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Mit der Deutschen Biofond zig Millionen versenkt?

Nürnberger Geschäftsmann soll mit dubiosen Investments Kasse gemacht haben - 16.11.2015 11:48 Uhr

"Investieren Sie in Nach­haltigkeit" - mit diesen Worten warb die Deut­sche Biofonds bei ihren Kunden um Gelder. Inves­tiert werden sollte in Was­serkraftwerke in der Tür­kei (hier ein Symbolbild aus dem russischen Che­ryomushki, das zu diesen in keiner Verbindung steht).


Es klang verlockend. Fast schon zu verlockend, sagen viele, die heute schlauer sind als damals. Doch als der Nürnberger Geschäftsmann Yaver Demir, unter anderem Vorstand der Deutschen Biofonds AG, im Jahr 2012 seine Charmeoffensive startete, glaubten sie ihm.

Sie glaubten ihm, als er bei prunkvollen Kundenveranstaltungen auf gecharterten Segelschiffen von der Wirtschaftsleistung der Türkei, vom großen Bedarf an erneuerbaren Energien, von den riesigen Wasserkraftwerken, die man dort in Eigenregie errichten werde, schwärmte. Und sie glaubten ihm auch, als er von der Zusammenarbeit mit der türkischen Regierung sprach und in Hochglanzprospekten Renditen von teils bis zu 17 Prozent anpries.

Geld vor allem aus der Region

Heute jedoch herrscht Alarmstimmung unter den Anlegern. „Bin sehr verunsichert“, „kann niemanden erreichen“, „sieht nach einem groß angelegten Betrugsmanöver aus“ - so tönt es in den einschlägigen Internetforen. Und tatsächlich: Den Telefonanschluss der AG in einer zuletzt als deren Sitz genannten Hamburger Villa gibt es nicht mehr, auch in dem repräsentativen Geschäftshaus in der Fürther Straße in Nürnberg, von wo aus neben anderen Firmen des 47-Jährigen bis zuletzt auch die Deutsche Biofonds operierte, gibt es keinen Geschäftsbetrieb mehr. Entsprechend ist die Deutsche Biofonds Unternehmensgruppe samt der zugehörigen Anleihen Hydropower VI und VII mittlerweile auch unter Anlegeranwälten ein Begriff.

Tobias Pielsticker von der Münchner Kanzlei Witt Rechtsanwälte betreut einige der Besorgten. Er hat Unterlagen gewälzt, Handelsregisterauszüge verglichen, Bilanzen - so sie denn vorhanden waren - studiert. Sein Fazit ist ernüchternd: Pielsticker fürchtet, dass das Geld weniger in Wasserkraftwerke als vielmehr in die Fassade investiert wurde, die möglichst viele Kunden ködern sollte.

Das scheint gelungen zu sein. Spricht man mit jenen, die nah dran waren am Geschehen bei der Deutschen Biofonds, ist von 40 Mio. eingesammelten Euro, im Internet von weit höheren Summen die Rede. Gut 80 Prozent der Anleger und 90 Prozent des Anlagevolumens, so heißt es von einem, dem die Anlegerliste vorliegt, seien aus der Region um Nürnberg und Erlangen. Wer ganz klein eingestiegen ist, hat 20.000 Euro investiert, Einzelne haben aber auch mit über einer Million Euro auf verlockende Wasserkraftprojekte gesetzt.

Alles Reiche, die noch reicher werden wollten? Mitnichten, so Pielsticker. Mitunter hätten Leute ihre ganze Altersvorsorge investiert. Denn das Konzept klang, zumindest wenn es mündlich vorgetragen wurde, durchaus verheißungsvoll. Thomas Lambrecht, Vertriebsdirektor der Deutschen Biofonds Financial Services, schilderte es in einem Interview fürs firmeneigene Magazin so: „Unser Geschäft sind nicht virtuelle Finanzinstrumente - wir investieren ausschließlich in Sachwerte.“ Beispiel Fonds Hydropower VII: „Wir sind Betreiber eines Wasserkraftwerks. Dieses erzeugt Strom, den wir verkaufen. Wir rechnen monatlich ab und können daher monatliche Ausschüttungen leisten.“ Ein Prozent im Monat – mindestens zwölf Prozent im Jahr. Klingt simpel.

Doch wer sich genauer mit den Anleihen befasst, wird schnell skeptisch. 200 Projekte, so heißt es im Prospekt für Hydropower VI aus dem Jahr 2012, habe die Deutsche Biofonds schon verwirklicht. Wie kann das beim angegebenen Geschäftsbetrieb sein, wo sie doch erst 2008 gegründet worden ist?

Unternehmen bestattet?

Außerdem wird eine Deutsche Biofonds Green Energy Turkey GmbH als Prospektverantwortliche und geschäftsführende Kommanditistin geführt. Diese wurde aber im November 2012 schon wieder aus dem Handelsregister gelöscht. Da viele Anleger erst danach zeichneten, hätte das ein Warnsignal sein können – zumindest für die überwiegend privaten Vermittler, die die Kapitalanlage unters Volk brachten.

Wie verschlungen das Firmengeflecht des Nürnberger Geschäftsmannes ist, weiß besonders gut Rechtsanwalt Dean Didovic. Er hat seit Jahren mit der Causa Demir zu tun. Anfänglich als sachbearbeitender Anwalt im Fall eines Nürnberger Ingenieurs-Dienstleisters, bei dem Demir 2012 den Geschäftsbetrieb übernommen hat.

Mittlerweile ist er als Insolvenzverwalter unter anderem für eine Centauri Holding GmbH zuständig, die Firma, zu der unter anderem besagter Dienstleister nach mehreren Zusammenlegungen, Umfirmierungen und Sitzverlegungen geworden ist. „Demir scheint über erhebliche Erfahrung in dem zu verfügen, was man gemeinhin als Unternehmensbestattung bezeichnet“, sagt Didovic.

1,5 Lkw-Ladungen an Unterlagen und 27 Terabyte an Datensätzen via Server haben er und seine Kollegen von der Nürnberger Kanzlei Schwartz Insolvenzverwalter gesichert. Für Didovic ist klar: „Konfusion war bei all den Geschäftsvorgängen Demirs Konstante.“ An allen Ecken und Enden seien Schulden angehäuft worden, nach zahllosen Rechnungen und Mahnungen hätten immer wieder auch Gerichtsvollzieher vor ausgeräumten Büroräumen und nicht mehr aktuellen Geschäftsadressen gestanden.

Katz-und-Maus-Spiel mit den Behörden

Wer ist dieser Mann, der es so gut versteht, Katz und Maus mit den Behörden zu spielen? „Zu dieser Frage könnte man ein Buch schreiben“, heißt es von einem, der lange mit Demir zusammengearbeitet hat. Charmant, einnehmend, ein echter Menschenfänger. Außerdem: eitel, misstrauisch und chronisch besserwisserisch. Außerdem sei er immer stark auf seine Außenwirkung bedacht gewesen. Der firmeneigene Cessna-Jet, der bis heute in Oberpfaffenhofen steht, die VIP-Lounge beim Club, das Sponsoring des österreichischen Kunstflugpiloten Hannes Arch.

Will man Demir selbst zu den Vorgängen befragen, trifft man buchstäblich auf eine Mauer des Schweigens. Denn Demir sitzt seit August diesen Jahres in Untersuchungshaft, auch sein Anwalt bezieht trotz mehrfacher Nachfrage keine Stellung. Laut Staatsanwaltschaft steht der Haftgrund allerdings „nicht in unmittelbarem Zusammenhang“ mit der Deutschen Biofonds AG. Näher äußert sie sich mit Verweis auf laufende Ermittlungen nicht.

Der Redaktion allerdings liegt ein Überwachungsvideo vor, auf dem Demir allem Anschein nach von Gehilfen ein Lagerhaus voller von ihm eingelagerter Möbel, Hard- und Software aufbrechen lässt. Diese sah er offenbar als sein Eigentum an - ungeachtet der Tatsache, dass die Insolvenzverwaltung die Waren im Zuge der Pleite der Centauri Holding zuvor beschlagnahmt und daher das Schloss ausgewechselt hatte. Die Ermittlungen, so berichten verschiedene Quellen übereinstimmend, laufen jedoch nicht nur in Bezug auf dieses Delikt – auch potenzielle Vermögensdelikte werden untersucht.

Verworrenes Firmengeflecht

Wo das Geld der Anleger ist, ist derweil ein großes Geheimnis. Hat Yaver Demir überhaupt je die Absicht gehabt, es in Wasserkraftwerke zu investieren? Oder hat er auf dem Weg dorthin nur die Kontrolle über das Vorhaben verloren? Selbst Personen, die seit Jahren versuchen, das komplizierte Firmengeflecht Demirs zu entwirren, zucken bei dieser Frage die Schultern. Gewiss scheint vielen nur, was Anwalt Pielsticker sagt: „Ich gehe davon aus, dass die Anleger ihr Geld nicht wieder sehen.“

Das legen auch Unterlagen nahe, die den Nürnberger Nachrichten vorliegen: Demnach haben mindestens zwei Dutzend Anleger, die bei der Deutschen Biofonds-Unternehmensgruppe investiert haben, ihr Geld auf Konten einer Deutschen Biofonds Treuhand beziehungsweise einer Green Energy Trust überwiesen. Zwei GmbHn, die mittlerweile ebenfalls insolvent sind. 

Nicole Netter

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