfall beraten zu können - 19.06.2017 08:00 Uhr

Wie der Rollator kranken Menschen bei der Fortbewegung hilft, sollen „Lotsen“ im Betrieb ihren Kollegen bei der Organisation der Pflege von Angehörigen unterstützen. © dpa


Wolfgang Sembritzki ist 24 Jahre alt und Germanistik-Student der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen. Wenn samstagabends seine Freunde feiern gehen, bleibt er zurück und pflegt seine mittlerweile 100-jährige demente Großmutter.

Seit Jahren besucht er die Oma, die in Fürth wohnt, regelmäßig. Vor etwa zwei Jahren begann ihre altersbedingte Demenz. Wolfgang übernimmt mit seinem sechsköpfigen Team, bestehend aus Onkel und zwei Cousins sowie deren Frauen, die Pflege der damals 98-Jährigen. Mindestens drei- bis viermal pro Woche geht er zu ihr, führt den Haushalt, kocht für sie und wäscht sie. Doch die Demenz wird immer extremer, seine Großmutter vergisst ständig, Essen zu sich zu nehmen. An einem Tag ist Wolfgang mit ihr alleine, als die Situation plötzlich außer Kontrolle gerät.

Vollkommen überfordert

Wolfgang hat seine Großmutter gerade gewaschen und hilft ihr beim Anziehen, als sie das Gesicht verzieht. Plötzlich kippt sie um. Wolfgang fängt sie auf, setzt sie auf einen Stuhl. Die 98-Jährige ist nicht mehr bei Bewusstsein. Er wählt den Notruf und ist vollkommen überfordert mit der Situation. "Wahrscheinlich waren es nur zehn Minuten, bis der Notarzt kam, aber es kam mir ewig vor", erklärt er. In der Zeit ruft er seine Familie an und spricht mit ihnen darüber, was er tun soll. Als der Arzt da ist, fragt dieser Wolfgang nach einer Patientenverfügung. Wenig später macht er ihm schonungslos klar, dass er nun, mit gerade einmal 24 Jahren, über das Leben seiner Oma entscheiden soll.

Nach zwei Stunden ist die Schocksituation vorüber. Die Großmutter hatte das Bewusstsein verloren, weil sie nicht genug Flüssigkeit zu sich genommen hatte und deswegen dehydrierte. Die Ärzte stabilisieren sie und bringen sie wieder nach Hause. Für Wolfgang und seine Familie steht der vorher schon angedachte Entschluss nun endgültig fest: "Die Oma muss in ein Heim. Wir schaffen das nicht mehr. Wir können nicht rund um die Uhr eine ärztliche Betreuung gewährleisten."

Selbsthilfegruppe gestartet

Kurze Zeit später erfährt Wolfgang in einem E-Mail-Newsletter der Universität von einem Vortrag über das Thema Demenz. Er besucht die Veranstaltung mit seinem Onkel und lernt dort Hochschulpfarrerin Isolde Meinhard kennen. Zusammen mit anderen Betroffenen starten sie eine Selbsthilfegruppe, die von Meinhard geleitet wird. Einmal im Monat tauschen sie Tipps aus. "Wenn man von einem Pflegetag zurückkommt und die Nase voll hat, weil es einfach anstrengend ist, dann stößt du dort nicht auf taube Ohren. Die Leute, die dort sitzen, machen dasselbe durch. Wir bekommen Tipps und geben welche, wir unterstützen uns gegenseitig. Es ist echt hilfreich", erklärt der Student.

Neben der Selbsthilfegruppe gibt es noch ein weiteres Angebot, von dem Wolfgang bisher noch nichts wusste. Beim Familienservice der Universität gibt es zwei ausgebildete Pflegelotsen. Angehörige, die plötzlich in eine Pflegesituation kommen, können von ihnen erste Informationen erhalten. Außerdem erklären die Pflegelotsen, welche Möglichkeiten Betroffene im Betrieb haben, um Arbeit und Pflege miteinander zu vereinbaren. Am hilfreichsten sind sie zu Beginn der schwierigen Situation. Sie hören zu, informieren und klären über rechtliche Schritte auf.

Halt geben

Einer der Pflegelotsen ist Christian Müller-Thomas. Da er selbst einen pflegebedürftigen Angehörigen in der Familie hat, liegt ihm das Thema besonders am Herzen. "Es ist eine Hürde für die Mitarbeiter, zu jemandem Externen zur Beratung gehen. Deswegen wollen wir das selbst in die Hand nehmen", erklärt er. Da sich Männer oft lieber von Männern und Frauen lieber von Frauen beraten lassen, stand für ihn von Anfang an fest, dass er dieses Projekt mit seiner Kollegin Heidrun Stollberg zusammen stemmen möchte.

Zwischen fünf und zehn Anfragen bekommt Müller im Monat von Betroffenen, die sich bei ihm informieren möchten. "Als Pflegelotse hat man als Allererstes die Aufgabe, dem Mitarbeiter einen Halt zu geben. Außerdem geben wir Betroffenen die Sicherheit, dass sie mit ihrem privaten Thema, das Einfluss auf den Beruf nimmt, nicht alleine sind. Es ist ein dichter Dschungel, in dem man sich bewegt. Wir leiten sie und zeigen ihnen den roten Faden."

Relevanz erkannt

Um Pflegelotse zu werden, suchte Müller vor zwei Jahren nach Angeboten und stieß im November 2015 auf die Rummelsberger Diakonie mit der Ausbildung zum Pflegelotsen. Gemeinsam mit seiner Kollegin Heidrun Stollberg absolvierte er die dreitägige Ausbildung zum Pflegelotsen, in der sie neben dem Basiswissen zum Thema Pflege auch einen Überblick über Hilfsangebote, Patientenverfügungen und Hospizarbeit bekamen.

Pflegelotsen können Mitarbeiter aus dem Personalmanagement werden oder andere Mitarbeiter, die sich dazu berufen fühlen. Im Juli bietet die Rummelsberger Diakonie wieder Seminare in Nürnberg an. Diakonin Tina Dehm berichtet von den vergangenen Veranstaltungen: "In Nürnberg war der Kurs nach drei Tagen ausgebucht." Sie sieht darin ein Zeichen, dass Arbeitgeber in der Region die Relevanz des Themas erkannt haben. "Hätte ich vor zwei Jahren gewusst, dass es Pflegelotsen gibt, wäre ich definitiv hingegangen" sagt auch Wolfgang zum Angebot der Pflegelotsen.

Termine zur Pflegelotsenausbildung in Nürnberg: 4. Juli, 13. Juli, 18. Juli. Anmeldeschluss ist der 23. Juni 2017. Weitere Infos unter www.diakonische-akademie.org unter dem Menüpunkt "Seminare & Co". In die Suchmaske das Wort "Pflegelotse" eintippen. 

SELINA BETTENDORF

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